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Zivile Rettung in Sicht

Bereits mehrere private Schiffe halten im Mittelmeer Ausschau nach Schiffbrüchigen

  • Von Stefan Otto und Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

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Angesichts des Massensterbens von Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Europa gibt es nun couragierte Ansätze für eine zivile Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Doch die Beteiligten sehen sich mit vielen Problemen konfrontiert.

Ein halbes Jahr nach den großen Pegida-Märschen kann man vielleicht vorsichtig aufatmen. Rechtspopulisten und Fremdenfeinde haben nicht die Oberhand gewonnen. Der Rechtsruck in der Gesellschaft, der im Winter vielfach befürchtet wurde, ist offensichtlich ausgeblieben. Nicht zuletzt ist das auch ein Erfolg der Zivilcourage. In beinahe jedem Dorf stellen sich Bündnisse rechten Protesten entgegen, und Initiativen sowie Anwohner leisten Nachbarschaftshilfe, um den Flüchtlingen einen Neustart zu erleichtern.

Doch die zivile Flüchtlingshilfe stößt an ihre Grenzen. Private Initiativen agieren vor allem vor ihrer Haustür, sie können aber nichts dagegen ausrichten, dass so viele Menschen auf ihrer Flucht nach Europa sterben. Ohnmächtig müssen sie zusehen, wie die EU-Mächte den Schutz des Individuums aufgeben haben, weil unkontrollierte Fluchtbewegungen nicht in ihrem wirtschaftlichen Interesse liegen. Für Heiko Kauffmann von Pro Asyl ist dieses Massensterben eine »humanitäre, politische und moralische Bankrotterklärung und eine Schande für die zivilisierte Welt«.

Diese fatale Entwicklung wollen die Initiatoren von »Sea Watch« nicht tatenlos hinnehmen. Mehrere Familien aus Brandenburg schlossen sich für dieses Projekt im vergangenen Herbst zusammen. Kurzerhand kauften sie einen Fischkutter, den sie »Sea Watch« tauften, bauten ihn um und brachen im April Richtung Mittelmeer auf. Ziel ihrer privaten Mission ist es, Erste Hilfe für Schiffbrüchige zu leisten. Der Kutter mit einer achtköpfigen Besatzung ist mit Rettungsinseln für 500 Personen und Schwimmwesten ausgestattet. Ärzte an Board sollen eine medizinische Notversorgung leisten, sagte Harald Höppner von der Initiative.

Aktuell liegt die »Sea Watch« im Hafen vom Lampedusa. Am 1. Juli soll die Crew ihre Mission aufnehmen und vor der libysche Küste nach Schiffbrüchigen Ausschau halten - weil dort keine Schiffe der europäischen Triton-Mission patrouillieren, obwohl kurz vor dem libyschen Hoheitsgebiet sich die meisten Unglücke ereignen, wie Höppner erklärt.

Es klingt unkompliziert, wenn der 41-jährige Initiator von dem Projekt erzählt: »Wir haben im Einzelhandel ein bisschen Geld verdient, das wir dafür nutzen wollen«; ein solches Schiff »kostet ja nun nicht die Welt«, und auch die Crew werde in erster Linie ehrenamtlich arbeiten. Ob nun eine solche Hilfe auf See tatsächlich so einfach ist, wird sich noch herausstellen.

Bevor die Mission startet, hat es bereits den ersten Zwischenfall gegeben. Der Reporter Michael Hölzen sollte für den rbb-Sender »Radio Eins« das Projekt begleiten. Für die Initiatoren ist Öffentlichkeit wichtig, weil der beabsichtigte dreimonatige Einsatz auch durch Spendengelder finanziert werden soll. Doch Hölzen musste das Schiff verlassen, nachdem er kritisch über den Einsatz berichtete. Der 20 Meter lange Kutter habe bei einer Ausfahrt bedenklich zu wanken begonnen; zudem monierte Hölzen, dass einige Besatzungsmitglieder offensichtlich kaum nautische Erfahrung hätten.

Viel Erfahrung hat auf jeden Fall die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die seit Anfang Mai auf mittlerweile drei Schiffen im südlichen Mittelmeer mit Teams aus Ärzten, Krankenpflegern und Dolmetschern medizinische und psychologische Hilfe leistet. Zwei der Schiffe betreibt die Hilfsorganisation sogar selbst. Allein vergangene Woche wurden dabei 2000 Menschen auf fünf völlig überfüllten Holzbooten aus Seenot gerettet.

Wie die Helfer berichten, würden die italienischen Behörden bei der Koordinierung der Rettungseinsätze inzwischen schnell reagieren und mitteilen, wo sich Schiffe in Seenot befinden. Der schwierigste Moment, heißt es bei den Ärzten ohne Grenzen, sei die eigentliche Rettung - wenn es beim Eintreffen der Helfer eine heftige Reaktion der zusammengepferchten Flüchtlinge gibt, könne deren Schiff kentern. Oft sei nicht erkennbar, wie viele Menschen sich an Bord befinden, da sehr viele auch unter Deck sind. Das Bergen dauere oft Stunden, denn die Flüchtlinge müssen mit kleinen Beibooten nach und nach an Bord des Rettungsschiffs geholt werden. Viele der Flüchtlinge, berichten die Ärzte ohne Grenzen, litten unter Dehydrierung, unter Verbrennungen oder Verätzungen durch Benzin und Salzwasser im Laderaum des Schleuserschiffs und auch unter Krätze, die sie sich in libyschen Gefängnissen zugezogen hätten. Auch schwangere Frauchen bräuchten Betreuung.

Mit ihren drei Schiffen versucht die die Ärzte-Organisation vor allem dort Erste Hilfe zu leisten, wo die EU-Seenotrettung nicht hinkommt. Die drei deutschen Marineschiffe, die im Rettungseinsatz im Mittelmeer waren, sind übrigens zu ihrem Heimatstützpunkt Wilhelmshaven zurückgekehrt. Die Besatzungen retteten insgesamt 3419 Flüchtlinge aus Seenot, hieß es am Freitag in einer ersten Bilanz.

Dabei wird in diesem diesem Sommer damit gerechnet, dass noch mehr Flüchtlinge als im vergangenen Jahr eine Überfahrt nach Europa wagen werden.

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