Ist das Mensch oder kann das weg?

Zum Umgang des »Zentrums für politische Schönheit« mit Flüchtlingsleichnamen

Mit der Aktion »Die Toten kommen« konfrontiert ein Künstlerkollektiv die Bundesregierung mit den sterblichen Überresten ihrer Flüchtlingspolitik. Vor Grenzübertritten schreckt man nicht zurück.

Kunst, lautet eine oft dahingeschriebene und schnell überlesene Floskel, soll der Gesellschaft den Spiegel vorhalten. So kommt es, dass auf Bühnen, Leinwänden und Leseflächen gar nicht selten das Schicksal der Elenden dieser Welt reflektiert wird. Kulturkonsumenten, die im eigenen Leben noch immer selten unmittelbar mit den Folgen von Krieg, Vertreibung und Hunger konfrontiert sind, setzen sich all dem freiwillig aus - solange die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht überschritten wird. Wenn man so will: Die Kunst ermöglicht es ihnen, sich im Elend der Anderen zu spiegeln - und sich gleichzeitig davon abzuschotten.

Nicht auf einer Projektionsfläche, sondern auf dem muslimischen Teil des Friedhofs in Berlin-Gatow vollzog das Künstlerkollektiv »Zentrum für politische Schönheit« am Dienstagvormittag den ersten öffentlichen Schritt seiner tags zuvor angekündigten Aktion »Die Toten kommen«. Mit dem Ziel, »die bürokratische Grausamkeit eines psychopathischen Bundesinnenministers zu stoppen«, wollen die Künstler in dieser Woche sterbliche Überreste von zehn Menschen nach Berlin bringen, die auf der Flucht nach Europa verreckt sind. Die Leichen, die in verschiedenen Mittelmeer-Anrainer-Staaten anonym in Massengräbern verscharrt oder in Müllbeuteln verstaut und in engen Kühlhäusern gelagert gewesen seien, habe man in Absprache mit deren Angehörigen und mit Vertretern ihrer Religionsgemeinschaften exhumiert. Für die Überführung der Leichen nach Berlin lägen Genehmigungen vor.

Bei der am Dienstag bestatteten Frau, teilte das Bündnis mit, handle es sich um eine Syrerin, die im März mit ihrem zweijährigen Kind ertrunken sei. Dessen Leiche sei von den italienischen Behörden nicht freigegeben worden, es wurde aber symbolisch mitbegraben. Am Sonntag, einen Tag nach dem »Weltflüchtlingstag«, soll dann ein »Marsch der Entschlossenen« vor das Kanzleramt ziehen - die Zentrale des »Europäischen Abwehrkrieges«. Angeführt würde er von drei Baggern, die vor dem Regierungssitz einen Friedhof für die »Unbekannten Einwanderer« ausheben sollen. Das »Zentrum für politische Schönheit« fordert die Demonstranten auf, zum Treffpunkt um 14 Uhr vor der Neuen Wache »Blumen, Schaufeln, Steinpickel oder gleich Presslufthämmer« mitzubringen. Mit den Aktionen, heißt es, soll »die Abschottung des europäischen Mitgefühls« aufgesprengt werden. Man will die Bundesregierung mit den tödlichen Folgen ihres Handelns sichtbar und unverstellt konfrontieren.

Der Zweck ist klar, aber rechtfertigt er auch die Mittel? Ist das Kunst - oder nur »befremdlich und pietätlos« (Volker Beck, Grüne)? Ist das ein legitimer, wenn auch drastischer, Akt zivilen Ungehorsams - oder ein Fall für die Justiz?

Die Würde von Menschen, deren Not so existenziell ist, dass sie ihren Tod auf der Flucht hinzunehmen bereit sind, ist nicht leicht wieder herzustellen - auch nicht, indem Aktionskünstler ihre Namen recherchieren und ihnen eine letzte Ruhestätte schaffen. Dies aber als würdelose Ruhestörung zu brandmarken, steht niemandem weniger zu als jenen, die den Tod dieser Menschen durch ihre Abschottungspolitik zunächst in Kauf nehmen, um die Leichname dann in anonymen Massengräbern entsorgen zu lassen. Niemand muss sich die Überschreitung der Grenzen des guten Geschmacks nachsagen lassen von Leuten, denen noch nicht einmal die Frage »Ist das ein Mensch - oder kann das weg?« in den Sinn kommt.

Ästhetische Drastik steigert die Aufmerksamkeit. Wo »politische Schönheit« nicht durch den Export von Wohlstand erzeugt werden kann, werden nun eben Leichen importiert. Und, ja: Die Aktion des Künstlerkollektivs ist nicht nur »hart an der Grenze« (Katja Kipping), sondern ein augenöffnender Grenzübertritt - ästhetisch wie politisch.

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