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Die Zukunft in Scheune

Bernd Zeller über die Keimzelle der neuen Gesellschaft, einen erfahrenen Visionär und Lenin 2.0

Unser heutiger Bericht steht unter dem Eindruck der aufwühlendsten und überraschendsten Meldung seit dem FIFA-Skandal - nämlich dass zur Rettung des Menschheitsprojektes, in das nicht nur alle Europäer ihre Hoffnung setzen, des auf Sat1 übertragenen Überrealitätsdramas »Newtopia«, der aus »Big Brother« bekannte Alt-68er Rainer Langhans in die Fernsehscheune einzieht.

Rainer Langhans passt in dieses Projekt wie die Grünen in die Talkshows. Das »Newtopia«-Konzept gilt als das kühnste Experiment zur Verbesserung der Menschheit innerhalb des privaten Fernsehens. Es soll dokumentarisch zeigen, wie sich eine Gesellschaft entwickelt, die nichts hat außer sich selbst und einer Scheune. Das funktioniert am besten, wenn die Teilnehmer keine Waffen haben und zu beschäftigt sind mit der täglichen Wertschöpfung, als dass sie Zeit hätten, Mordinstrumente zu bauen. Importieren können sie die Waffen auch nicht.

Eine Urgesellschaft mit modernen Menschen, das hat es seit der Steinzeit nicht gegeben. Zur ihrer Funktionstüchtigkeit gehört allerdings auch der Umstand, dass sie nicht zu viele Mitglieder hat. Wer noch Geschichtsunterricht hatte, erinnert sich vielleicht daran, erfahren zu haben, dass mit der Schaffung eines Mehrproduktes die ersten Ausbeutungsverhältnisse aufkamen. Jemand hat die Verantwortung auf sich geladen und damit einen höheren Anteil am Erwirtschafteten. Je mehr produziert wurde, desto ungerechter ging es zu, allerdings auf so niedrigem Niveau, dass unter diesen ökonomischen Bedingungen niemand in der Lage war zu protestieren.

So ähnlich ist es bei »Newtopia« - jedoch mit dem Unterschied, dass in der Urgesellschaft die Akteure und die Zuschauer dieselben Personen waren, wogegen es jetzt noch zusätzlich Produzenten gibt und eine Zielgruppe, die nach Möglichkeit aus anderen und mehr Leuten besteht. Die können sich darüber informieren, wie der Übergang in eine neue Gesellschaft zu vollziehen wäre.

Manche vermuten jedoch, das Experiment sei gezielt und verschwörerisch auf Scheitern angelegt, um den Bürgern die Lust am Systemwechsel zu vergraulen. Gegen diese Theorie sprechen die Einschaltquoten, die so niedrig sind, dass kaum jemand die Lehren aus dieser Reality-Geschichte ziehen könnte. Man erzählt sich, an »Newtopia« war nicht alles schlecht; die Idee war gut, nur die Umsetzung wurde von den falschen Leuten versucht.

Hier nun kommt der ersehnte Rainer Langhans in die Realität. Er hat dahingehend Erfahrungen mit der Veränderung der Gesellschaft, dass man Jahre später diese Veränderungen für wesentlich und historisch hält. Er gründete eine legendäre Wohngemeinschaft namens Kommune 1, die zur Grundlage aller weiteren Wohngemeinschaften wurde, in denen die Studenten ihre Studienleistungen mit politischen Diskussionen ausglichen. Nur die Nummerierung der Kommunen unterblieb ab einer gewissen Anzahl, womit auch die Tradition des Debattierens abriss. Das Studieren selbst wurde ersetzt durch Bachelor-Studiengänge, was ebenfalls dem Wirken der Studentenbewegung der alten Bundesrepublik zu verdanken ist.

Was Rainer Langhans in die »Newtopia«-Scheune einzubringen hat: ein Laptop. Das ist, in der Bildsprache moderner Digitaljournalisten mit Internet unterm Pflug, Lenin 2.0 zu nennen. Es ist nicht weniger als die aktualisierte Version des Satzes »Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes«. Mittlerweile geht man davon aus, dass man dann auch Geräte braucht, die man an den Strom anschließen kann, und dabei muss es sich um die moderne Kommunikationstechnologie handeln.

Die Sendung gewinnt nunmehr ihre Glaubwürdigkeit zurück, denn ein 68er wird sich nicht den Vorgaben einer autoritären Herrschaft von Produzenten und Redaktion beugen.

Viele Zuschauer schalten sicher auch ein, weil sie auf einen Auftritt der zugehörigen Uschi Obermaier warten. Nicht der echten natürlich, sondern der Schauspielerin, die sie in dem Film über sie gespielt hat.

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