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Der renitente Chronist

In seinem Lebensbericht kommt Chaim Noll auch auf Judenfeindlichkeit in der DDR zu sprechen

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 4 Min.

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So, wie er sich selbst sieht - »renitent, unruhig, auf gedankliche Verunsicherung des Sicheren bedacht« - ist Chaim Noll auf den nahezu fünfhundert Seiten seines Buches zu erleben. Er schrieb es in der Gewissheit, sehr besonders gewesen und in einer Welt aufgewachsen zu sein, die es so nicht mehr gibt, in Zeiten der Berliner Mauer und des Kalten Krieges, die, wie er sagt, von »Absurditäten, Übergriffen und Verrücktheiten« geprägt waren.

Von Anbeginn entwickelt »Der Schmuggel über die Zeitgrenze« einen Sog bis hin zu Chaim Nolls Abkehr und endgültigem Abschied von der DDR, dem Land seiner Geburt. Auf diesen Abschied steuert alles zu - auf eine Entscheidung, die sich zum Teil auch aus der Doppelmoral seines erfolgreichen Vaters Dieter Noll erklärt, der nach außen gutheißt, wogegen er sich im Familienkreis vehement äußert. Der Sohn weiß um die väterlichen Konflikte. Er ahnt, wie der Vater zum exzessiven Trinker wurde und warum er mehr als ein Jahrzehnt brauchte, seinem ersten Roman »Die Abenteuer des Werner Holt« einen zweiten folgen zu lassen.

Seit früher Jugend lebt Chaim Noll (da heißt er noch Hans) im Zwiespalt. So aufsässig er sich in der Schule und während seiner Studienzeit in Leipzig und Jena gibt, so scharfzüngig-kritisch er sich auch artikuliert: Ihn tastet man nicht an, ihm werden die Steine aus dem Weg geräumt, darauf verlässt er sich, darauf darf er sich verlassen. Die Privilegien aber werden das Bewusstsein von der jüdischen Herkunft der Großmutter nicht verdrängen, eine Herkunft, die vom Vater so gut wie verschwiegen und aus dem Holt-Roman gänzlich herausgehalten wird. In ihm, dem Sohn aber, zeitigt sie Erkenntnisse. Er beginnt, sich als Außenseiter zu fühlen, befragt sein Aussehen, glaubt abweisende Blicke auf sich gerichtet, wittert überall unterschwellige Animositäten.

Jäh schwingt sein Lebensbericht nun weg von der Nachkriegskindheit, hin zum Politischen - zu den Parteiausschlüssen jüdischer Remigranten aus Mexiko etwa: Paul Merker und andere, bislang hoch angesehene, Genossen werden plötzlich ihrer Positionen enthoben und kaltgestellt. Warum? Und als Noll vom Verfahren gegen John Heartfield hört, dem genialen Plakatkünstler, und von der gesellschaftlichen Isolation von dessen einst berühmtem Bruder Wieland Herzfelde, steigert sich sein Argwohn. Judenfeindlichkeit? In der Sowjetunion, der ČSSR und nun auch in der DDR? Ihm schwant, dass mehr als ein Funken Wahrheit an dem Gerücht über den Verkehrsunfall in Mexiko-Stadt sein könnte, der Anna Seghers um ein Haar das Leben gekostet hätte. Ein anti-jüdischer, anti-kommunistischer Mordanschlag - könnte das sein?

Der heute über sechzigjährige Chaim Noll blickt anklagend in die Vergangenheit. So sehr sein Lebensbericht sich mit Jüdischsein und Judentum beschäftigt, von einer Hinwendung zum Staate Israel aber ist nichts zu erkennen, und gleich gar nichts davon, dass er einmal in der Negev-Wüste leben und dort den Roman »Die Synagoge« schreiben würde, und Gedichte in jüdischem Geist.

Den jungen Noch-DDR-Bürger Noll belastet, dass der Vater in einem Brief an Erich Honecker, den das »Neue Deutschland« auf der Titelseite nachdruckt, Stefan Heym, Joachim Seyppel und Rolf Schneider als »kaputte Typen« brandmarkt. Die Schmähungen isolieren ihn, den Sohn, auch er fühlt sich gebrandmarkt. Als ihn die Einberufung in die Nationale Volksarmee einholt, wird er sich für Wochen in eine Leipziger Psychiatrie einweisen lassen und dort bis an den Rand des Hungertods fasten - was ihn tatsächlich vor der Armee bewahrt. Man darf, ja wird sich wundern, dass eben dieser Hans Noll in den späten siebziger Jahren als Antwort auf die Niederschlagung der chilenischen Volkserhebung und der Ermordung Salvador Allendes um Aufnahme in die SED bat. Was ihn jedoch nicht vor dem Kapitalismus zurückschrecken lässt - 1988 stellt er einen Ausreiseantrag. Die DDR ist ihm zu eng.

Wie er seines Glücks Schmied wird, davon, aber nicht nur davon, erzählt dieser Lebensbericht. Nolls »Schmuggel über die Zeitgrenze« erweist sich als ein Zeitdokument sehr eigener Prägung. Und als ein solches will das Buch gelesen sein.

Chaim Noll: Der Schmuggel über die Zeitgrenze. Ein Lebensbericht. Verbrecher Verlag, 482 S., geb., 26 Euro.

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