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Ein Klavier, ein Klavier!

In seinem sechsten Jahr lässt das (Stumm-)Filmfest im Kino Babylon Laurel und Hardy hochleben

  • Von Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 4 Min.

Von der wohl größten Tortenschlacht der Filmgeschichte wird nur der erste Teil zu sehen sein, aber sonst sind sie vollständig versammelt, die Filme aus den zwei Jahrzehnten, in denen Stan Laurel und Oliver Hardy das Komikerduo schlechthin waren. Und dass »The Battle of the Century«, die Schlacht des Jahrhunderts, im Baylon nur als Fragment (aber mit Orgelbegleitung!) laufen wird, kann man Kino und Kurator Christian Blees nicht anlasten: Die verloren geglaubte zweite Hälfte des Films ist gerade erst in einer US-amerikanischen Privatsammlung aufgetaucht und soll nun in Paris restauriert werden.

Mehr als 80 Filme sind es diesmal, die das Babylon zu seinem sommerlichen Filmfest zusammentrug. Kurzfilme meist von 20 oder 30 Minuten Länge, in Programmen mit so vielversprechenden Titeln wie »Laurel & Hardy lindern Herzschmerz«. Und weil manche der Filme zu schön sind, um sie nur einmal zu sehen, tauchen sie gleich mehrfach auf.

»The Music Box« zum Beispiel. Hier kommt beim Anliefern eines Pianola an das Haus »ganz da oben, am Ende der Treppe« nicht etwa der entgegenkommende Kinderwagen zu Schaden - sondern auf Stan und Ollies Version der Potemkin’schen Treppe natürlich das mühevoll unter kalifornischer Sonne den Berg hinaufbugsierte mechanische Klavier. Es saust den Abhang hinunter, unaufhaltsam, Absatz für Absatz, von Stan mit dem Allerwertesten angeschoben, weil er dem Kindermädchen beim Vorbeiheben des Wagens helfen wollte.

Das aber hat dann auch noch die Stirn, über das Missgeschick zu lachen - was Laurel wenig amüsiert, der ihr einen Tritt verpasst, kaum dass sie sich wegdreht, wofür es von ihr einen Nasenstüber setzt, was Hardy zum Kichern bringt, bis die forsche junge Dame auch ihm eins über die Rübe brät. Dann stehen sie da, in Overall, Packerhandschuhen und mit der unverzichtbaren (und gerne mal vertauschten) Melone auf dem Kopf, peinlich berührt und in ihrer Ehre getroffen, und machen sich daran, das blöde Ding in seiner genagelten Kiste noch einmal Stufe für Stufe den steilen Berg hinauf zu tragen - bis wieder was schief geht.

Der Film ist ein Klassiker, ebenso wie »Liberty«, das stumme Hochseilballett auf den Stahlträgern eines grauenvoll ungesicherten Hochhausrohbaus. Noch dazu in der Hose des jeweils anderen, die man nur zu gern wieder gegen die eigene tauschen würde, dabei auf losen Brettern in schwindelerregender Höhe (und im wunderbar malerischen Licht von Los Angeles) über dem Abgrund einer belebten Straßenkreuzung balancierend, von einem versehentlich aufgelesenen Krebs gezwackt, der erst Stan in den Allerwertesten kneift und nach erfolgtem Hosentausch dann Ollie, und noch dazu vom üblichen eifrigen Polizisten verfolgt.

Denn hier sind die beiden kleinkriminelle Gefängnisausbrecher, die es auf der Flucht in die titelgebende Freiheit auf die Baustelle verschlug: bis eben trugen sie noch Sträflingskleidung. »Liberty« ist ein unübertroffenes Meisterstück komischer Präzision. Wer diesen Film mal in einem voll besetzten Kino gesehen hat, das kollektiv lachte, bangte, vor Höhenangst quietschte und dann wieder lachte, wird süchtig nach den beiden.

Schadenfreude und die Tücke des Objekts sind wiederkehrende Motive in ihren Filmen, Häuser stets vor allem dazu da, effektvoll in ihre Bestandteile zerlegt zu werden, und Werkzeuge bei ihnen grundsätzlich in den falschen Händen. Wobei ihre handwerkliche Ungeschicklichkeit mit einer großen Leichtfüßigkeit und ausgeprägtem Rhythmusgefühl einhergeht, so wie ihre verletzliche Naivität schnell in Rachlust umschlägt. Die Polizist ist ihnen selten Freund und Helfer, und wo sie verheiratet sind, haben die Frauen die Hosen an. Auch am schmalen James Finlayson beißen sie sich gern die Zähne aus, schon weil seine Figuren die selbe unterschwellige Reizbarkeit mitbringen wie die beiden Helden.

Stan Laurels Fähigkeit, über die eigenen Füße zu stolpern, ist unerreicht, sein Protestgewimmer unverzichtbarer Bestandteil des Soundtracks wie der Kuckucksruf der Erkennungsmelodie. Sein unschuldiges Gesicht, die zu Berge stehenden Haare, das hilflose Schulterzucken, wenn wieder mal alles schiefging, sie gehören dazu wie Hardys nervöses Gezappel mit der Krawatte, seine komische Verzweiflung, wenn Stan wieder alles falsch verstanden, sich dumm und dösig angestellt hat - und er nun alles richten muss. Zumindest glaubt er das immer, auch wenn selten irgendwas gerichtet wird.

Im Babylon ist das alles ausführlich zu bewundern. Außerdem wird es zur Eröffnung eine Tortenschlacht geben (für die um Anmeldung gebeten wird) und abends ein Theaterstück zu Ehren der beiden, ein Fan-Treffen mit internationalen Gästen, außerdem Kinderprogramme mit deutsch synchronisierten Filmen. Und als besonderen Leckerbissen: ein paar der phonetisch gelernten Sprachfassungen für den spanischsprachigen, französischen und deutschsprachigen Markt, von Laurel und Hardy selbst in der jeweiligen Sprache gespielt, mit einem Rhythmus, der dem der englischsprachigen Originale nicht immer ganz entspricht.

19.-28.6., Laurel & Hardy Festival, Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Platz 30, Info & Karten Tel. 24 259 69 oder www.babylonberlin.de/laurel&hardy.htm

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