Von Luise Wagner

Giftiger Müll auf den WM-Plätzen in Kanada

Der Kunstrasen beeinträchtigt nicht nur das Spiel der Fußballerinnen, er soll auch krebserregend sein

Was die FIFA und die WM-Veranstalter in Kanada einfach ignorieren: Auf einem Kunstrasenfußballfeld liegen ungefähr 40 000 gemahlene Autoreifen, deren schädliche Substanzen krank machen.

Vancouver. Was sind das bloß für schwarze Wolken, wenn die Fußballerinnen bei der Weltmeisterschaft in Kanada bei Grätschen in Schräglage geraten? Nun, das sind recycelte Autoreifen. Die kleinen schwarzen Gummibällchen sollen das künstliche Gras etwas lockerer machen und auch schwere Fußtritte abfedern. Doch die Spielerinnen sind überhaupt nicht glücklich mit ihrer Spielunterlage. Schon lange vor dem Turnier hatten sich viele Profi-Kickerinnen gegen die Idee gestemmt, die WM auf Kunstrasen auszutragen. Es ist das erste Mal, dass ein Turnier solchen Formats nicht auf Naturrasen gespielt wird.

Vorkämpferin war damals die US-amerikanische Nationalstürmerin Abby Wambach, die mit 60 anderen Fußballerinnen, unter anderen der deutschen Torhüterin Nadine Angerer, einen Prozess gegen den Weltverband FIFA und den kanadischen Fußballverband CSA anstrebte. Die Frauen empfinden als ungerecht, dass Männer auf Naturrasen und Frauen auf Kunstrasen spielen müssen. Im Januar zogen die Kickerinnen die Klage jedoch wegen Aussichtslosigkeit auf Erfolg zurück.

Nun ist der »Turfwar« (Graskrieg) erneut entfacht - nachdem das Turnier in Gang gekommen ist und die Spielerinnen merken, wie sehr das künstliche Gras ihre Leistungen beeinflusst. »Unser Team hätte schon viel mehr Tore geschossen, wenn wir auf Rasen spielen würden«, meint Abby Wambach, die tatsächlich etwas glücklos im Abschluss wirkt und die in den bislang vier Spielen erst ein Tor erzielt hat. »Ich stehe nicht gut zum Ball bei Kopfbällen, und daher prallen sie von mir ab, statt dass ich ihnen eine Richtung geben kann.«

Die Kanadier sind es müde, dass sich alle Welt über ihren Kunstrasen aufregt. Besonders empfindlich reagiert man auf Kritik aus dem Nachbarland USA. »Wir haben uns beworben und die FIFA-Ausschreibung gewonnen. Basta«, sagt Soccer-Kolumnist Tyler Green aus Vancouver. »In Kanada wird das Turnier nun einmal auf Kunstrasen gespielt. Abby Wambach solle bitteschön endlich die Klappe halten.« Green unterstellt der Amerikanerin gar mangelnden Patriotismus. »Wenn ich für mein Land spielen könnte, würde ich sogar auf Beton spielen«, schreibt der Fußballexperte, denn schließlich seien für alle Spielerinnen die Bedingungen gleich.

Doch ohne Zweifel hat der synthetische Rasen seinen Einfluss auf die Wahrnehmung des Frauenfußballs im Allgemeinen. Manche Aktion sieht unnötig holprig aus. Abby Wambach erklärt: »Man muss die Bälle ganz genau vor den Fuß spielen, oft rollt der Ball schneller. Es hängt davon ab, ob zuvor gewässert wurde und ob das Wasser wieder verdunstet ist. Jeder Kunstrasen verhält sich anders. Es gibt unheimlich viele Faktoren, die unser Spiel beeinflussen. Der Normalbürger schaut die Spiele und kann nicht nachvollziehen, was das für einen großen Einfluss darauf hat, wie wir Fußball spielen.«

In einigen Stadien rollt der Ball schneller, in anderen langsamer, je nach Halmlänge und Konsistenz. Im BC Place Stadium in Vancouver, das 55 000 Sitze hat und für das Finale am 6. Juli ausverkauft ist, ist der nagelneue Kunstrasen eher teppichartig als kratzbürstig. Dicht am Boden gepasste Bälle verlieren auffällig an Geschwindigkeit, wenn sie über die Plastikhalme rollen. Der Zuschauer zu Hause sieht nur einen chlorophyllgrünen Rasen glänzen und mag sich über die mangelnden technischen Fähigkeiten der Kickerinnen wundern.

Doch nicht nur die Amerikanerinnen mäkeln. Auch die technisch begabten Japanerinnen sind mit dem Geläuf unzufrieden. Die Titelverteidigerinnen, die mit ihrem präzisen Kurzpassspiel viel weniger Bälle durch die Luft bewegen, brauchen eine anständige Spielunterlage. »Der Kunstrasen an sich ist schon übel, aber er ist auch jedes Mal anders«, sagt Yuki Ogimi, die beim VfL Wolfsburg in der Bundesliga auf Naturrasen spielt und bei der Weltmeisterschaft in ihrer Stürmerrolle bislang ein Tor erzielt hat. So waren die Bedingungen auf dem Trainingsplatz völlig andere als im BC Stadium. Sollte Japan ins Finale vorrücken, so hat das Team immerhin den Vorteil, den Platz schon dreimal bespielt zu haben.

Für den umstrittenen Kunstrasen hat die Stadt Vancouver kurz vor der WM 1,3 Millionen Kanadische Dollar (rund eine Millionen Euro) investiert. Man wollte für das Turnier die neueste Turf-Technologie anbieten. Doch haben sich die Kanadier wirklich auch über die Beschaffenheit und Eigenschaften als Fußballplatz informiert? Immerhin ist dies das Heimstadion der in der Major League Soccer spielenden Vancouver Whitecaps - doch die haben den neu verlegten Rasen bislang kaum genutzt und wenig Erfahrung damit. Vor allem wird das BC Place aber als Football-Stadion genutzt - eine Sportart, in der Bälle eher geworfen und getragen werden als über den Boden rollen.

Japans Mittelfeldregisseurin Aya Miyama kennt das Stadion noch von einem Freundschaftsspiel im vergangenen Jahr: »Ich mochte schon den alten Kunstrasen nicht, doch der neue Belag ist noch schwieriger zu bespielen. Man kann nicht einschätzen, wie sich die Bälle bewegen. Dribblings sind sehr schwierig auf dem Platz.« Der Rasenhersteller »Centaur Products« erklärte denn auch nach den Beschwerden der Spielerinnen, dass der neue Rasen etwas Zeit brauche, bis er seine beste Qualität erreiche. Firmenvertreter Jim Grozdanich: »Es wäre besser gewesen, wenn wir den Rasen früher hätten installieren können.«

Nun droht weiteres Ungemach. Einige Varianten von Kunstrasen stehen unter Krebsverdacht. Im Fokus sind die schwarzen Gummikügelchen, die aus recycelten Autoreifen hergestellt und als Ersatz für Erde zwischen die Kunstrasenhalme gefüllt werden. Schädliche Substanzen wie Weichmacher, Benzene, Ruß, Blei und Zink wurden darin gefunden.

Die Fußballtrainerin und Ex-Nationalspielerin Amy Griffin von der University of Washington hat Alarm geschlagen - seit in ihrem Team 2009 gleich zwei Torhüterinnen an Krebs erkrankten (Non-Hodgkin Lymphoma). Griffin ist seit 26 Jahren Trainerin und hatte vor dem Wechsel von Natur- auf Kunstrasen nie Spieler mit Krebs getroffen. Sie hält die Gummipartikel für gefährlich. Auffällig viele junge Spieler waren laut einer eigens geführten Liste Griffins im Mai 2014 jüngst mit dem Lymphom diagnostiziert worden. 27 der Spielerinnen, von denen 22 Torhüter sind, hätten diese oder eine andere seltene Krebsform entwickelt, was auf Umwelteinflüsse schließen ließ. Als Torhüter seien sie dem Boden viel intensiver ausgesetzt als andere Spielerinnen: stundenlang wird auf dem Rasen gespielt, geschwitzt, geatmet, sich verletzt und die Gummi-Pellets mitunter gar verschluckt. Nach Angaben der amerikanischen Umweltorganisation Environment and Human Health (EHH) sind etwa 40 000 gemahlene Autoreifen auf einem normalen Fußballfeld verstreut.

Mittlerweile ist die Liste von Griffin mit an Krebs erkrankten Sportlern, die auf Kunstrasen trainieren, noch länger geworden. Von 153 Fällen sind 124 Fußballer und 85 davon Torhüter. Auch der ehemalige US-Fußballprofi Ethan Zohn (42) unterstützt die Initiative von Griffith. Er war mit 35 selbst an einem Lyphom erkrankt und kämpft an vorderster Front um Aufklärung. »Kinder müssen davor geschützt werden, auf schädlichen Kunstrasenplätzen zu trainieren«, sagt Zohn. Er betreibt einen Twitter-Kanal und eine Website zum Thema. Von offizieller Stelle wird die Krebsgefahr dementiert und die Liste der Erkrankten als nicht repräsentativ angesehen. Zohn glaubt aber an den Zusammenhang von Kunstrasen und seiner Krebserkrankung. Seinen Humor hat der ehemalige Torwart trotzdem nicht verloren: »Mist. Ich hätte lieber Stürmer werden sollen.«

Immer mehr Wissenschaftler befassen sich mit dem kontroversen Thema. Gaboury Benoit ist Professer für Umweltchemie an der Yale-Universität und hat im Juni eine Studie veröffentlicht, in der die Substanzen der Gummi-Pellets untersucht wurden. Von 49 enthaltenen Chemikalien waren demnach zehn krebserregend. »Es war keine Überraschung, dass die geschredderten Autoreifen ein echtes «Hexengebräu» aus giftigen Substanzen enthalten. Es erscheint mir sehr unverantwortlich, Giftmüll als Konsumprodukt zu vermarkten«, sagt Benoit nach Abschluss der Forschung. Es müssen aber noch weitere Untersuchungen folgen, um den Verdacht zu erhärten. Tatsächlich gibt es auch Studien, die die Harmlosigkeit von Kunstrasen bestätigen. Auf diese berufen sich die Veranstalter in Kanada und bei der FIFA. Doch die Liste der entdeckten Schadstoffe in recycelten Autoreifen wird immer länger - so wie die Liste der Krebsfälle unter Sportlern.

Immerhin ist die neue Belag im BC Stadium von Vancouver nicht mit Gummi-Pellets bestreut worden, sondern wurde mit Sand aufgefüllt. Doch das Kapitel Kunstrasen ist damit noch längst nicht abgeschlossen.

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