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Die Schnecke ist ein Idiot

Es war einmal ... - Frank Baumgart erzählt Geschichten aus der Sowjetunion

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Kennen Sie das? Man fragt sich, was macht eigentlich der Kollege soundso? Und genau in dem Moment antwortet der. In diesem Falle per Buch. Frank Baumgart hat bei der ADN-Fotoabteilung Zentralbild gearbeitet. Und was er jetzt - fern jedes Anspruches, die Welt zu verändern - aufgeschrieben hat, sei gelobt. Rundum. Die 31 Episoden sind schlicht, lustig, bedeutend, belanglos. Ehrlich. Und diesen Eindruck wird man auch gewinnen, wenn man Baumgart zwar nicht kennt, doch vielleicht gleichfalls einst ab und zu dienstlich beim »großen Bruder« vorbeigeschaut hat.

Dass dabei oft Erlebnisse nicht deckungsgleich mit den Erwartungen waren, ist bekannt. »Von der Sowjetunion lernen«, so die ausgeblichene Losung auf der Straße der angeblichen historischen Sieger, endete vor Ort zumeist mit freundlichem Kopfschütteln. Mit Respekt, mit Nachsicht, mit Staunen, mit Wut und immer wieder damit, Freunde verstehen zu wollen. Das versucht der Autor noch immer, denn seine Berichte über Erlebtes zwischen Krim, Kaukasus, Moskau und Nordmeer verbreiten nie den Eindruck von Schlaumeierei.

Vieles war und bleibt unverständlich. Auch weil viele DDR-Bürger die Sprache der Freunde nicht verstanden. Selbst nach jahrelangem Russisch-Unterricht übersetzten manche den Satz »Sneg idiot« nicht mit fallendem Schnee sondern mit: »Die Schnecke ist ein Idiot.« Baumgart indessen spricht perfekt russisch, so entgingen ihm im Sowjetalltag auch nicht die leisen Töne. Die er jetzt aber keineswegs mit Getöse weiterreicht.

Natürlich war Baumgart als der Wortmann der ZB-Bildreporter bei Staatsbesuchen dabei. Doch auf seinen über 50 Dienstreisen ins Riesenreich hat der Autor weit mehr als die offizielle Politik einer Supermacht kennengelernt. Die Sowjetunion besteht für ihn noch immer aus Menschen, an die vor allem erinnert werden sollte. Er erinnert sich nun im Abstand von weltbewegten Jahrzehnten nicht nur an gefüllte Wodkagläser. Obgleich es selten ohne diese abging, vermeidet der Reisende alte sozialistische Schablonen wie moderne Effekthascherei der westlichen Moderne. Im Titel steht der Begriff »Freundbild«. Welch wichtige Provokation in einer Zeit, in der wieder platte Schlagzeilen »die Russen« ins Reich des Bösen verbannen.

Keine Sorge, Baumgarts Geist und Buchstaben sind nicht aus weltanschaulichem Beton gegossen. Ganz im Gegenteil, er lässt seine Leser am inzwischen reichlich angehäuften geistigen Zugewinn teilhaben. Man findet in dem Band Episoden von Besuchen in Kolchosen, Fabriken, Parteikomitees, man bekommt Kulturprogramme geschildert, ist zu Gast in Pionierlagern und Museen. Die letzte Episode beschreibt eine skurrile Geschichte. Baumgart gehörte zum Tross beim letzten und höchst diffizilen »Freundschafts«besuch Erich Honeckers im Land von Perestroika und Glasnost. Der Autor erinnert sich, wie froh er war, nur als Journalist und nicht offizieller Dolmetscher dabei zu sein. Honecker besuchte Magnitogorsk, das nahezu sakrale Zentrum der jungkommunistischen Aufbaubewegung in statischen Zeiten. Das angesetzte Volksfest endete in einem Fiasko, Tomaten und Eier flogen. Im »Neuen Deutschland« erschien dennoch ein Magnitka-Jubelartikel, verfasst von einem höher gestellten ADN-Mann. Die »oberste Heeresleitung wollte das doch so«, lautete die Erklärung des Lohnschreibers.

»Soviel zum ›Glück‹, in der DDR Journalist zu sein und nicht Dolmetscher«, schreibt Baumgart. Danke Frank, dass du es - dein Bändchen beweist es - noch immer bist.

Frank Baumgart: Freundbild Sowjetunion. Innenansichten einer verschwundenen Supermacht. NOTschriften Verlag, Radebeul. 184 S., geb., 19,90 €.

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