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Entering Elmau

Der Protest gegen den G7-Gipfel wird nicht wirkungslos bleiben

Markus Mohr wird oft als Alt-Autonomer bezeichnet, versteht sich selbst aber als junger Kommunist. Er lebt seit dem 1. Januar 2005 von Leistungen der Arbeitsagentur, die umgangssprachlich nach einem Straftäter benannt sind.
Markus Mohr wird oft als Alt-Autonomer bezeichnet, versteht sich selbst aber als junger Kommunist. Er lebt seit dem 1. Januar 2005 von Leistungen der Arbeitsagentur, die umgangssprachlich nach einem Straftäter benannt sind.

Nun ist er vorbei: der Protest gegen das entspannte Zusammensein der mächtigsten Staatschefs der Welt im ehemaligen Fronterholungsheim der deutschen Wehrmacht in Elmau. Die Bundesregierung und die bayrische Staatsregierung ließen sich dafür nicht lumpen und brachten dafür alle nur erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen an den Start: In der ganzen Region wurde jeder nur auffindbare Gullideckel zugeschweißt.

Weit über 20.000 Polizisten aus dem ganzen Bundesgebiet wurden in die Region verlegt, orchestriert von den Warnungen des bayrischen Innenministers Hermann vor der Anreise von mehreren tausend Krawallmachern und Gewalttätern. Und Camps, die diesem allenfalls als »Keimzellen für Gewalttaten« gelten, sollten gleich ganz verboten werden.

Es ist anders gekommen. Ein Camp konnte in der malerisch gelegenen Kommune Garmisch-Partenkirchen gerichtlich erstritten werden, und auch so wurde für über 1000 residenzwillige Demonstrantinnen die Basis für einen gelebten Ferienkommunismus gelegt.

Nachdem schon in München etwa 40.000 Leute gegen den G7 demonstriert hatten, kamen zwei Tage später in das hundert Kilometer entfernt gelegene Garmisch noch einmal 5000 Leute, um gegen den Staatsgipfel Front zu machen. Mit Verlaub: Das war bestimmt die größte Demonstration der Linken in der Stadt seit dem April 1945 – sofern man die Tanks der US-Armee, die damals in die Stadt einrückten, um den Nazismus den Garaus zu machen, als Teil der Anti-Hitler-Koalition irgendwie auch zu der Linken rechnen mag.

Die Demonstration hat zusammen mit der längeren Auftaktkundgebung etwa acht lange Stunden gedauert. Die Polizei war mit ihrem aus dem gesamten Bundesgebiet herbeigekarrten und in vollem Wichs aufgestellten Kampf- und Prügeleinheiten unübersehbar vertreten. Während des Auftakts marschierten diese immer wieder durch die Kundgebung, um auch so dem politisch bestimmten Ritual der Demütigung der Gipfelgegner Geltung zu verschaffen. Der Demonstrationszug wurde von der Polizei immer mal wieder wegen Lappalien stillgestellt – man hörte von zu sehr verknoteten Seitentransparenten oder ähnlich Gravierendem. Das lange herumstehen verlangte allen AktivistInnen ein hohes Maß an Selbstkontrolle, Geduld und Disziplin ab. Auch wenn Garmisch für die Anti-G7-Demonstration letztlich kein Spießrutenlauf war, so sorgt eben das in aller Brutalität zur Schau gestellte Polizeiregime im Verlauf einer Demonstration – witzige Parolen hin oder her – eben doch für viele traurige und triste Momente. Irgendwann einmal kam es an der Spitze der Demonstration mit der Polizei zu einem, kurzen und heftigen Zusammenstoß.

Er wurde von uns durch eine ganze Reihe von zum Teil schwer Verletzten bitter bezahlt – eine Genossin erlitt durch einen Schlag mit einem Tonfa auf den ungeschützten Kopf ein Schädel-Hirn-Trauma und musste in die Intensivstation eingeliefert werden.

Im Prinzip verdient noch ein jeder Angriff eines Davids gegen den Goliath zunächst ein hohes Maß an Sympathie. Aber als Autonomer muss man Gleichnissen aus der Bibel immer mit einem gerüttelt Maß an Skepsis gegenüberstehen. Wenn der besagte Zusammenstoß eben auch mit der Perspektive verbunden gewesen sein könnte gegenüber der Ordnungsmacht vor Ort einen Durchbruch zu erzwingen, so muss dazu klar gesagt werden, dass aktuell seitens der Linken ein Durchbruch gegen das kapitalistische Krisen- und Kriegsregime nicht möglich ist. Aber eben das kann mitnichten Grund zur Resignation, einfältiger Gewaltfreiheits-Dummheit oder gar Gehorsam sein, sondern muss das Nachdenken darüber provozieren, wie die kriegs- und allseits tötungsbereiten Ordnungsmächte der Welt in der Perspektive auf ein global von Hunger, Krieg und Elend befreites Leben umgangen oder anderweitig subversiv unterlaufen werden können.

Am Tag danach machten sich dann etwa 1000 Leute auf die langen Wanderwege zum hoch gelegenen Elmau. Gerade weil klar war, dass dieses Mal eine Versorgung durch die von den Veganer-Freaks gewohnt brillant betriebene Vokü mehrere Hundert Meter über den Meeresspiegel nicht möglich sein würde, musste es das Ziel sein, in die Lobby des Luxushotels vorzudringen, um dort für Kommunismus Erfrischungsgetränke zu sich zu nehmen. Auch wenn es der Polizei dieses Mal leider gelungen ist, das zu verhindern: Das Ziel »Entering Elmau« bleibt auch in naher Zukunft politisch völlig berechtigt und richtig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat noch mitteilen lassen, dass sie »in friedlichen Demonstrationen gegen den G7-Gipfel in Bayern eine Bereicherung der Demokratie« sieht. Da hat die eiserne Hüterin der Marktkonformität mal wieder gewohnt unpräzise formuliert. Aus der Perspektive der Macht können natürlich immer nur die Proteste eine »Bereicherung« darstellen, die wirkungslos bleiben. Und eben das war Elmau ganz und gar nicht. An einem Ort der genau dafür ausgesucht worden war weltweit Klischeebilder des bundesdeutschen Neobiedermeier in die Welt zu senden, ist es gelungen ein markantes Gegenzeichen des Neins zu dem kapitalistischen Wahnsinn zu setzten. Natürlich kann das nicht alles sein, aber es stellt auch in der intellektuellen Potenz allemal mehr dar, als das geölte Gequatsche professoraler Gschaftlhuber, die darauf geiern, ihre aktive Teilnahme an der Krisenverwaltung honoriert zu sehen.

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