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Der Schrecken ist Alltag geworden

Medikamentenmangel, verblichene Verkaufsschilder, verstummte Proteste - ein Stimmungsbericht aus Athen

  • Von Anke Stefan, Athen
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Mehrheit der Griechen will nach wie vor den Euro behalten. Doch Panik wegen eines möglichen Grexits bleibt aus. Die Menschen haben genug damit zu tun, die alltäglichen Folgen der Krise zu bewältigen.

»Das Medikament ist zur Zeit nicht erhältlich«, sagt die Apothekerin zu der Kundin vor mir. Seit zwei Jahren höre ich diesen Satz bei jedem zweiten Besuch einer Apotheke. Denn nicht nur die internationalen Gläubigerinstitutionen geben Griechenland keinen Kredit mehr. Alles, was das Land importiert, gibt es nur gegen Vorkasse oder zumindest Zahlung bei Lieferung. Und so fehlen in unregelmäßigen Abständen einzelne Produkte in Supermärkten oder eben dringend benötigte Medikamente.

Wenn man die denn überhaupt bezahlen kann. Etwa 150 Millionen Euro hat die vormalige Regierung Samaras im letzten Jahr für die kostenfreie Behandlung von 2,5 Millionen aus der Sozialversicherung geflogenen Griechen ausgegeben. Bezahlt wurden allerdings nur Arztbesuche oder Aufenthalte in den staatlichen Krankenhäusern. Für Medikamente oder notwendige Untersuchungen kam der Staat nicht auf. Hier helfen nur die zahlreichen Sozialkliniken. Ärzte opfern ihre Freizeit, Apotheker, Arzneimittelimporteure und Pharmafirmen steuern Sachspenden bei. Ohne diese von Freiwilligen geführten Einrichtungen wäre die Zahl der mangels ärztlicher Versorgung verstorbenen Menschen um ein Vielfaches höher.

Die SYRIZA-geführte Regierung will nun nicht nur die Einkommensobergrenze für den Bezug kostenloser medizinischer Versorgung von 6000 auf 12 000 Euro Jahreseinkommen erhöhen. In diesem Jahr sollen auch medizinische Untersuchungen unter die Leistungen fallen. Woher das Geld dafür kommen soll, ist allerdings angesichts der höchst prekären Lage der Staatskassen unklar.

Überhaupt hat sich für viele Menschen seit dem Wahlsieg von SYRIZA Ende Januar nicht viel geändert. Beim Spaziergang durch mein Viertel sehe ich in jedem dritten bis vierten Schaufenster ein Schild, das den Laden zur Miete oder zum Verkauf anbietet. Das sind etwa so viele wie vor einem Jahr, die meisten Schilder sind mittlerweile bereits verblichen. Neue Mieter oder Käufer gibt es kaum.

Auch das ist nichts Neues: In Zeiten der Krise verkauft nur, wer unbedingt muss. Den anderen aber fehlen trotz zahlreicher »Schnäppchenangebote« insbesondere auf dem Immobilien- und Automarkt die nötigen Euro. Neu ist jedoch, dass selbst laufende Verkaufsverhandlungen derzeit auf Eis gelegt werden, wie ein befreundeter Anwalt zu berichten weiß. Die Leute haben Angst vor einem »Grexit« kurz nach erfolgreichem Verkauf. Dann schon lieber die Immobilie behalten, anstatt über Nacht einen dramatischen Wertverlust des Verkaufserlöses zu riskieren. »Erst mal schauen, was passiert« ist der Satz, den man derzeit am häufigsten auf die Frage nach der Zukunft zu hören bekommt.

Auch in der Werbung zieht Zurückhaltung ein. Im Fernsehen beispielsweise sind die Spots trendiger Produkte für hippe Konsumenten selten geworden, stattdessen preisen sämtliche Supermärkte ihre Rabatte bei Produkten des täglichen Bedarfs an. Die für den Fall einer Einigung mit den Gläubigern in Aussicht gestellte Erhöhung der Mehrwertsteuer selbst auf Nahrungsmittel wird solchen Angeboten noch mehr Aufmerksamkeit bescheren. Sollten sich die EU und der Internationale Währungsfonds auch noch mit der Forderung durchsetzen, die Stromrechnung vom ermäßigten (derzeit 13 Prozent) in den Hauptsteuersatz (23 Prozent) zu katapultieren, dürfte sogar das Einschalten der Klimaanlage in den bereits einsetzenden Hitzewellen zum Luxus werden.

Trotz all dem ist da diese erstaunliche Gelassenheit. Fast niemand redet mehr über »die Krise« oder streitet sich im traditionellen Debattierclub-Ersatz, dem »Kafeneion«, über den Ausweg aus derselben. Kein Vergleich zu den »wilden Jahren« 2010 und 2011, wo fast täglich gestreikt oder demonstriert wurde. Kein Vergleich auch zu den hitzigen Diskussionen im letzten Wahlkampf oder den von hohen Erwartungen geprägten Kommentaren über die anfänglichen Auftritte des neuen Kabinetts unter Ministerpräsident Alexis Tsipras. Und obwohl kaum jemand auf den Euro verzichten will - das zeigen alle Umfragen, zuletzt sprachen sich 77 Prozent für den Verbleib im Euro aus -, haben auch die weiterhin täglich in den Nachrichten vermittelten Horrorszenarien im Falle des »Grexit« ihren Schrecken verloren. Seit nunmehr fünf Jahren wird die Pleite für den Fall angedroht, dass die Auflagen für die nächste Rate bis zum Stichtag X nicht erfüllt sind. Gefühlt unendlich oft wurde dieser Stichtag aber wieder und wieder verschoben. Dennoch wünschen sich drei Viertel der Griechen laut Umfragen eine Verhandlungslösung. »Mehr Realismus«, sprich Akzeptanz der Gläubigerforderungen, wollen 56 Prozent, fast 40 Prozent befürworten im Fall des Falles dagegen den Bruch.

Man hat die Regierung gewählt, von der man glaubt, dass sie am ehesten geeignet ist, die Verhältnisse wirklich zu ändern. Nun wartet die Mehrheit der Menschen ab und kümmert sich um die Überwindung der zahlreichen kleinen und großen persönlichen, von der Krise erzeugten Schwierigkeiten. Und resigniert. Die Mehrheit der Bevölkerung hat die in SYRIZA gesetzte Zuversicht verloren. An eine Besserung der Situation glauben derzeit nur 31 Prozent, im Februar waren es noch 62,5.

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