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Von Tee-Tipplern und Tie-Tie-Ei-Pielern

Danke, Bielefelder Stadthalle! Wie mir ein Linksparteitag die Präliminarien zu einer politischen Soziologie des TTIP-Redens erschlossen hat

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 2 Min.

Über das Freihandelsabkommen mit der Abkürzung TTIP ist alles gesagt. Denkt man jedenfalls, weil man eigentlich nichts mehr darüber hören will. Aber mit zunehmender Informationssättigung öffnen sich dann doch neue Blickwinkel. Besser gesagt: Hörweisen.

Zum Beispiel in Bielefeld: Mit freundlicher Unterstützung der Akustik in der dortigen Stadthalle und einer Reihe der beim Linksparteitag präsentierten Wortvorträge haben sich dem Autor die Präliminarien zu einer politischen Soziologie des TTIP-Redens erschlossen.

Da gibt es zum ersten die Gruppe derer, die Tie-Tipp sagen. Politisch und sozialstrukturell unauffällig, weil vielseitig, bilden die Tie-Tipper das große Mittelfeld der Freihandelsaussprache. Die Artikulation der Abkürzung deutet eine gute Kenntnis der Materie an. Die Tie-Tipper sorgen sich um die Demokratie, sehen soziale wie Verbraucherrechte bedroht und wissen, dass die SPD bei dem Thema mal wieder irgendwie versagt. Mit den multinationalen Konzernen sind sie überdies nicht einverstanden. Politisch machen sie also alles richtig.

Das kann man von der nächsten Gruppe eigentlich auch sagen. Dennoch müssen von den Tie-Tippern die Tie-Tie-Ei-Pieler unterschieden werden – die Elite der TTIP-Kritiker. Sie wissen um ihre herausgehobene Stellung und demonstrieren dies durch die exakte – natürlich ganz beiläufige – Aussprache der englischen Abkürzung für dieses Freihandelsdingens. Der Tie-Tie-Ei-Pieler weiß, dass es noch eine weitere Globalisierungssauerei namens Ceta gibt und kann auf Diskussionen mit neuesten Neuigkeiten aus dem intransparenten Verhandlungsgeschehen beeindrucken. So wichtig der Tie-Tie-Ei-Pieler als Multiplikator zur Popularisierung des Widerstands ist, so sehr wohnt ihm doch eine gewisse Überheblichkeit inne – das Abgrenzungsgebaren zeigt sich etwa im Hochschnellen von Augenbrauen, dargeboten in der Regel während des Redens der dritten Gruppe der TTIP-Kritiker: der Tee-Tippler.

Der Tee-Tippler ist vom Tie-Tipper mit dem bloßen Ohr kaum zu unterscheiden. Mit einer gewissen Einübung gelingt es aber auch Laien, den Tee-Tippler zu erkennen und seine Sonderheit schätzen zu lernen: Dem Tee-Tippler geht es nicht um politische Selbstinszenierung, er will nichts werden, strebt kein Amt an. Er ist sich auch nicht zu schade, auf Anti-TTIP-Demos irgendwelche Pappschilder hochzuhalten – eine Street Credibility, die in der Gruppe der Tie-Tie-Ei-Pieler nur selten beobachtet werden kann.

Auf einer anderen Ebene freilich sind Tie-Tipper, Tie-Tie-Ei-Pieler und Tee-Tippler dann doch wieder vereint: Es gäbe sie nicht, wenn da nicht dieses TTIP in Arbeit wäre. Die damit verbundenen existenzphilosophischen Fragen können in dieser soziologischen Annäherung leider nicht beantwortet werden. Aber was wären wir ohne Forschungsdesiderate?

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