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Ich sah mich selbst als Fahrer bei einem Bankraub

Sebastian Schipper über »Victoria«

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 5 Min.

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Sebastian Schipper stand in »Winterschläfer« und »Drei« für Tom Tykwer vor der Kamera. Als Regisseur etablierte er sich 1999 mit der Freundschaftsgeschichte »Absolute Giganten«.

Schippers neuer Film »Victoria« erzählt die Geschichte der Zufallsbekanntschaft einer Berliner Clique und einer aus Spanien stammenden Kellnerin, die mit einem Bankraub endet. Der in einer Einstellung gedrehte Film gilt als Favorit bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise.

nd: Was stand am Anfang dieses ungewöhnlichen Projekts?
Sebastian Schipper: Die Kooperation mit Tom Tykwer an einem Drehbuch über einen Bankraub löste in mir einen Tagtraum aus. Ich sah mich selbst als Fahrer bei einem total langweiligen Banküberfall und mache mir vor Angst in die Hose. In diese Situation wollte ich den Zuschauer mit der Geschichte einer jungen Frau mitnehmen, die beim Ausgehen ein paar witzige Chaoten kennen lernt und plötzlich am Steuer des Fluchtfahrzeugs sitzt.

Warum zeigen Sie den Bankraub nicht, dafür aber dessen vorherige Probe?
Filmemacher erliegen oft dem Irrglauben, man könne alles direkt abfilmen. Die Geschichte muss aber im Kopf des Zuschauers entstehen. Wenn eine Figur heult, ist der Betrachter ja nicht automatisch traurig. Dieses Gefühl muss in ihm provoziert werden. Von der Probe des Banküberfalls im Film kriegt der Zuschauer eine genaue Vorstellung davon, was in der Bank passieren könnte. Dann ist er nicht dabei. Die Spannung wird intensiviert. Der Film lässt die Lücke, damit der Film in uns selbst entsteht.

Brauchten Sie die lange Einführung des Kennenlernens, um diese Konstellation zu betonen?
Ich glaube, dass man im Kino mit dem gesamten Nervensystem reagiert. Daher war es wichtig, dass der Film vom Rhythmus und der Erzählstruktur her nicht wie ein Film über einen Banküberfall wirkt. Wenn er langsam Fahrt aufnimmt, sind wir anders konditioniert als wenn es von Anfang an ballert.

Wollten Sie auch dem jungen, hippen Berlin huldigen?
Mir ist egal, ob »Victoria« als Berlin-Hipster-Film gilt oder das Lebensgefühl dieser geilen Stadt spiegelt. Solche Berliner Jungs lebten hier in den 20er Jahren ebenso wie in beiden Teilen der Stadt in den 1950ern und im David-Bowie Berlin. Ureinwohner, die durchaus nerven können. Bildung haben sie nicht so viel mitbekommen. Aber sie sind sozial intelligent.

Die junge Frau heißt nur zufällig Victoria?
Die Bedeutung wurde mir erst im Nachhinein bewusst. Er steht für die Euphorie und die Hoffnung, für die Momente der Solidarität in diesem durchaus dunklen Film. Diese Unterströmung ist mir wichtig. Sie kommt aus der privilegierten Welt des Bildungsbürgertums und einem Land mit einer hohen Quote arbeitsloser Jugendlicher. Berlin ist für diese jungen Leute ein Sehnsuchtsort, wo man auf Gleichgesinnte trifft.

Was sprach dafür, den Film in einer Einstellung zu drehen?
Film braucht Fehler. Der Prozess des Filmemachens ist aber ein Wettbewerb, Fehler zu vermeiden. Regisseure sind beim Dreh so angespannt und nervös, weil jeder Fehler vermieden werden soll. Spätestens im Schnitt und der Nachbearbeitung wird alles Unperfekte ausgemerzt. Dieser Prozess killt die Filme. Das Kino muss aufpassen, nicht zu einem Zoo für domestizierte Haustiere auf einer Streichelwiese zu werden. Mit teuren Filmen, bei denen mir alles um die Ohren fliegt, der x-ten Variante erfolgreicher Comedy-Formate oder Arthouse-Filmen, die sehr langweilig sein können. Durch diese Formatierung ist es kein Wunder, dass sich der filmische Geist in den USA in die Serien verdünnisiert hat. Dort werden dramaturgisch abgefahrene Sachen gewagt, machen Leute was Unsympathisches.

Hatten Sie sich vor dem Dreh überlegt, ob und wann sie abbrechen?
Ich bin davon ausgegangen, mit drei, vier Schnitten auszukommen. Ich wollte die Geschichte nur durchspielen lassen, weil die Bilder eine andere DNA erhalten. Die Schauspieler mussten ihre Figuren verstehen und die Szenen durchleben.

Vergleicht man Ihre vier Filme, leben sie stets von großen Bildern und Experimentierfreude?
Jeder Film muss Experiment sein, nur sie faszinieren uns. Das hat nichts mit Schnitt oder Nichtschnitt zu tun, sondern mit der inneren Haltung. Zu der wir uns durch das Äußere gezwungen haben. Aber letztlich geht es nicht um uns. Sondern um die die Genauigkeit in der Psychologisierung der Figuren und das Fein-Tuning in der Motivation. Der Film behauptet niemals etwas. Alles hat Logik, das löst einen Sog aus. Das macht die Stärke aus.

Letztlich erzählen Sie stets von Freundschaft?
Freundschaft ist nicht mein primäres Thema, obwohl sie in drei meiner vier Filme eine wesentliche Rolle spielt. Ich mag diese Solidarität, von der »Victoria« auf der Metaebene erzählt. Ihr Geist färbte auf den Dreh ab. Wir haben zusammen gehalten und mit einer flachen Hierarchie gedreht. Alle spürten ihre Verantwortung. Das verbinde ich auch mit Freundschaft, die in unserer Welt immer weniger gilt. Sie lehrt uns stattdessen, achte auf Dich. du musst dich durchbringen. Das macht uns unglücklich. Glücklich macht uns dagegen, wenn wir solidarisch sind und gemeinsam etwas erleben.

Sie haben einen Verleih in den USA, als Beitrag für den Oscar als bester nichtenglischsprachiger Film können Sie aber nicht einreichen. Was spricht dagegen?
Für eine Nominierung darf der Film nur einen Anteil von 30% der Dialoge in einer anderen Sprache haben. »Victoria« hat 50%, das wurde genau ausgezählt. Natürlich wäre eine Oscar-Nominierung geil. Ich drücke vor allem meinem Kameramann Sturla die Daumen. Ansonsten bin ich überglücklich, dass der Verleih den Film relativ groß startet und die Amis auf den Film schauen.

Und die Schauspielkarriere hängen Sie jetzt endgültig an den Nagel?
Der Regie gilt mein Hauptaugenmerk. Ich spiele nur kleine Episodenrollen, die mich nicht nachhaltig beschäftigen. Im Hamburger »Tatort« zum Beispiel taucht meine Figur einfach nicht mehr auf.

Das Gespräch führte Katharina Dockhorn.

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