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Können Roboter dirigieren? Myon kann das.

»My Square Lady«, eine Erkundung von Menschen und Maschinen, in der Komischen Oper Berlin

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Ein menschenähnlicher Roboter namens Myon ist organisierender Mittelpunkt einer Aufführung des Performancekollektivs Gob Squad in der Komischen Oper. Als die Maschine zu dirigieren begann, ging ein Raunen durch den Saal.

Kühne Experimentatoren hat die Opernbühne schon mal - wenn auch selten genug - porträtiert. Erinnert sei an »Einstein« von Paul Dessau/Karl Mickel in der Berliner Lindenoper. Doch Ergebnisse wissenschaftlicher Versuche selber abzubilden, ist den Häusern noch nicht eingefallen.

»My Square Lady« an der Komischen Oper hat das soeben geändert. Schon terminologisch läuft dieses Projekt wider alle bisherige Erwartung. Da ist von »autonomen humanoiden Robotern« die Rede, was meint, dass diese über ihren Marionettenstatus hinaus ein Denken, Fühlen und Handeln erlernen können. Sodann von »Neurorobotik«, was die Erkundung der Keimlinge technischer Gefühlswelten umschreibt. Nicht unwichtig die spezielle Namensgebung des Roboters. Im Fall der Erkundungsplattform »My Square Lady« heißt das gut gebaute Wesen »Myon« und ist organisierender technischer Teil der Aufführung. Organisierend insofern, als das äußerlich menschenähnliche Ding mit Kopf, Auge und Gliedmaßen den Mittelpunkt der Reflexe des Stücks bildet, um nicht zu sagen: den modernen »Helden« präsentiert, dessen Erscheinung jede Menge Fragen aufwirft, obwohl seine Apparatur noch klein ist und manch Arges durchzustehen hat.

Zum Beispiel muss der Bühnen-Myon die Maxime von der Erlernbarkeit des Fühlens notorisch über sich ergehen lassen. Die Projekt-Ingenieure wollen das so und bedrängen den weiß lackierten Knirps über die Maßen, dabei stets acht gebend, dass Myon nicht als Konkurrent auftritt, der etwa den Ausdruck der Sopranstimme oder das Knurren des Fagotts ersetzen will, sondern als Partner, um den herum die alte Oper ihre Stunde hat.

Daneben integriert die Versuchsfläche eine Art soziokulturelles Tableau von Meinungen und Verhaltensweisen zu dem neuen Phänomen. Strikte Meinungsfreiheit herrscht unter sämtlichen Projektmitarbeitern. Jeder, vom Techniker und Bühnenarbeiter, den Ingenieuren, der Inspizientin, der Planungs- und Finanzdisponentin über die Solosänger bis zum Dirigenten, alle - außer die Maus vor der Ritze und der thronende Myon - dürfen sich über ein Mikro ihren Reim auf das Roboterkind machen. Welch ungeahntes Für und Wider, das sich den von flachen, tendenziösen TV-Debatten infiltrierten Zuschauern eröffnete.

Entwickelt hat die weitgehend nicht-künstlerischen Vorgänge das deutsch-britische Performancekollektiv Gob Squad. Dazu gab sich ein Septett aus Solistinnen und Solisten des Hauses die Ehre. Es zögerte nicht, in den Frage-Antwort-Spielchen mitzumischen. Die Roboterei vervielfacht sich. Dafür sorgen geradezu rührend die Kinder. Mit übergestülpten Pappkisten, an denen CD-Platten kleben, umrahmen sie singend die Erkundung.

Dirigent Arno Waschk, der den Lieder- , Chöre- und Opernreigen arrangierte und mit dem hauseigenen Orchester zum Besten gab, steht nicht unten im Graben und pinselt, er gibt zappelig für alle sichtbar oben links die Einsätze. Groß der Teil mit dem thronenden Myon, in dem Chorteile aus dem Brahmsschen Requiem die Seele des Roboters erschüttern sollen. Nicht minder eindringlich die Arie der Christiane Oertel aus »Carmen«, gleichlaufend mit der Szene aus der frühen Harry-Kupfer-Inszenierung der Komischen Oper auf Videowand. Freilich, Roboter leben ungleich länger als jedes organische Wesen, landen sie nicht auf der Elektronikmüllhalde. Eingebaut ist darum die Sterbeszene, zu der die Inspizientin ruft. Hochtraurig die Purcell-Arie, die hier herhalten muss. Die Leute auf der Bühne sterben nicht, bevor sie dem technischen Wesen Dank und Achtung bekundet haben. Zuvor hatte eine knallige Popnummer die Revue verunstaltet, und auch das triumphale Finale des Gesamtensembles trug nicht zur »Erbauung« bei.

Können Roboter ein Orchester dirigieren? Myon kann das. In dem Moment, als er mit Hilfe des Ingenieurs Manfred seine Arme hebt und den Takt zu schlagen beginnt und wie ein Wunder die Musik spielt, ging am Premierenabend ein tiefes Raunen durch das Publikum. Als hätte eben das Baby auf dem Wickeltisch »Mama« oder »Papa« gerufen, so freudig überraschte die Aktion. Desgleichen erstaunten die Erfolge des Myon, über langwierige komplizierte Einübungsvorgänge und technische Prozeduren Licht und Farben wahrzunehmen (die Resultate zeigt die Videowand) und von sich aus Bewegungen zu vollziehen. Vorgänge noch ganz in der Urform befindlich. Hier hat die Gruppe aus dem »Forschungslabor Neurorobotik« an der Beuth Hochschule für Technik Berlin ganze Arbeit geleistet.

Wozu jener Aufwand auch ästhetisch, künstlerisch nütze sein kann, ist eine andere Frage. Wie die fortgeschrittenste Industrie den Roboter arbeiten lässt, etwas, das heute schon fast Gemeingut ist, und damit die Produktionsgrundlagen revolutioniert, so wird auch die Kunst auf dies Werkzeug, wie menschenähnlich es immer geformt erscheint, auf die Dauer nicht verzichten können. Solche Entwicklungen kommen unausweichlich in Gang und verscheuchen wie von selbst die verharrenden Geister.

Was ist das, ein Experiment? Der Experimentelle - den Konservativen ein Dorn im Fleisch, weil er umgestaltet statt zu befestigen - entwirft, verwirft, prüft, analysiert, verfremdet, verwandelt, stößt sich ab, prescht vor, solange bis sich Material und Gedanken kristallisieren, so neu wie das eben geborene Kind. Das Staunen verlernt der Experimentelle nie. Die hartnäckige, Zeitgrenzen negierende Suche ist ihm zweite Natur. Eine Suche oft ungestüm, voller Elan, voller Begierde. Und er findet. Er findet jenes Originäre, noch Ungehörte, noch nicht Erschaute, das seine Mitwelt überrascht und erstaunt.

Wäre »My Square Lady« der Fiber solcher Leidenschaften stärker gefolgt, die Veranstaltung wäre der Hit des Jahres geworden.

Nächste Vorstellung am 25. Juni

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