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Nie ohne Stoffmaske

Das Duo Lightning Bolt spielte im Berghain

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Früher konnte die auf einem Clubkonzert gestellte Frage »Und, hast du was dabei?« noch als einigermaßen unmissverständlich gelten. Man konnte davon ausgehen, dass der Fragesteller wissen wollte, ob für den Abend eine der bevorzugten Drogen verfügbar sei. Am vergangenen Donnerstag aber hat er ein anderes Begehr. Er möchte wissen, ob sein Nebenmann Ohrstöpsel mit sich führt. Denn Entgrenzung und Ekstase sind gut, aber Gehörschutz ist besser. Das weiß ich heute, denn ich habe Ohrenschmerzen.

Das Duo Lightning Bolt aus Rhode Island spielte seinen extrem lauten (Warnschild am Eingang: »Es wird laut«), übersteuert klingenden, rappeligen Hochgeschwindigkeits-Noise-Metal. Zwei Personen: ein Schlagzeug, ein Bass, ein Stimmverzerrungsgerät. Der Bassist bearbeitet mit rasenden Handgriffen sein Instrument, der Schlagzeuger ist ebenso flink und trägt eine Art selbstgebastelte Voodoo-Stoffmaske, in der er ein Mikrofon und einen Stimmverzerrungsmechanismus angebracht hat. So kommt es, dass inmitten des entfesselten Schlagzeug-und Bass-Infernos geisterhaft verzerrte Fetzen von Gesang und Geschrei ertönen.

Um die kleine Bühne der Panorama-Bar des Kunsthauses Berghain hatte sich die Gemeinde versammelt: Viel Mittdreißiger, die mit ausgebleichten Sonic-Youth- und Metal-T-Shirts bekleidet waren und mit diesen schrecklich unförmigen dreiviertellangen Bermuda-Shorts, die ihren Trägern gerade noch übers Knie reichen und den Blick auf dicht behaarte Männerbeine ermöglichen.

Als Überraschung kann gelten, dass die Band dieses Mal nicht, wie bisher üblich, inmitten der Zuschauermenge auftritt, Auge in Auge mit ihrem Publikum. Indem das Duo das bei vergangenen Konzerten stets tat, verstärkte es bei der Zuhörerschaft das Gefühl des Chaos, das, angereichert durch den erklingenden Krach, dazu führte, dass die Menge im Raum orientierungslos hin- und herwogte.

Vielleicht ist Lightning Bolt so etwas Ähnliches wie die Antwort auf Nirvana. Oder, sagen wir besser, so etwas wie die unverwertbare Nachgeburt von Nirvana. Ganz abwegig ist das nicht. Denn in dem Jahr, in dem sich die Gruppe Nirvana auflöste, 1994, gründeten zwei junge Männer, die beide mit Vornamen »Brian« heißen, Lightning Bolt. Das Duo tourte passenderweise auch irgendwann gemeinsam mit den Krachgitarrenrockveteranen Sonic Youth - wie beispielsweise Nirvana das Ende der 80er Jahre ja auch tat, kurz bevor das Trio weltberühmt werden sollte.

Doch was den einen (Nirvana) vor 25 Jahren gelang - nämlich ihr rüdes, aufputschendes Hobbykellergebolze im Lauf von anderthalb Jahren in einen massenkompatiblen, mitsingbaren Jammer- und Gniedelrock zu überführen -, das wollen die anderen (Lightning Bolt), wie’s scheint, definitiv nicht. Zumindest machte das Duo am vergangenen Donnerstagabend auch nach gut 20 Jahren Bandgeschichte keinerlei Anstalten, dem ungeschlachten rohen, minimalistischen Auffahrunfallgeräusch-Rock, den es hingebungsvoll herunterknüppelte, irgendein Ornament hinzuzufügen oder ihn mit irgendetwas Konventionellem aufzuhübschen.

Dennoch sind die beiden »mit ihrem nervösen, unverdaulichen, übersteuerten Sound über Squats und Underground-Clubs hinaus bekannt geworden« (»Taz«). Und das reicht ja erst mal. Schließlich hat man neben dem gelegentlichen Touren noch anderes zu tun: Nicht nur betätigt sich der Schlagzeuger als Maler und Solokünstler. Auch der Bassist teilte der »Taz« kürzlich mit, er engagiere sich außerhalb von Lightning Bolt noch in einer zweiten Band, »in der ich mich als Hund verkleide. Wir ziehen Tierkostüme an und flippen aus«. Und ums Ausflippen geht es am Ende ja auch hier, beim Blick auf die Bühne und das ausgelassen Pogo tanzende Menschenknäuel davor. Ein Konzert als Gesamtkunstwerk aus Chaos, Lautstärke, Geschwindigkeit und fröhlicher unproduktiver Verausgabung des Selbst. Wer vor zwölf Jahren dem ersten Berliner Konzert der Band in einem kleinen Club nahe dem Hackeschen Markt beigewohnt hat, der berichte »von diesem Ereignis immer noch mit Fassungslosigkeit und irre flackernden Augen«, so überwältigend seien »die Intensität, Verausgabung, Selbstverschwendung in der Musik dieses Duos«, hieß es vor einigen Jahren in der »Berliner Zeitung«. Stimmt immer noch!

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