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Das Tier als Feind

Der Terror in New York und die psychologische Steinzeit

  • Von Helmut F. Kaplan
  • Lesedauer: 3 Min.

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Während der Bergungs- und Aufräumungsarbeiten beim World Trade Center in New York kam es Medienberichten zufolge auch zu einem »tragischen Missverständnis«: Ein Polizist erschoss versehentlich einen Hund. Das »tragische Missverständnis« bestand aber nicht darin, dass der Hund erschossen wurde, sondern darin, dass es der falsche war: Der Polizist hatte nicht, wie er glaubte, einen schädlichen »Streuner«, sondern einen wertvollen Suchhund (»highly trained« und »very expensive«) getötet.

Der Terroranschlag in New York war für die Betroffenen eine schreckliche Katastrophe. Tausende von Opfern in wenigen Minuten. Über Ursachen, Zusammenhänge und Hintergründe soll an dieser Stelle nicht spekuliert werden. Worum es gehen soll, ist, daran zu erinnern, dass Tod, Qual und Leid, die mit dem schlimmsten Terroranschlag der Geschichte einhergingen, für die Tiere tägliche Realität sind.
Tiere werden absichtlich den Bedingungen eines Atomkrieges ausgesetzt, um festzustellen, wie lange sie überleben und wie sie sterben. Tiere werden gefesselt und mit Gewehren beschossen, um die Wirkung neuer Munition zu testen. Tiere werden bei der »Erschließung« der Natur, beim Abriss von Gebäuden, beim Bau von Straßen, bei der Inbetriebnahme von Staudämmen rücksichtslos verängstigt, vertrieben, verletzt und vernichtet. Vogelschwärme, die den Betrieb auf Flughäfen behindern, werden erbarmungslos niedergemetzelt. Überall und ununterbrochen sind Vergasungs- und Vergiftungskommandos unterwegs, um »Ungeziefer« und andere »Schädlinge« auf brutalste Weise zu »vertilgen«. Ganz zu schweigen von den rund um die Uhr weltweit stattfindenden Routine-Massakern in Versuchslabors und Schlachthäusern.
Darf man diesen täglichen Terror gegenüber Tieren in einem Atemzug nennen mit dem tödlichen Terror von New York? Ich denke, man darf nicht nur, man muss. Um die Menschen dafür zu sensibilisieren, wie berechtigt und unabdingbar die Forderungen der Tierrechtsbewegung sind - und wie obszön-»vernünftig« und zynisch-unzureichend alles ist, was von »besonnenen« und »realistischen« Zeitgenossen zur Verbesserung des Loses der Tiere vorgeschlagen wird.
Wie sagte doch Präsident Bush in Bezug auf ausländische Hilfe bei der Suche und Verfolgung der Attentäter: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Diese ebenso unlogische wie unmoralische Aussage beschreibt sehr treffend auch unsere Einstellung gegenüber Tieren: Nur Tiere, die uns nutzen, dürfen, solange sie uns nutzen, leben. Alle anderen sind unsere Feinde und müssen vernichtet werden.
Der mörderische Terroranschlag in New York wie die auf ihn folgende kriegerische Reaktion geben uns Gelegenheit, einen Blick in die psychologische Steinzeit zu werfen. Aber gehört nicht ebenso der tägliche menschliche Vernichtungskrieg gegen die Tiere zu den Denk- und Handlungsmustern, die es zu überwinden gilt, wenn wir dem Anspruch gerecht werden wollen, zivilisierte, vernünftige und moralische Menschen zu sein?

Der Autor ist Philosoph und lebt in Salzburg (Österreich). Er veröffentlichte mehrere Bücher zu Fragen der Tierrechte.

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