Werbung

Ewa Kopacz flieht nach vorn

Polens Regierungschefin baut das Kabinett um und hofft auf die nächste Wahl

  • Von Julian Bartosz, Wroclaw
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Mit der Selbstauflösung des Parlaments wird es wohl nichts, dem oppositionellen Linksbund SLD fehlt es an Stimmen. Der Umbau des Kabinetts wird aber kaum letztes Wort nach der polnischen Wahl sein.

Polens Premierministerin Ewa Kopacz versucht die Flucht nach vorn. Sie zwang am Dienstag drei ihrer Minister zum Rücktritt. Auch Sejmmarschall Radoslav Sikorski (PO) soll gehen. All dies war Folge einer Enthüllung im Internet. Danach habe die Staatsanwaltschaft die Untersuchung der Hintergründe einer Abhöraffäre im Juni des Vorjahrs im Sande verlaufen ließ (siehe Randspalte).

Schon die gescheiterte Wiederwahl Bronislaw Komorowskis als Staatspräsident bedeutete für die seit über sieben Jahren in Koalition mit der Bauernpartei regierende Bürgerplattform (PO) geradezu eine Katastrophe. Sie will nun zu den für Oktober anberaumten Parlamentswahlen »alle Kräfte« mobilisieren, um das Steuer in den eigenen Händen zu behalten. Gibt es diese Kräfte?

Selbst Wladyslaw Frasyniuk, bekannter »Solidarnosc«-Führer aus Wroclaw und seit Jahren Geschäftsmann, ist mehr als skeptisch. Die PO sei ja nie eine Ideengemeinschaft gewesen. Die Macht sei ihr Ziel gewesen, sonst gar nichts. Tusk habe vor seinem Aufstieg an die Spitze der Europäischen Union verbrannte Erde hinterlassen. Die Stimmung im Lande werde für die Partei der derzeitigen Regierungschefin Ewa Kopacz immer schlechter. Polens Bürger - so Frasyniuk - hätten es satt, einer Partei zu folgen, in der man nur über und unter sich sprechen konnte. Solche Arroganz habe jetzt fatale Folgen.

Die PO wurde zusätzlich geschwächt durch die Gründung von »Modernes Polen« mit Leszek Balcerowicz im Hintergrund. Zudem wollen gleich zwei andere Bewerber der Plattform den Anspruch »Partei feiner Leute« streitig machen: die Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), und die eigentlich nicht existente Kukiz-Bewegung.

So halten in der politischen Landschaft die Nachbeben der »Präsidentenkatastrophe« an. Für die Kaczynski-Partei PiS, deren Vertreter Andrzej Duda als gewähltes Staatsoberhaupt am 6. August vereidigt wird, steht außer Zweifel, dass sie auch im Sejm die Mehrheit gewinnt. Doch da will aber Pawel Kukiz im Herbst »Polen nehmen«.

Der 52-jährige bekannte Rockmusiker studierte in Wroclaw Jura und in Warschau Politologie. Die Texte in seiner Band »Piersi« (Brüste) waren sehr oft politisch gefärbt. Mal richteten sie sich gegen eine klerikale Partei, mal gegen das Meinungsmonopol von Adam Michnik, Chefredakteur der »Gazeta Wyborcza«. Die Grundrichtung insgesamt - immer dagegen. Hinter die Kulissen der Macht konnte der Künstler als Mitglied des Woiwodschaftssejms in Wroclaw auch schauen. Drei Jahre seiner Mitwirkung an publizistischen Programmen im Fernsehen am öffentlich-rechtlichen polnischen Fernsehen TVP1 waren ebenfalls für sein Werden nicht bedeutungslos. Als er im ersten Wahlgang für das Amt des Staatspräsidenten über 20 Prozent erhielt, war dass offizielle Polen aber schockiert und einfach baff. Wie konnte das nur geschehen?

Davon, dass man nur zwischen einem größeren oder kleineren Übel die Wahl haben solle, »haben wir die Schnauze voll«, verkündete Kukiz auf seinen Veranstaltungen mit Musik und in fescher Kluft. Er wolle keine Veränderung im System - das ganze System wolle er ändern. Damit es normalen Bürgern, vor allem der Jugend, besser gehe. »Eine andere Politik ist möglich«, lautet seine Parole. Damit die Diktatur der Parteien aufhöre, seien Parlamentsabgeordnete in 460 Wahlkreisen direkt zu wählen. Die letzte »Sonntagsfrage« ergab laut dem Institut IBRIS 24,2 Prozente für Kukiz, 24 für PiS und 21 für PO.

Man schimpft Kukiz im Medienmainstream einen »Super-Hater«, also großen Hasser. Dass er wie ein mächtiger Sandsturm wirke, ist schon richtig. Er wirbelt Staub und Dreck auf. Stroh im Kopf hat er aber nicht. Populisten darf man ihn nennen. So ist die junge Generation, die den Paternalismus der Alten beklagt.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!