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Als Tito und Cary Grant einmal über Kleidung redeten

Dem italienischen Autorenkollektiv Wu Ming, bekannt geworden durch den Roman »Q«, ist ein großer Wurf gelungen

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Das italienische Autorenkollektiv Wu Ming, bekannt durch seinen Roman »Q«, begann in den 90ern als politische Gruppe, die mit den Mitteln der Kommunikationsguerilla im kulturellen und politischen Kontext intervenierte. In ihrem Roman »54« treffen kommunistische Partisanen auf Cary Grant.

Was passierte denn eigentlich im Jahr 1954, abgesehen vom WM-Fußballsieg der BRD, um den es hier aber überhaupt nicht geht? Das italienische Autorenkollektiv Wu Ming zeigt in seinem genialen Roman »54«, dass dieses Jahr ein historisch bedeutendes war. Denn 1954 verorten die fünf anonymen Autoren das Ende der unmittelbaren Nachkriegsordnung: Ein Jahr nach Stalins Tod reformierte Tito den jugoslawischen Sozialismus, Joseph McCarthy jagte wie besessen Kommunisten, Ho Chi Minh siegte gegen die französische Kolonialbesatzung, es kam zur Indochina-Konferenz in Genf und ein Jahr später brach der Vietnam-Krieg aus.

Geschichte ist ein zentrales Thema in den Büchern von Wu Ming, benannt nach einem chinesischen Wort, das je nach Betonung »Namenlos« oder »Fünf Personen« bedeutet. Die fünf entwickeln in ihren historischen Romanen aber in Anlehnung an Antonio Negris Konzept der Multitude ein alternatives Geschichtsmodell von unten, also jenseits der politischen Ereignisgeschichte - auch wenn die mitgeliefert und in die Handlung eingewoben wird. Entsprechend erfährt der Leser in »54« viel darüber, was die italienischen Partisanen knapp zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs taten, welche Zerwürfnisse es unter italienischen Kommunisten gab, welche Rolle das um diese Zeit entstehende Fernsehen spielte, wie es um Schmuggel und Drogenhandel zwischen Bologna, Neapel und Marseille bestellt war und welche Wendung Cary Grants Karriere nahm.

Denn der Hollywood-Schauspieler soll auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs einem Plan des englischen Geheimdienstes zufolge in einem Film über Tito mitspielen und als eine Art Botschafter auch gleich den jugoslawischen Staatschef treffen, um so eine Annäherung des Westens an Jugoslawien zu erreichen. Das hat in Wirklichkeit natürlich nie stattgefunden. Aber die überaus amüsante Fiktion um das Treffen Titos, der wie alle Personen in dem Roman ein großer Cary-Grant-Fan ist, mit der Schauspiellegende ist die erzählerische Klammer, um die unterschiedlichen Fäden des weit ausschweifenden Romangeschehens zusammenzubinden.

Da gibt es Pierre, einen jungen Kommunisten aus Bologna, ein begabter Tänzer, liiert mit der schönen Angela, die mit einem Parteibonzen verheiratet ist. Pierre reist verdeckt auf einem Schmugglerschiff nach Jugoslawien, um dort seinen Vater aufzuspüren, der im Krieg desertierte und sich auf die Seite der Partisanen schlug, mittlerweile aber unter Tito Probleme hat und auf einer einsamen Insel haust. Genau dort treffen sich Cary Grant und Tito und fachsimpeln über Stilfragen in Sachen Kleidung.

Auch die historische Figur Lucky Luciano spielt in »54« eine Rolle. Der ursprünglich aus Sizilien stammende und 1946 aus den USA nach Italien ausgewiesene Mafioso gilt als einer der Begründer des organisierten Verbrechens in den USA. Aber auch Alfred Hitchcock hat einen Gastauftritt neben dem vietnamesischen Kaiser, der in Cannes im Casino das Geld der US-Steuerzahler auf den Kopf haut, und im Hintergrund sind stets der Kommunistenjäger McCarthy und seine schmierigen Handlanger vom FBI zugange. Daneben springt die Erzählung aber auch immer wieder zu Schmugglern in Neapel und alten kommunistischen Männern in einer Kneipe in Bologna, die ausführliche Diskussionen führen über das große und kleine politische Weltgeschehen - wie etwa den Staatsstreich in Guatemala, die militärischen Konflikte in Asien oder die Schlägerei mit der Polizei auf der Demonstration am vergangenen Wochenende.

Wu Ming schieben die einzelnen Erzählebenen auf geniale Weise zusammen. Das liest sich flott, ist ungemein spannend geschrieben und ab und zu muss man schlicht laut auflachen - etwa wenn der KGB versucht, Cary Grant an einem jugoslawischen Strand zu entführen, ihm ehemalige kommunistische Partisanen aus Italien aber dazwischenfunken, Cary Grant die Haut retten und hinterher verblüfft feststellen, wen sie da vor sich haben.

Seit 1999 hat das Wu-Ming-Kollektiv acht Romane veröffentlicht, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, auf Deutsch war bisher aber nur ein Titel lieferbar. Der Roman »Q« über die frühe Neuzeit und radikale religiöse Strömungen wie die Täufer, war weltweit erfolgreich. Lange Zeit wurde die Anonymität der Kollektivmitglieder gut gehütet, mittlerweile wird darauf verzichtet, auch wenn die fünf immer noch sehr kamerascheu sind. Die Autoren sind im Umfeld sozialer Bewegungen angesiedelt und begannen ihre gemeinsame Arbeit in den 1990er Jahren als politische Gruppe, die mit den Mitteln der Kommunikationsguerilla im kulturellen und politischen Kontext intervenierte, unter anderem warb sie für angeblich von Affen gemalte Ölbilder, die bei der Biennale in Venedig ausgestellt werden sollten.

Das Konzept einer Autorschaft stellen sie grundsätzlich in Frage, weshalb ihre Romane im Original auch auf ihrer Homepage kostenlos heruntergeladen werden können. Der Verlag Assoziation A plant nun, nach »54«, das im italienischen Original bereits 2002 erschien, im Lauf der nächsten Jahre noch weitere Titel zu veröffentlichen. Die sollte man sich keinesfalls entgehen lassen.

Wu Ming: »54«. Roman. Aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold. Assoziation A. 540 S., geb., 24,80 €.

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