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In Leinen

Wolfgang Herrndorf 50

So schön es für einen Literaten ist, wenn ein Verlag ihn bereits im Alter von 50 Jahren mit einer Werkausgabe ehrt, so traurig ist das auch. Um solche Würden zu erlangen, muss ein Autor ja nicht nur außergewöhnlich gut sein, sondern auch tot. Beides trifft auf Wolfgang Herrndorf zu, dessen binnen zehn Jahren zur Welt gebrachtes literarisches Gesamtwerk der Rowohlt-Verlag vor wenigen Tagen in einer dreibändigen Ausgabe wiederveröffentlicht hat, gebunden in geschmackvoll petrolfarbenes, silbern graviertes Leinen und ausgeliefert im Schuber.

Herrndorf, am 12. Juni 1965 - vor 50 Jahren - in Hamburg geboren, war 2010 an einem Hirntumor erkrankt und am 26. August 2013 mit Hilfe einer Pistole aus dem Leben geschieden, das für ihn keins mehr war. Das größte Verbrechen, das ein Autor an seinen Lesern verüben kann, war für Herrndorf, ihn zu langweilen. Das größte Verbrechen, das ein Mensch sich selbst antun kann, hatte er in dem Zustand erkannt, nicht mehr Herr seiner eigenen Sinne zu sein.

Von seinem Debütroman »In Plüschgewittern« (2002), dessen Titel Ernst Jünger so herrlich verpolstert, und seiner Erzählsammlung »Diesseits des Van-Allen-Gürtels«, für deren Titelgeschichte er sich 2004 beim Klagenfurter Wettlesen mit dem Kelag-Publikumspreis auszeichnen ließ, über seine Erfolgsromane »Tschick« (2010) und »Sand« (2011) sowie sein kluges, aufrechtes, witziges, tragisches Krankheitstagebuch »Arbeit und Struktur« (ab 2010 als Weblog, 2013 als Buch) bis hin zum posthum zusammengeschusterten, nichtsdestotrotz ein ganzes Wald-und-Wiesen-Universum erschaffenden Roman »Bilder deiner großen Liebe« - alles, was der streng auf Qualität bedachte Autor selbst zur Veröffentlichung freigegeben hatte, ist in der Ausgabe enthalten. Ein paar verstreut erschienene Texte, ein kurzes Herrndorf-Porträt (verfasst von dessen enger Freundin und Kritikerin Kathrin Passig) sowie ein Nachwort von Tobias Rüther runden das Ganze ab.

Auf dem Schuber ist ein Porträt aus der Froschperspektive abgebildet, das Herrndorf irgendwann von sich selbst gemalt hat. Bevor er Schriftsteller wurde, war er ja Maler. Nach seinem Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg (und einem Nachtjob bei der Post), hatte der zurückgezogen und bescheiden lebende Herrndorf seine Erdnussbutter als Illustrator verdient, etwa für die »Titanic«, den »Tagesspiegel« und den Haffmans Verlag. Kein Kunst-, sondern das Literaturhaus Berlin widmet sich mit einer an diesem Freitag eröffnenden Ausstellung der Wiederentdeckung seines bildkünstlerischen Werks. Auf der Ankündigungspostkarte ist aber lustigerweise gar keines der hyperrealistischen Personen- oder Landschaftsporträts abgebildet, und auch keine komische Zeichnung von Wolfgang Herrndorf, sondern ein handgeschriebenes Wort: »Bilder«.

Wolfgang Herrndorf: Gesamtausgabe. Rowohlt, 3 Bde., 1840 S., geb., 49,95 Euro. Ausstellung »Bilder« im Literaturhaus Berlin, 13.6. bis 16.8., Eröffnung am 12.6., 20 Uhr.

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