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Blond und besonders

Heidemarie Wenzel 70

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Keine Koloraturgeste, dafür ein Maß und eine Bemessenheit, die ganz Zauber des verführerisch Kühlen war: Heidemarie Wenzel. Aus dem Fond jedes ernsten Bildes von ihr strahlte dennoch etwas reizvoll (auch gefahrvoll!) Helles, Funkelndes. Sie verkörperte bei der DEFA jenes moderne (also riskante!), jenes zurückhaltend Elegische, das in anderen europäischen Kinematographien andere weibliche Namen hatte. Sammelname: blonde Hexe.

Hexe war Wenzel nie. Oder besonders hexisch - mit diesem Kern Schüchternheit im Erotischen ihrer Aura. Die nahezu Verschlossene, die mit langhaariger, herb-schönem Charisma Filmerlebnis wurde: als selbstbestimmte Lehrerin in »Zeit der Störche«, vor allem als Fanny in Egon Günthers »Abschied« nach dem Roman von Johannes R. Becher. Ulbricht steht bei einer Vorstellung zu Ehren Bechers auf, verlässt mit seinem Tross das Berliner Kino »Kosmos«. Günter Kunert hatte das Drehbuch geschrieben - der Autor in seinen Erinnerungen: »Teils ist es erstaunlich, teils befriedigend für uns, festzustellen, wie nahtlos sich diese Regierung und ihr Militär mit der Herrschaft des Wilhelminischen Reiches identifiziert.«

1945 wird Heidemarie Wenzel in Berlin geboren, studiert hier auch Schauspiel. Iris Gusner dreht mit ihr »Die Taube auf dem Dach« (1973), der Film wird verboten. Wie ein Omen: Ziehkind der Zensur war sie nie. In der »Legende von Paul und Paula« ist sie gewissermaßen der Stein des Anstoßes: Beamten-Pauls geistlos schöne, öd vampsüchtige Ehefrau. 1988 Ausbürgerung. Wenzels Mann, der Regisseur Helmut Nitzschke, war im Westen geblieben; und weil die Schauspielerin sofort einen Ausreiseantrag stellte, blieb ihr nur: Büromitarbeiterin in der Kirche - als Wenzel sich dann noch mit der Bürgerrechtsbewegung solidarisierte, kam der Rauswurf.

Ihre Laufbahn verfügt über kein kontinuierlich herausforderndes Werk. Handwerk jedoch blieb immer - und wo sie unterm Babelsberger Signum in Erscheinung trat, trat eine Besonderheit in Erscheinung, und es überzeugte ein Spiel, das nie zur Eindeutigkeit verhärtete. Da muss am Ende keiner fragen, wie oft jemand vor der Kamera stand; die Art, um kenntlich zu werden, benötigt keine langen Listen. Ich sehe ihre Agnes im »Wolz«-Film von Günter Reisch und Günther Rücker: die Tochter aus besserem Haus auf novemberrevolutionärer Seite; dort dann ein Seelenriss-Erleben zwischen roter Disziplin und noch röterem Anarchieglühen. Die Wenzel spielt das mit trauriger Untergründigkeit und einer leise-langsamen Noblesse, die in der Liebe zur »Sache« aufgeht, wohl wissend, dass darin wahre Liebe nur untergehen kann.

Am heutigen Dienstag wird die Schauspielerin 70. »Immer wieder Liebe« heißen ihre Erinnerungen (geschrieben mit Karen Matting), die im kommenden Jahr im Verlag Das Neue Berlin erscheinen.

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