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Weg von Kohle, Öl und Individualverkehr

Sozialwissenschaftler kritisiert die Wachstumslogik

  • Von Guido Speckmann
  • Lesedauer: 2 Min.

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Für die Lösung der ökologischen Frage muss der Kapitalismus überwunden werden. Diese Forderung ist nicht neu, ein aktuelles Buch fasst aber Auswege zusammen.

Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt kann es nicht geben. Eine schlichte Erkenntnis, die jedoch von politischen und wirtschaftlichen Eliten konsequent ignoriert wird. Stattdessen verabschieden sie ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz und führen permanent das Wort Wachstum im Munde. Und doch ist das Thema Ökologie längst Mainstream. Bei vielen Konsumenten drückt sich Umweltbewusstsein im Kaufverhalten aus. Aber die Naturzerstörung wurde nicht gestoppt. Im Gegenteil. Der Klimawandel schreitet voran, Extremwetterereignisse nehmen zu. Wie ist diese paradoxe Entwicklung zu erklären?

Der in Hannover und Hildesheim lehrende Sozialwissenschaftler Athanasios Karathanassis hat dafür eine auf den ersten Blick allzu einfache Erklärung: Der Kapitalismus benötigt demnach zwingend Wachstum und Kapitalakkumulation. Doch er hat Recht, wenn er feststellt, dass die ökologische Frage bis auf wenige Ausnahmen ohne eine explizite Auseinandersetzung mit Kapitallogiken und Kapitalstrategien diskutiert wird.

Trotz seines Anspruchs, die aktualisierte Neuauflage seines vor zehn Jahren erschienenen Buches »Naturzerstörung und Wachstum« sprachlich zugänglicher zu gestalten, ist der Text keine leichte Lektüre. Das liegt aber in erster Linie an der Komplexität des Themas. Einerseits wird Naturwissenschaftliches zur Erdentwicklung, zu ökosystemischen Zusammenhängen, entropischen Gesetzmäßigkeiten und Schadstoffen komprimiert zusammengefasst. Andererseits werden die Marxsche Ökonomiekritik und die kapitalistischen Naturverhältnisse im Fordismus und Postfordismus skizziert. Marx-Kenner dürften mit dem Ökonomieteil keine Probleme haben, mit dem über die Naturverhältnisse schon. Und umgekehrt. Das drückt aber nur aus, was auch in den sozialen Bewegungen Realität ist. Die Umweltbewegung betreibt kaum Ökonomiekritik, die Reste der Arbeiterbewegung klammern sich an Arbeitsplätze, die ökologisch verheerende Folgen haben (siehe Kohlekraftwerke).

Bei Karathanassis liest sich das so: »Was umweltpolitisch (noch) fehlt, sind u.a. explizit wachstumskritische, d.h. ökonomiekritische Ansätze.« Oder: »Es fehlt eine Kritik am gegenwärtig vorherrschenden kapitalistischen Naturverhältnis, womit die gesamtgesellschaftliche Dimension der Naturverhältnisse unterbelichtet bleiben muss.« Als Grund dafür nennt Karathanassis die vorherrschende Interpretation des Kapitalismus als unverrückbar und als Naturgesetz. Reformen sind demnach nur möglich, wenn es weiter Wachstum gibt.

Der Autor plädiert für die Überwindung des Kapitalismus bei der Lösung der ökologischen Frage. Denn nur eine Ökonomie ohne Kapital könne sich von der Wachstumslogik befreien. Weg von Kohle, Öl und Individualverkehr, Ausbau erneuerbarer Energien und regionaler wirtschaftlicher Zusammenhänge lauten die Stichworte. Die Effizienz- müsse von einer Suffizienzrevolution begleitet werden. Die einzelnen Elemente sind sicher nicht neu, bei Karathanassis aber systematisch zusammengeführt.

Athanasios Karathanassis: Kapitalistische Naturverhältnisse. Ursachen von Naturzerstörungen - Begründungen einer Postwachstumsökonomie, VSA-Verlag, Hamburg 2015, 237 Seiten, 22 Euro.

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