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Atze vor dem Aus?

Kultursenat will trotz offensichtlicher Streitigkeiten mit Theaterchef den Betrieb sichern / Piraten wollen Freigabe von City Tax-Geldern prüfen

Unbesetzte Stellen, fehlende Pädagogen, Mehrkosten wegen verpflichtender Versicherung: Leitung und Ensemble des Musiktheaters Atze befürchten eine Insolvenz noch im Winter 2015.

»Wenn nichts passiert, ist das Atze zum Ende des Jahres pleite«, erklärt Geschäftsführer Thomas Sutter. Grund für diese düsteren Worte ist u.a. ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtes. Sutter hatte vor selbigem gegen eine verpflichtende Sozialversicherung seiner Schauspieler bei der Bayerischen Versorgungskammer (BVK) geklagt - und verloren. Seiner Ansicht nach sind die Atze-Mitarbeiter nicht als »abhängig beschäftigt« zu sehen, d.h. sie sind nicht weisungsgebunden. Das Gericht ist anderer Ansicht und fällte ein Pauschalureil: Wenn nur ein/e Schauspieler/in seinen oder ihren Lebensunterhalt überwiegend am Atze verdient, müssen mit sofortiger Wirkung alle freien Mitarbeiter des Atze-Ensembles sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden. Damit die Schauspieler trotzdem die selben Löhne erhalten, kommen laut Geschäftsführung auf das Atze Mehrkosten von rund 240 000 Euro pro Jahr zu.

Thomas Sutter wandte sich daraufhin mit der Bitte an den Senat, die Förderung zu erhöhen. Ein Gespräch Ende Mai mit dem zuständigen Abteilungsleiter in der Kulturverwaltung, Konrad Schmidt-Werther, fasst Sutter zusammen: »Die Senatskulturverwaltung sieht überhaupt keinen Grund, irgendetwas für Atze zu tun. Weder für 2015, noch für den Doppelhaushalt.«

Die Fronten scheinen verhärtet: »Wir haben ungeachtet der befremdlichen Form, in der Herr Sutter interne Gespräche in sehr tendenziöser und sachlich unrichtiger Weise öffentlich macht, Interesse an einer konstruktiven Lösung der aktuellen Probleme des Atze Musiktheaters und bieten dazu unsere Unterstützung an«, sagte Kulturstaatssekretär Tim Renner auf Nachfrage des »nd«. »Die Schwierigkeiten, in die das Atze Musiktheater durch das Urteil der bayerischen Versorgungskammer geraten ist, können wie auch daraus abzuleitende Maßnahmen erst dann seriös geprüft werden, wenn dieses vorliegt.«

Renner bekräftigte, die Senatskulturverwaltung habe großes Interesse an der Fortsetzung der wichtigen Theaterarbeit durch das Atze, könne und wolle aber die Geschäftsführung nicht aus ihrer unternehmerischen Verantwortung entlassen.

»Das Atze wird im nächsten Jahr 30 Jahre alt«, so der Geschäftsführer. Die Geschichte des Theaters sei immer eine »an der Kante« gewesen. Nun stünde das Musiktheater vor dem Aus. Sutter vergleicht das Atze mit Kinder- und Jugendtheatern wie dem Grips oder dem Theater an der Parkaue. Jene Häuser werden mit Beträgen in Millionenhöhe gefördert.

Genau dieser Vergleich ist es, den manche Vertreter der Berliner Kulturlandschaft Sutter übel nehmen. »Ich meine schon, dass der Senat den Zuschuss erhöhen muss«, sagt Wolfgang Brauer, kulturpolitischer Sprecher der Linksfraktion, dem »nd«. Wenn das Land Berlin sich wünsche, dass das Atze bleibt, dann müsse es dafür sorgen, dass das Theater hinreichend gefördert wird. Sutters Vergleich mit Grips und Parkaue hält er indes für nicht passend.

Der kulturpolitische Sprecher der Piratenfraktion, Philip Magalski, hatte sich unlängst mit Sutter getroffen. Auf nd-Nachfrage verwies Magalski auf einen möglichen »Feuerwehrtopf«. »Gerade sind 1,6 Millionen Euro aus den City Tax-Einnahmen freigegeben worden für kulturelle Zwecke.« Der Senat müsse dringend prüfen, ob daraus Mittel für das Atze verwendet werden können, so Magalski. Vielleicht sei das ein Glücksfall, dass die Mittel gerade jetzt frei gegeben wurden. »Wenn Atze weg ist, ist Atze weg. «

Thomas Sutter selbst bat in einem Schreiben an den Haupt- sowie den Kulturausschuss, ebenfalls darum, zu prüfen, ob »durch die Freigabe der City Tax-Gelder etwas für das Atze getan werden kann«.

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