Früher war mehr Betonung!

Der Schriftsteller, Übersetzer und Vortragskünstler Harry Rowohlt war eine Naturgewalt

Viele dürften den rauschebärtigen gutmütigen Gesellen mit der imposanten Brummbärstimme nur als »Penner Harry«, der von 1995 an in der Vorabendserie »Lindenstraße« zu Wort kam, gekannt haben. Dort stapfte er gelegentlich durchs Bild.

Doch die eigentliche Berufung des Schriftstellers, langjährigen »Zeit«-Kolumnisten (»Pooh’s Corner«) und Übersetzers, der schon im Alter von vier Jahren lesen konnte, war zeitlebens eine andere: die Literatur, und zwar zumeist die vom deutschen Literaturbetrieb jahrzehntelang so sträflich vernachlässigte und belächelte komische. Die las er, liebte er, übersetzte er, kommentierte er. Ihr lieh er die Unzahl von Tonfällen, Dialekten, Sprechweisen, zu denen er mit seiner unfassbaren Stimme fähig war, die diversen Klangnachahmungstechniken und onomatopoetischen Knalleffekte, die er draufhatte, nicht zu vergessen. Bei seinen öffentlichen Auftritten als Vortragskünstler und Rezitator konnte Rowohlt so wirkungsvoll brüllen, dass die Wände vibrierten, und innerhalb von Sekundenbruchteilen das schüchterne Antwortfiepen einer Maus hinterherschieben. Soeben war er noch in die Rolle eines volltrunkenen Kneipengasts geschlüpft, kurz danach mutierte er zur zeternden und jammernden Mutter oder zum streng zu Sittsam- und Enthaltsamkeit mahnenden Pastor. Und wurde dafür von vielen - man kann das nicht anders sagen - geliebt.

Die Karriere des - so einer seiner Verleger - »nicht immer ganz einfachen« Kauzes Harry Rowohlt, Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt, war nicht so verlaufen, wie ursprünglich vorgesehen. Sein Vater hatte für ihn eine Laufbahn im Verlag geplant. Doch der Sohn, der zum berühmten Vater ein gespanntes Verhältnis pflegte (»Meinen Vater habe ich als jemanden erlebt, der zu den seltenen Menschen gehört, die überhaupt nichts können«), schlug das Erbe aus, verkaufte seinen Anteil am Verlag und wurde freischaffender Intellektueller.

Er übersetzte die Werke zahlreicher Künstler, die vom Betrieb gern als literarische Außenseiter und Sonderlinge eingestuft und nicht in die offiziellen Literaturkanons aufgenommen wurden, mit einer geradezu obsessiven Genauigkeit, etwa die Comics des Underground-Zeichners Robert Crumb, das Prosawerk des bis heute missachteten irischen Kolumnisten und Schriftstellers Flann O’ Brien, die Erzählungen des US-amerikanischen Satirikers Kurt Vonnegut, die Gedichte des vergessenen Songschreibers und skurrilen Lyrikers Shel Silverstein (»Ich sprach zu meinem Roboter: ›Mein Wunsch sei dir Gesetz.‹ / Da gähnte laut mein Roboter und sagte: ›Spinnzu jetz?‹«) Einige seiner an die 170 Übersetzungen wurden Best- und Longseller, etwa Frank McCourts Roman »Die Asche meiner Mutter« über eine Jugend im von Armut gebeutelten Irland. Der Luchterhand-Verlag, der das Buch publizierte, so erzählt Rowohlts Freund und Verleger Klaus Bittermann, habe später dem pedantischen Rowohlt verbieten wollen, zu behaupten, er hätte das Manuskript des Romans dreimal übersetzt, »einmal aus dem Englischen und zweimal aus dem Lektorat«.

Es dürfte wohl auch kein Zufall sein, dass die Verlage, in denen die meisten seiner Bücher und Übersetzungen herauskamen (Haffmans, Kein und Aber, Edition Tiamat), heute bekannt sind für ihr feines verlegerisches Gespür für Literatur, in der stilistisches Können und scharfer, boshafter Witz zusammenkommen.

Darüber hinaus war Rowohlt berühmt für seine öffentlichen Lesungen, die er oft gemeinsam mit gleichgesinnten Schriftsteller- und Journalistenkollegen absolvierte. Zu seinen besten Zeiten waren drei- bis sechsstündige Lese-, Gesprächs- und Quatschsitzungen, bei denen reichlich irischer Whisky die Kehlen hinabfloss, reichlich Witze gemacht wurden und bei denen in der anwesenden Zuhörerschaft nicht eine einzige Minute Langeweile aufkam, keine Seltenheit. Und häufig ging die Lesung frühmorgens, im Beisein einiger Freunde und Kollegen, in der nächstgelegenen Kneipe weiter. »Schausaufen mit Betonung« nannte er das. In den letzten Jahren, als er aufgrund seiner angegriffenen Gesundheit mehr und mehr auf den Genuss des von ihm so geschätzten Whiskys verzichtete, sprach er von »Betonung ohne Schausaufen«. Humorlosigkeit kann man dem Mann gewiss nicht vorwerfen. Aufgrund seiner späthippiesken Erscheinung (Jeans und lässiges Ringelshirt, buschiger Rübezahlbart, John-Lennon-Brille, lange graue Haarmähne), die nicht der kleinbürgerlichen Vorstellung vom geschniegelten Suhrkamp-Poeten entsprach, konnte es ihm hin und wieder passieren, dass er bei seinen eigenen Lesungen ausgesperrt blieb. Rowohlt: »Ich werde jetzt bei meinen eigenen Lesungen reingelassen und an der Tür nicht, wie mir das dreimal im Literaturhaus Hamburg passiert ist, mit der Bemerkung abgewiesen: Hier ist heute Dichterlesung!«

Wenn er längere Dialogpassagen aus Romanen oder Erzählungen vortrug, begnügte er sich für gewöhnlich nicht damit, mit seiner Stimme und fürsorglich gesetzten Pausen für die Zuhörer die jeweils sprechende Figur kenntlich zu machen, sondern führte ein beeindruckendes Einpersonendrama auf, bei dem er sämtliche Rollen spielte, Regie führte und obendrein gekonnt improvisierte. All das tat er - damit wir uns hier recht verstehen - im Sitzen, ausgestattet nur mit seiner Stimme und einem kleinen Repertoire an Gestik und Mimik. Kurz: Der Mann war in jeder Hinsicht eine Attraktion, eine Naturgewalt. »Die lustigsten Anrufe erreichten mich aus Hamburg, wenn Harry Rowohlt am Apparat war«, schreibt Bittermann im »Tagesspiegel«. »Hinterher wusste ich allerdings oft nicht mehr, was der Anlass des Anrufs war, denn Harry erzählte eine Anekdote nach der anderen, die ich dummerweise meistens wieder vergaß, auch wenn ich mir vornahm, die mir jetzt aber zu merken. Aber kaum dachte ich das, kam schon die nächste Episode.«

Rowohlts berühmte Übersetzungen der ärgerlicherweise bis heute als »Kinderbücher« missverstandenen Literaturklassiker »Pu, der Bär« von A. A. Milne und »Der Wind in den Weiden« von Kenneth Grahame etwa können als Geniestreiche gelten, denn Rowohlt hat, dank seines einzigartigen Talents als Übersetzer und seiner großen Liebe zur Sprache sowie der Vielfalt und Schönheit der Möglichkeiten, die sie birgt, nicht nur den bloßen Inhalt der Originale ins Deutsche übertragen. Ihm ist gelungen, was nur wenigen gelingt: die deutsche Fassung eines Werks so geistreich, so frisch klingen zu lassen, als handele es sich um das Original. Rowohlt - und das zeichnete ihn im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen aus - rettete die Originalität, den Wortwitz, den Esprit, den Charme, die formalen Besonderheiten, die Feinheiten eines Sprachkunstwerks, eines Romans, eines Gedichts in die deutschsprachige Fassung. Irgendwann muss den Verlagen, für die Rowohlt tätig war, das aufgefallen sein. Plötzlich warben sie auf den Buchumschlägen mit Aufklebern, die darauf hinwiesen, dass hier Harry Rowohlt übersetzt habe, oder gingen dazu über, seine Übertragungen »Nachdichtungen« zu nennen, weil sie an Witz und sprachlicher Raffinesse die englischen Originalfassungen teils übertrafen. Zu Rowohlts 70. Geburtstag, der vor zweieinhalb Monaten gefeiert wurde, gratulierte ihm das Karikaturistenduo Hauck & Bauer mit einem denkwürdigen Cartoon, auf dem zwei Brillenträger zu sehen sind, die vor den gut gefüllten Regalen einer Buchhandlung stehen, während der eine zum anderen sagt: »Das Buch musst du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen. Im Original geht da viel verloren.« Das ist nicht nur komisch, das ist auch wahr.

Wohl überflüssig zu erwähnen: Ein verbissener Dogmatiker und Parteigänger war der Mann nie. Als er einmal in einem Telefoninterview nach seinem Musikgeschmack befragt wurde, antwortete er: »Country«, woraufhin die Fragestellerin, Redakteurin einer linken Zeitung, zurückgab: »Wir Kommunisten mögen keinen Kitsch.« Darauf wiederum Rowohlt: »WIR Kommunisten aber schon.«

Am Montagabend ist Harry Rowohlt nach langer, schwerer Krankheit in Hamburg, wo er las und lebte, gestorben.

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