Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Neuland mit Werkbank

Wie junge Leute einen vorpommerschen Hof retten und im Selbsttest nach Zukunft suchen

  • Von Ralph Schipke, Gatschow
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Demminer Land in Vorpommern gilt vielen als Nirgendwo. Deshalb bietet die Region aber auch Freiheit und Raum für Leute mit Ideen - etwa in Gatschow beim »Landkombinat«.

Auf Schneckenjagd stelzt Anne Klüsener durchs Gemüsebeet. Die fiesen, gefräßigen Kriecher sollen nicht den Salat wegputzen, der für die Selbstversorgung gedacht ist - den sich aber auch Freunde und Nachbarn der jungen Leute vom Hof einverleiben dürfen. Aber nicht die Nacktschnecken! Hinter dem Bauwagen am Wiesenrand sitzt Natalie Huß und begleitet die Schlacht um den Salat auf dem Akkordeon.

Landidylle einem Alltagstest unterziehen - das könnte grob umrissen beschreiben, was sich das Gatschower »Landkombinat« im Selbsttest zu erkunden vorgenommen hat. Zwischen den Salatblättern und auf den Beeten suchen sie nicht nur nach Zutaten zum Abendessen, sondern nach Modellen des guten Lebens.

Wibke Seifarth kommt von der Gemeinschaftsküche herüber und tauscht sich mit der Molluskenjägerin aus, ob Laufenten gegen die kleinen Vielfraße helfen könnten oder doch eher tödliches Bioschneckenkorn die Waffe der Wahl sein wird. Diese Szenerie könnte sich auch in einer Kleingartenanlage in Stadtnähe abspielen.

Doch hier ist Gatschow - ein Ortsteil der Gemeinde Beggerow nahe Demmin, irgendwo im vermeintlichen Nirgendwo Vorpommerns. Und die Akteure im Gemüsebeet sind keine Feierabendgärtner, sondern probieren auf dem Land in unterschiedlicher Intensität neue Formen des Zusammenlebens aus.

Anne kommt oft aus dem Tollensetal herüber, um den Freunden bei der Feld- und Gartenarbeit zu helfen. Dabei bringt sie ihre Kinder mit, die auf dem Hof mit Karla spielen können. Die Zweijährige ist die Tochter von Wibke, die sich nach der Geburt entschloss, ganz mit ihrer kleinen Familie auf den Hof zu ziehen. Leider sei Karla derzeit das einzige Kind, das ständig da sei, bedauert Wibke Seifarth. »Doch wir können und wollen nicht Wohnraum schaffen und vorhalten, für Leute, die noch nicht da sind«, sagt sie. Diesen Ort gemeinsam gestalten, um ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen, das ist das Grundprinzip.

Musikantin Natalie Huß wiederum kam vor eineinhalb Jahren voller Neugier auf eine neue Form der Lebensgestaltung nach Gatschow - dennoch will sie demnächst weiter ziehen und sich vielleicht andere Projekte in Europa oder der Welt beschauen.

An diesem offenen Ort ist die Kleinfamilie von Wibke Seifarth so etwas wie ein ständiger Platzhalter. »Meist lebt eine Gruppe von drei oder vier Erwachsenen hier, die kurzfristig oder für länger Fuß fassen im Dorf«, erklärt die 32-Jährige, wie das »Landkombinat«, das organisatorisch ein gemeinnütziger Verein ist, funktioniert.

Es gäbe viele Verbindungen ins Dorf und zurück ins »Kombinat«, erläutert Wibke Seifarth den sozialen Aspekt ihres Selbstexperimentes. Ein Traktor sei mit anderen im Ort angeschafft worden. Mit einem Pensionär, der vor Zeiten von Randberlin nach Gatschow gezogen ist, um seinen Lebensabend zu genießen, bestelle man zusammen einen Kartoffelacker und teile die Ernte.

Ins Leben gerufen hat das kommunikationsfreudige Projekt vor zehn Jahren Stefan Raabe. Der Werkzeugmechaniker suchte eine Werkstatt und fand den damals zum Sterben verurteilten Bauernhof im Demminer Land. Vor acht Jahren wurde der Verein gegründet, um modellhaft und doch lebensnah großen Fragen nachzuspüren: Wie können wir zufrieden leben - und doch weniger Ressourcen verbrauchen? Wie gestalte ich ein gutes Leben mit meinen eigenen Händen? Wie kann ein produktives Zusammenwirken mit anderen Menschen in der Region im Interesse aller gelingen?

Die Leute vom Kombinat wollen dabei nicht einen Hof oder Land besitzen. Sie wollten es von Anfang an als Gruppe nutzen, um im Dorf, in der Region zu wirken und dabei das eigene Leben zu gestalten.

»Wir möchten unsere und andere Ideen auf Enkeltauglichkeit testen«, beschreibt die junge Mutter, was hier bereits über Jahre vor sich geht. »Dazu müssen wir miteinander sprechen«, gibt sich Wibke Seifarth überzeugt. Was auch getan wird im Dorf und über seine Grenzen hinaus. Darum arbeitet die junge Frau auch seit einiger Zeit in der lokalen LEADER Aktionsgruppe »Demminer Land« aktiv mit. Über ihre eigenen Hof- und Ackergrenzen hinaus schauen die Leute aus Gatschow auch, wenn sie sich für eine vielfältige, kleinräumige und gentechnikfreie Agrarlandschaft ringsum einsetzen.

Bei allem ist der Hof immer offen für Mitarbeiter gegen Kost und Logis. Darum wurde das alte Bauernhaus mit Fördermitteln als Küche und Essensraum für Gruppen ausgebaut. Gerade haben die Hofbewohner ausprobiert, neuen Verputz nach altem Rezept mit Ziegelmehl gefärbt anzubringen.

So kann hier vieles auf seine Alltagstauglichkeit geprüft werden. Ein Großprojekt für steht für dieses Jahr im Plan. Wibke schaut in die nahe Zukunft: »Wir wollen die Scheune in eine Holz- und eine Metallwerkstatt ausbauen.« Unter dem alten Scheunendach und dem neuen, nützlichen Solardach wurden bereits zehn Saftpressen montiert. Drei für gemeinnützige Projekte in Brandenburg. Sechs für ähnliche Lebensexperimente von Gruppen im Nordosten.

Dieses Prinzip »Gemeinsam Arbeiten, zusammen ernten«, wollen sie in Gatschow jetzt weiter entwickeln. »So könnte ein offener Werkstattort entstehen, wo nützliche Dinge für viele produziert werden«, erläutert Wibke das neueste Vorhaben. Die Mostereitechnik sei erst der Anfang gewesen. Das »Landkombinat« stellt sich vor, Leute nach Gatschow zu locken, die hier eine gute Idee für viele umsetzen. Landmaschinen für die Selbstversorgung, Energietechnik, aufgearbeitete Fahrräder aus alten Drahteseln, Möbel aus Naturmaterial - der Fantasie sollen keine Zügel angelegt werden.

Damit dieser Plan eine Basis bekommt, hat sich das »Kombinat« erfolgreich beim Programm »Neulandgewinner« beworben. Mit diesem unterstützt die Robert-Bosch-Stiftung deutschlandweit 17 regionale Bürgerprojekte - auch in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln