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Realitätsfernes Bewusstsein von den globalen Ungerechtigkeiten: Matthias Dell über den Wiener Tatort »Gier«

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Der Wiener »Tatort: Gier« ist von der subversiven öffentlich-rechtlichen ARD ziemlich neckisch programmiert worden: am Abend des ersten Tags des G7-Gipfels auf Schloss Elmau, pünktlich zum Bergfest des Politikertreffens sozusagen. Neckisch ist das, weil dieser »Tatort« (ORF-Redaktion: Alexander Vedernjak) ein Bewusstsein von den globalen Ungerechtigkeiten hat, das so grob ist, wie man es Gipfel-Kritikern als realitätsfern, »altlinks« oder unverbesserlich vorwerfen würde. Dadurch - die Grobheit hat ihre Vorteile - läuft der Film allerdings nie Gefahr, irgendeinen weltwirtschaftlichen Zusammenhang treffend zu benennen. Noch nicht mal sein Titel wirkt absichtsvoll: Wenn die Geschichte »Eifersucht«, »Zorn« oder »Mord« geheißen hätte, könnte sich auch keiner wegen Irreführung beschweren.

Kurz: »Gier« ist ein Graus, die schlechteste ORF-»Tatort«-Folge seit langem. Mit Robert Dornhelm debütiert ein Regisseur, der fürs Kino gearbeitet und zuletzt Opern inszeniert hat. Aus Los Angeles eingeflogen, stellt er seine Figuren nun so unmotiviert in eine Chemiefabrik, wie man das mit Sängerstars auf der Opernbühne tun kann - da kommen die Leute auch nur wegen des Namens und nicht wegen des avancierten Spiels.

In der Chemiefabrik wird infolge des unmotivierten Rumstehens eine Figur, die Roswita, so sehr mit Flusssäure vollgetropft, dass sie später ihren Verletzungen erliegt. Die Rettungsversuche unter der Dusche in der Fabrik erzwingen immerhin noch einen schön in Slowmotion aufgenommen Strip der Schauspielerin Emily Cox; auf einer Skala für den originellsten Vorwand, nackte Brüste zu zeigen, müsste hier der Höchstwert angezeigt werden.

Wie sich das in Telenovelas gehört, handelt es sich bei Roswita um die Patentochter vom Ernstl (Hubert Kramar) genannten Vorgesetzten vom Eisner (Harald Krassnitzer) und der Bibi (Adele Neuhauser), bei dem, wie sich das in Telenovelas gehört, der Eisner und die Bibi zu Gast sind, als die Nachricht vom Unfall eintrifft. So fügt sich grundsätzlich alles in dieser Folge, die nicht nur unter der an Inszenierung desinteressierten Regie leidet (die Szene mit den knallharten Top-Journalistinnen, die dem Chemiefabrikchef das Mikrofon noch unter die Nase halten, als er vom Roswita-Hinterbliebenen angegangen wird, ist epochaler Quark), sondern an ihrem furchtbaren Buch.

Autorin Verena Kurth hatte schon 2013 im Wiener »Tatort: Zwischen den Fronten« die ganz großen Verknüpfungen herstellen wollen. Heißt hier, den Fall Gustl Mollath (Frau intrigiert ihren Mann ins Gefängnis, weil der einer zu begehenden Schweinerei im Unternehmen im Wege stand) eben globalistisch aufzupeppen (im Haus der Unternehmerfrau arbeitet ein indischer Gärtner, der als gewesenes Opfer von großkapitalistischen Hautverätzungen unter dem Deckmantel scheinbarer Wiedergutmachung als Schläfer seiner erlittenen Ungerechtigkeiten durch die Szene schleicht).

Es ist alles so albern wie der indische Akzent des Gärtners (spielt, was es nicht besser macht, so eine Rolle : Thomas Nash), der klingt wie der Akzent eines Inders, der englischer Muttersprachler ist. Beziehungsweise: Es ist alles so unadäquat wie die Musik (fenderndes Gitarrengedröhn: Tommy Schwöbel). Gebrauchte Dialoge (»Du hast vor drei Jahren gesagt, dass du mich liebst!«), lahme Bilder (das Unternehmerinnentum der Frau wird durch zwei Bildschirme illustriert, auf den Börsengrafiken zucken), so dass man sich fragt, warum die Folge ihre »Rote Rosen«-Kolportage, ihre »Notruf Hafenkante«-Routine überhaupt so ernst nimmt - ein ironischer Umgang mit dem eigenen Schrutz, das wäre doch mal was.

Interessant ist an so einer Anordnung dann lediglich, wie sich Gerechtigkeit vorgestellt wird: Der unterdrückte Internationalismus (der indische Gärtner) verbündet sich mit der alten Tante Sozialdemokratie (die von Johanna Mertinz gespielte lebenslange Sekretärin vom zu Unrecht verhafteten Unternehmer), um den alten guten Chef (Anian Zollner) wieder einzusetzen. Dass der seine intrigante Gattin vor dem Ende noch ungesühnt erwürgt, muss unter ausgleichender Gerechtigkeit verbucht werden.

Ein Satz, der aus Kollegen Freunde macht:
»Du hättest im Gefängnis bleiben sollen«

Etwas für den Grabstein:
»Er war ein Mann mit Visionen, bevor er den Bezug zur Realität verloren hat«

Aus dem Tagebuch von Joachim Sauer, Ende 2005:
»Draußen regiert jetzt meine Frau«

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