Windschatten von hinten

Tom Mustroph über neueste Erkenntnisse der Aerodynamik

Die Tour de France ist eine Technikveranstaltung. Rahmen werden immer leichter, immer steifer, Helme immer aerodynamischer. An Sitzpositionen wird gefeilt. Ein ganz neues Kapitel in Sachen Aerodynamik schlug der niederländische Physiker Bert Blocken kurz vor dem Zeitfahren auf. Blocken legte während der in Utrecht zwei Tage vor Tourstart abgehaltenen Konferenz »Science and Cycling« eine Studie vor, laut der es nicht nur Windschatteneffekte für hinter einem Auto oder einem Kollegen fahrende Radprofis gibt, sondern auch der Vorausfahrende von einem Schub profitieren kann, wenn der Folgende sich nur nah genug am Fahrer befindet.

Verantwortlich dafür seien Luftströme, die vom hinteren Fahrzeug nach vorn wirkten. Für das 13,8 km lange Zeitfahren am Samstag errechnete Blocken bei einem Abstand von nur fünf Metern und einer Geschwindigkeit von 54 Stundenkilometern sechs Sekunden Vorteil. In seinen Rahmenwerten war Blocken verblüffend nah an der Realität. Sieger Rohan Dennis legte mit 55,446 km/h einen neuen Rekord für kurze Zeitfahren bei der Tour hin. Sein Vorsprung auf den Zweiten Tony Martin betrug fünf Sekunden, der auf den Dritten Fabian Cancellara auch nur sechs.

Auf den Fernsehbildern war aber nicht auszumachen, dass ein Begleitfahrzeug konstant fünf Meter hinter einem der Fahrer fuhr. Die Distanzen schwankten. Allerdings hielt nicht jeder den von der UCI geforderten Mindestabstand von zehn Metern ein. Blocken sieht Effekte sogar noch bei größeren Abständen und forderte einen Mindestabstand von 30 Metern.

Der UCI ist das Problem bewusst. Jury-Präsident Guy Dobbelaere sind die Studien bekannt. »Ja, das lief bei uns prominent im Fernsehen. Die UCI hat das Reglement bislang aber nicht geändert«, sagte der Belgier am Start in Utrecht, als er die Kontrolle der Zeitfahrräder auf Größe und Sitzposition durchführte.

Aus dem Fahrerfeld kam bisher keine Reaktion auf die Studie. Der Effekt ist im Vergleich zum klassischen Windschatten, den ein Vorausfahrender auf einen Folgenden ausübt auch recht gering. Das Fahren dicht hinter dem Vordermann kann nach landläufiger Erfahrung zu einer Verringerung von bis zu 30 Prozent des Luftwiderstands führen. Der Rückwärtseffekt reicht aber bei Blockens Studien nur zu einer etwa dreiprozentigen Verringerung.

Aufgrund seiner Forschungen im Windkanal empfiehlt Blocken den Profis, bloß nicht am Ende einer Gruppe zu fahren. Hier mache sich der fehlende Schubeffekt bemerkbar, argumentierte der passionierte Amateurradsportler in einer weiteren Studie. Er empfiehlt einen Platz mitten im Peloton, am besten an den Positionen fünf bis acht, um einem Sturz am besten zu entgehen. In dem Fall wirken schließlich ganz andere Kräfte - so starke, dass sie deutliche Spuren am Körper hinterlassen.

Tom Mustroph, Radsportautor und Dopingexperte, berichtet zum 14. Mal für »nd« von der Tour de France.

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