Werbung

Georgiens bildgewaltiger Oscar-Beitrag in Deutschland gefeiert

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 4 Min.
In Halle und Berlin präsentierte der Regisseur George Ovashvili sein Meisterwerk »Die Maisinsel«. In seiner Heimat Georgien löste der poetische Parabelfilm eine Debatte um die Freiheit der Kunst aus.

Nach einer Vorführung für das georgische Parlament warfen einige Abgeordnete dem Regisseur vor, er zeige sein Land in negativem Licht und im Konflikt um Abchasien widerspreche er der offiziellen Linie. Ein Fernsehsender dokumentierte die erhitzte Debatte, die die Neugier der Georgier auf den Film anstachelte.

»Für diese Reklame bin ich den Politkern ein wenig dankbar«, erzählt George Ovashvili am Rande der ausverkauften Premiere in den Berliner Hackeschen Höfen. Das Epos feierte seine Uraufführung beim renommierten Filmfestival in Karlovy Vary, wo es den Hauptpreis gewann. In Deutschland erregte er erstmals auf dem Festival des osteuropäischen Films in Cottbus Aufmerksamkeit.

George Ovashvili erzählt eine Parabel über das Leben im Einklang mit der Natur. Jedes Jahr spült das Schmelzwasser des Enguri fruchtbare Erde aus dem Kaukasus in die Ebene. Kleine Inseln aus Schwemmsand und Steinen entstehen im Fluss, auf denen die Bauern traditionell Mais anbauen. Diese Form des Ackerbaus wird zu einem fortwährenden Kampf mit den Gewalten. Sturm, Regen und Überschwemmungen bedrohen die Ernte. Im Herbst reißt der Fluss die Inseln mit sich fort.

Heute liegt der Fluss an der Grenze zwischen Georgien und Abchasien. Trotzdem siedelt sich der 76jährige Abga mit seiner Enkelin Asida auf einer Insel an. Gemeinsam leisten sie die schwere körperliche Arbeit. Die Ruhe wird nur unterbrochen von den Geräuschen einzelner Schüsse und den Patrouillen beider Parteien. Als ein verletzter georgischer Soldat auf der Insel strandet, muss sich ihre Menschlichkeit beweisen. Bei dem pubertierenden Mädchen löst die Begegnung mit dem attraktiven Soldaten zugleich neue, bis lang unbekannte Gefühle aus.

»Die Idee entstand, als ich von dieser traditionellen Art der Landwirtschaft und dem Leben mit dem Kreislauf der Natur hörte. Die Bauern kreieren das Land und verlieren es wieder. Sie beginnen jedes Jahr einen neuen Kreislauf des Lebens« erzählt George Ovashvili. Erst später fügte er den politischen Kontext und damit eine weitere Metapher ein. »Am Fluss geraten Menschen zwischen die Fronten, die nur das Brot für ihr Überleben anbauen wollen. Dieser Konflikt nutzt keinem. Er zerstört nur die Lebensgrundlage von Menschen. Der Mensch ist aber nicht auf der Welt, um sich gegenseitig umzubringen, sondern um mit einander friedvoll zu leben.«

Von seinem Buch überzeugte George Ovashvili Produzenten und Förderer aus sechs Ländern, neben Georgien sind Tschechien, Kasachstan, Frankreich und Ungarn dabei. Aus Deutschland wurde der Dreh von der Mitteldeutschen Medienförderung gefördert, da auch Eike Goretzky von der Hallenser Produktionsfirma 42films von der allgemeingültigen Geschichte und der ästhetischen Konzeption des Regisseurs begeistert war. Der Georgier und der deutsche Produzent hatten sich 2010 in Belgien auf einem Festival angefreundet.

An Originalschauplätzen war kein Dreh möglich. Auf einem See im Westen des Landes am Rande des Kaukasus wurde extra eine Maisinsel gebaut. Gedreht wurde in zwei Etappen – im Frühjahr und im Herbst, um das Aufblühen und Vergehen der Vegetation einzufangen.

Bei der Umsetzung des Films setzt der Regisseur auf die Kraft seiner Bilder sowie die Gesichter seiner Protagonisten. Die Konversation zwischen Abga und Asida beschränkt sich auf wenige Sätze mit Hintergrundinformationen. Nur die Gespräche mit dem Militär unterbrechen die Stille und den Sound der Natur. »Als ich meine Regieversion des Drehbuchs schrieb, merkte ich, dass ich die Dialoge nicht brauche, weil sie meist nur erklärten, was das Bild schon gezeigt hatte. Daher habe ich sie konsequent gestrichen,« betont der Regisseur. »Abga und die Natur haben ebenso wie Asida ihre eigene Art der Kommunikation. Sie braucht es keine Worte. Und die Natur selbst hat ihre eigene Sprache.«

Im Oktober feierte das Kinojuwel Premiere in Georgien. Allerdings besitzt das Land nur noch drei Kinos –zwei in Tiblissi, eins in Batumi. »Die Kinolandschaft wurde nach 1991 zerstört. Damals wurden die Kinos in Geschäft und Büros umgewandelt.«

Bei den Oscars für den besten nichtenglischsprachigen Film schaffte es »Die Maisinsel« verdient auf die so genannte Short List, die neun besten Filme unter den mehr als 70 eingereichten Werken des Jahrgangs. Seit Donnerstag läuft das Filmjuwel, das das friedliche Leben mit dem Nachbarn feiert, in den deutschen Kinos. An eine schnelle Lösung des Konflikts um Abchasien glaubt George Ovashvili indes nicht. »So lange Russland nicht nachgibt, wird es keine Bewegung geben.«

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!