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Die Wege miserabel, alles verdreckt

Bruno Preisendörfer unternimmt einen Ausflug in den Alltag der Goethe-Zeit

Für Jean Paul war es die Heilige Stadt, Ziel aller Sehnsucht, die Hauptstadt des Geistes. Am Abend des 9. Juni 1796 kam er in Weimar an und war »aus der Reisekruste« noch nicht heraus, als er schon die Feder ins Fass tauchte, um froh zu bekunden, er habe gerade »die Himmelsthore aufgedrückt«. Ihn kümmerte wenig, dass es in Weimar nicht besser aussah als im fränkischen Hof, wo er aufgebrochen war. Die Wege miserabel, die Straßen verdreckt, bevölkert von Hühnern, Gänsen, Schweinen, überall Lärm und Gestank, die Bewohner in der Hauptsache kleine Bauern, das Schloss, das schon Goethe bei seiner Ankunft im November 1775 als ausgebrannte Ruine vorgefunden hatte, noch immer nicht wieder aufgebaut, der Hof des Carl August trotz kostspieliger Haushaltung weit von allem Luxus entfernt.

Die Kluft zwischen dem geistigen Leben, der geistigen Bedeutung des Städtchens und den alltäglichen Gegebenheiten konnte größer nicht sein. »Wenn irgendeine Stadt der Imagination Streiche spielt«, schrieb 1828 Carl Julius Weber, »so ist es Weimar. Sein Ruf geht vor ihm her wie vor großen Männern, und man findet ein kleines, totes, schlecht gebautes, recht widriges Städtchen«.

Wer heute hierher kommt, weiß natürlich von den Düsternissen der Vergangenheit, doch bis zu einer halbwegs festen Vorstellung der damaligen Zustände reicht kaum die Fantasie, trotz aller Hinweise in Publikationen und Dichterbiografien. Nur einer, Jochen Klauß, profunder Weimar- und Klassik-Kenner, hats in jüngerer Zeit unternommen, in seinem Buch »Alltag im ›klassischen‹ Weimar« (1990) hinter die hell leuchtende Fassade zu blicken. Für weitere, umfassende Aufklärung, die sich nicht nur an Weimar orientiert, sorgt jetzt Bruno Preisendörfer, Verfasser einer Seume-Biografie und nunmehr Autor eines Werks, auf das wir, ohne es vielleicht zu wissen, lange gewartet haben. Sein Buch »Als Deutschland noch nicht Deutschland war« ist ein frohgemuter, unterhaltsamer Ausflug in Zeiten, als es noch erlaubt war, die Nachttöpfe einfach aus dem Fenster zu kippen.

Preisendörfer verblüfft vor allem mit der fantastischen Fülle seiner Entdeckungen. Er hat sich durch gewaltige Bücherstapel gearbeitet, durch unzählige Memoiren und Reisebeschreibungen, Romane, Briefe und Tagebücher, hat gesucht und gelesen, gesammelt und sortiert und die vielen, unendlich vielen Fundstücke, gegliedert in zehn große Kapitel, in einem Bericht ausgebreitet, der seine Stärke, seine Farbigkeit aus dem Detailreichtum bezieht, den massenhaft zusammengetragenen Zitaten, Episoden und Zeugnissen jener Epoche.

Ach, es war eine ungemütliche Zeit. Wer sich auf Reisen begab wie Goethe, musste sich lange und arg durchschütteln lassen, musste auch schon mal umkehren, weil die miserable Straße die Kutsche aus dem Gleichgewicht brachte. Am Wegesrand lauerten Bettler, Banditen, Mörder und betrügerische Wirte, überall Zollschranken und erzwungene Aufenthalte. Überall auch zur Abschreckung Galgen (die meisten in Bayern), an denen manchmal noch die Gerippe hingen. Von Hygiene in den Städten und Dörfern keine Spur. Die Mauern dünn und kaum isoliert, die Stuben kalt, weshalb man aus gutem Grund mit der Nachtmütze ins Bett stieg. Auch die Spree bloß ein schmutzstarrendes Gewässer, und selbst in Berlin war es ratsam, in Stiefeln auf die Straße zu gehen.

Preisendörfer lässt kaum einen Lebensbereich aus. Er erzählt, was man aß und trank, wie man darbte und Feste feierte, wie geliebt und geboren wurde, wie in Scharen Wunderheiler durchs Land zogen und auf den Jahrmärkten Station machten. Er informiert über Standesgrenzen, höfische Ankleiderituale und Straßenbeleuchtung, die Beschaffenheit von Kerzen und Pflügen, über Hebammenunterricht, Kindersterblichkeit, Bettwäsche, Korsetts und Reifröcke, und weil er wahrscheinlich dachte, die Freude der Leser noch ein bisschen steigern zu können, wird sogar die Frage erörtert, ob Goethe Unterhosen trug. Die bündige Antwort: wohl eher nicht. Einen Beleg für die Behauptung hat er zwar nicht finden können, aber zu jener Zeit trug man allgemein lange Kniehemden.

Weimar, meinte Goethe, sei die Stadt der kurzen Wege. Ein paar Schritte nur, dann war er am Hof oder in der Esplanade bei Schiller. Durch wie viel Schmutz und Unrat er dann stiefeln musste, kann man sich nun, nach Preisendörfers Auskünften, lebhaft vorstellen.

Bruno Preisendörfer: Als Deutschland noch nicht Deutschland war. Reise in die Goethezeit. Verlag Galiani Berlin. 518 S., geb., 24,99 €.

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