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Der Gegen-Zauberlehrling

Alexis Tsipras’ Referendums-Rede weckt Assoziationen zu Salvador Allende. Erlebt das linke Pathos ein Comeback?

Dass Tsipras mit Allende oder King assoziiert wird, zeigt, dass der Zauber der neoliberalen Lehre leicht porös wird, auf einen Gegenzauber trifft: Man kann wieder Visionen entwickeln, ohne dass es völlig irrational klingt.

Der Neoliberalismus ist heimgekehrt. Sagen wir nicht, wir seien nicht gewarnt worden: »Die großen transnationalen Unternehmen agieren nicht nur gegen die Interessen der unterentwickelten Länder. Sondern ihr unkontrolliertes und übermächtiges Handeln wird sich auch über die entwickelten Länder ausbreiten, aus denen sie stammen.« Das sagte Salvador Allende 1972 vor der UNO - nur kurz vor dem Putsch. Der chilenische Präsident fuhr mit Pathos fort: »Doch es ist unser Selbstbewusstsein, das unseren Glauben an die großen Werte der Menschheit stärkt. Wir haben die Überzeugung, dass diese Werte sich durchsetzen werden.« Es kam anders. Doch jener magische Moment, der in Standing Ovations mündete, blieb. Und er füllt, um ebenfalls pathetisch zu werden, bis heute die Herzen mit Feuer.

Nun vollzieht sich ein Putsch in Griechenland. Ein Wirtschaftsputsch. Wenn er glückt, wird danach kein General mit Sonnenbrille herrschen, der die Opposition in Fußballstadien konzentriert. Aber die Ziele sind die selben wie einst in Chile: totale Privatisierung und Zerstörung des Sozialstaats. Und mit der EU und dem IWF sind es auch heute »fremde«, privatwirtschaftlich durchdrungene Mächte, die versuchen, eine einwandfrei gewählte, linke Regierung in die Knie zu zwingen. Und wie in Chile geht es nicht nur um das konkrete Land, sondern um eine brutale Botschaft, in diesem Fall an die Adresse Spaniens, Portugals, Italiens: Ihr könnt wählen, wen ihr wollt - wer gegen uns aufbegehrt, wird erst verelenden und dann sowieso einknicken - dabei will SYRIZA nicht mal den Sozialismus einführen.

Da ein Blutbad wie 1973 ausgeschlossen ist, bleiben den Neoliberalen heute »nur« Propaganda und Wirtschaftserpressung als Waffen. Das macht den griechischen Kampf aussichtsreicher als den Allendes. Doch für diesen Kampf braucht SYRIZA das linke Pathos. Wer darauf verzichtet, ignoriert ein machtvolles Instrument. Die Anzeichen mehren sich, dass viele europäische Linke diese Waffe endlich wieder nutzen wollen und vor leidenschaftlichen Phrasen nicht zurückschrecken - auch wenn die schnell peinlich werden und permanent nach rechts abgeschirmt werden müssen.

Die Rede des griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras zum Referendum über das Spardiktat war ein dramatischer und hoffnungsvoller Moment, der sofort an Allendes UNO-Rede und andere berühmte »linke« Ansprachen voller Pathos erinnerte: »Liebe Griechen und Griechinnen, ich bitte euch, auf das erpresserische Ultimatum, welches von uns harte, entwürdigende und endlose Austerität ohne Aussicht auf soziale und wirtschaftliche Erholung verlangt, auf souveräne und stolze Weise zu antworten - so wie es die Geschichte des griechischen Volks verlangt.«

Die Vorstellung, es würde in einer umgekehrten Situation von einer »stolzen Antwort des deutschen Volks« geredet, befremdet. Doch Formulierungen, die für Deutsche aus gutem Grund tabu sind, dürfen nicht den Griechen vorenthalten werden.

Lange war jenes Pathos nun von »Anti-Terror«-Kriegern oder reaktionären »Volksbewegungen« besetzt. Und verpönt: Welcher Linke winkte nicht spätestens seit 1989 müde ab, wenn von der »Zärtlichkeit der Völker« die Rede war? Der Kampf von SYRIZA um Selbstbestimmung hat aber gezeigt: Wie von Allende prophezeit, sind die Zerstörungen des Neoliberalismus heute auch an seinem Ursprung (EU/USA) nicht mehr zu kaschieren, ist Fremdbestimmung längst keine exklusive Erfahrung der »Dritten Welt« mehr. Darum können auch europäische Linke glaubhaft eine Sprache nutzen, die bisher südamerikanischen oder afrikanischen Freiheitskämpfern vorbehalten war.

Das Ambiente war karg und dem Ereignis unangemessen. Tsipras stand nicht vor der UNO wie Allende oder vor dem Lincoln Memorial in Washington wie Martin Luther King 1963 bei seiner »I have a Dream«-Rede, die ebenfalls meisterhaft pathetisch ist. Umso bemerkenswerter ist, dass es Tsipras in der Tristesse des TV-Studios gelang, eine politische Leidenschaft zu entfachen, wie sie in Europa Jahrzehnte nicht zu spüren war. Ein positives Pathos des Sozialen, das in dem Fall nicht nur verzeihlich, sondern zwingend angebracht war.

Mit wolkigen Worten ist noch nichts gewonnen. Und: SYRIZA hat nichts Konkretes erkämpft. Aber: Die Strahlkraft des griechischen Widerstands ist in ganz Europa zu spüren. Auf der symbolischen Ebene haben die Griechen also mehr erreicht, als man zu hoffen gewagt hätte. Und so lange sich die deutsche Sozialdemokratie nicht auf linke Politik besinnt, kann es in Europa sowieso nur um Symbolik gehen. Auf diesem Feld zu punkten ist also ein großer Schritt. SYRIZA hat nun alle Elemente dieser Strategie ausgeschöpft, mehr geht vorerst nicht. Den Kampf müssen nun vor allem die Spanier fortführen, der Boden ist bereitet. Und Tsipras Rede war bei dieser Befreiung von der Pose des Bittstellers dramaturgischer Höhepunkt. Haben die Linken etwa endlich ein Drehbuch für den Meinungskampf?

Durch ihren Akt der würdevollen Ablehnung haben Tsipras und sein verfemter Finanzminister Yanis Varoufakis zwei Sachen gezeigt: Man kann auch in Verhandlungen mit unfairsten »Partnern« und im Umgang mit schändlichsten Redakteuren das Gesicht wahren. Und man kann jene »Partner« und ihre Medien demaskieren - wenn man sich nicht im Verborgenen erpressen lässt. Wie sich die großen deutschen Medien nun verrenken müssen, um das Referendum als »undemokratischen Trick« darzustellen, ist entlarvend. Andererseits konnte nicht einmal Putin eine in ihren Lügen so einige Medienfront provozieren wie Tsipras und Varoufakis.

Deren Stilisierung zu unseriösen Posterboys war eine Mischung aus böswilliger Medienkampagne und schlimmer Naivität der Griechen. Was ganz kurz nach einem gelungenen Coup aussah - die bewusste, dezente Missachtung der Kleiderordnung - drehte sich in der Redaktion der »Bild«-»Zeitung« augenblicklich zum medialen Strick. Ein Pressetraining und vor allem Krawatten hätten zumindest den billigsten Anwürfen den Boden entziehen können.

Immerhin: Tsipras und sogar der »Rüpel-Rocker« und »Radikalos-Naked-Bike-Rider-Minister« Varoufakis (»Bild«), haben diese beispiellose Hetzkampagne durchgestanden, ohne irre geworden zu sein. Die groteske Stimmungsmache mag bei vielen politisch unbedarften Deutschen verfangen haben. Aber sie hat den beiden gleichzeitig eine unglaubliche (auch positive) Popularität verschafft. Und nun - mit der Ankündigung des Referendums, dieser der »Verhandlungs«-Farce angemessenen, schallenden Ohrfeige für die deutschen Schulden-Zuchtmeister - haben beide in linken Kreisen wohl endgültig die Pop-Schallmauer in Richtung Che Guevara durchbrochen.

Man ist daran gewöhnt, dass auch gut meinende Politiker mit großen Mehrheiten an politischen und medialen Brandmauern zerschellen. Viele dieser am Hinterzimmer-Lobbyismus Gescheiterten thematisieren dies dann aber nicht einmal. US-Präsident Barack Obama etwa hat sich bis vor kurzem schweigend mit seiner Machtlosigkeit abgefunden. Wenn also Politiker undemokratische Seilschaften skandalisieren, wie Tsipras das tut, dann ist das so außerordentlich, dass es zunächst unerhört, fast unanständig wirkt. Der Weg von SYRIZA, den unvorstellbaren medialen Druck auszuhalten, und sich nicht in Hinterzimmern zu beugen, ist ein erster Schritt, diese Selbstverständlichkeiten aufzubrechen. Solche Brüche dürfen gerne durch eine links-pathetische Sprache verstärkt werden.

Und das passiert: Dass Tsipras mit Kalibern wie Allende oder King assoziiert wird, zeigt, dass der Zauber der neoliberalen Lehre leicht porös wird, auf einen Gegenzauber trifft: Man kann wieder Visionen entwickeln, ohne dass es völlig irrational klingt. Der Wahnsinn wird ja eingestanden: Das Spardiktat hat katastrophal versagt. Doch mit dem dauernden Verweis auf »die Regeln« und »die Länder, die ihre Verpflichtungen erfüllt« hätten, wurde jede (nicht nur ökonomische) Fantasie abgewürgt, bis der Geist so leer war, dass die »Spar«-Taktik tatsächlich »alternativlos« erschien. Die Rede Tsipras’ kann beitragen, jene politische Fantasie endlich wieder zu beflügeln. Wenn dafür pathetische Floskeln notwendig sind - dann sei es so.

Insofern erfüllt Tsipras eine ähnliche Rolle wie der frühe Hugo Chavez, der mit populistisch-pathetischer Rhetorik halb Südamerika nach links lockte. »Die Revolution hat ihre Ziele vorerst nicht erreicht«, sagte er nach dem misslungenen Putsch 1992. Dieses »vorerst nicht« wurde zum Schlachtruf, zum Graffito, zum Versprechen der linken Venezolaner, das 1998 schließlich eingelöst wurde. Im Falle des Referendums pokert der von Beginn an als »Spieler« diffamierte Tsipras nun erstmals tatsächlich - und könnte verlieren. Aber selbst wenn die Griechen an diesem Sonntag mit »Ja« stimmen, ist das zwar ein Rückschlag, nicht aber die Niederlage. Es sollte dann nur »vorerst nicht« sein.

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