»Wir feiern, dass wir leben«

Michael Zander über eine Protestparty von Behinderten und warum christliche Lebensschützer nicht eingeladen sind

Michael Zander bereitet die Pride-Parade »Behindert und verrückt feiern« in Berlin vor. Mit dem 
Aktivisten der Behindertenbewegung sprach Ines Wallrodt.

Freaks, Krüppel, Verrückte, rollt, humpelt, tastet euch vor - man muss selbstbewusst sein, um sich Ihrer Einladung zur Demo anzuschließen.
Das stimmt wohl. Wir eignen uns hier Schmähbegriffe selbstbewusst als Eigenbezeichnung an.

Verletzen Angriffe dadurch weniger?
Ich sehe das als kämpferisches Statement.

Behinderte und Menschen mit Psychiatrieerfahrung wollen feiern - gibt es wirklich Grund dafür?
In der Tat gibt es gravierende Missstände in der Gesellschaft. Wir feiern mit unserer Parade deshalb auch nicht die gesellschaftlichen Zustände, sondern die Betroffenen ihr Selbstbewusstsein und ihre Erfolge in ihrem Ringen um Emanzipation. Die Botschaft ist: Wir zeigen uns und feiern, trotz all der Widrigkeiten, die es zu überwinden gilt.

Welche Erfolge sehen Sie?
Die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland war ein großer Schritt. Sie schafft eine völkerrechtliche Grundlage für die Wahrung von Menschenrechten behinderter Menschen und hat inhaltlich viele Forderungen aus den sozialen Bewegungen aufgegriffen. Das liegt unter anderem daran, dass eine der Verfasserinnen die deutsche Juristin Theresia Degener ist, die selber aus der Behindertenbewegung kommt. Die Konvention fordert von den Vertragsstaaten, einen gesellschaftlichen Wandel einzuleiten, der Teilhabe ermöglicht.

Zum Beispiel in Schulen?
Es geht um Bildung, aber auch um Arbeit und Leben in der Gemeinde. Behinderte sollen nicht mehr abgesondert in besonderen Institutionen leben müssen. Die Konvention umfasst zudem nicht nur Menschen, die wir gewöhnlich mit dem Begriff Behinderung assoziieren, also körperbehinderte oder Menschen mit Lernschwierigkeiten, sondern auch Menschen mit Psychiatrieerfahrung.

Wie passen »behindert« und »verrückt« zusammen?
Ihr Stigma kann sehr unterschiedlich sein. Ein Vorurteil besteht etwa darin, Psychiatrisierte als potenziell gefährlich anzusehen, während behinderte Menschen oft bemitleidet werden. Beide Gruppen kennen jedoch die Erfahrung, dass die Mehrheitsgesellschaft sie durch Therapien an ihre Normen anpassen will. Auch die Ausgrenzungserfahrung verbindet sie, zum Teil sind Behinderte und »Verrückte« in ähnlichen Einrichtungen untergebracht oder arbeiten in Behindertenwerkstätten.

Über die Inklusion in Schulen gibt es viele Klagen. Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung der Konvention?
Die Sache ist ambivalent. Auf der einen Seite ist der Umstand, dass es diese UN-Konvention überhaupt gibt - Deutschland hat sich ja relativ spät erst dazu durchgerungen - ein Erfolg. Zugleich gibt es nun einen Inklusionsdiskurs, der über »politische Sonntagsreden« nicht hinausgeht und bei dem die ausgrenzenden gesellschaftlichen Realitäten verschwinden. In Wahrheit setzt Deutschland Inklusion in entscheidenden Bereichen nicht um.

Können Sie Beispiele nennen?
Die so genannten Werkstätten für Menschen mit Behinderungen kommen ihrer Aufgabe nicht nach, möglichst viele Leute auf den regulären Arbeitsmarkt zu vermitteln. Es gibt nicht genug Möglichkeiten für Behinderte, in der Gemeinde zu wohnen, weil es zum Beispiel bundesweit zu wenig Angebote für persönliche Assistenz gibt. Fixierung und Zwangsmedikamentierung in der Psychiatrie werden in Deutschland nicht als Misshandlung oder Folter anerkannt. Flüchtlingen mit Behinderungen werden reguläre Gesundheitsleistungen und Sozialunterstützungen vorenthalten. All das hat auch der Fachausschuss der Vereinten Nationen in seinem letzten Bericht von April an Deutschland kritisiert.

Zugleich gibt es das Streben, zu verhindern, dass Behinderte überhaupt geboren werden. Das Leiden an Behinderungen spielt auch in der Sterbehilfedebatte eine Rolle. Haben Sie den Eindruck, dass die Akzeptanz von Behinderung und Behinderten zugleich sinkt?
Ja, ich sehe das mit Sorge. Es gibt einen Trend zu selektiven Schwangerschaftsabbrüchen, wenn man etwa an den Schwangerschaftstest für Trisomie 21 denkt.

Konservative und Kirchen scheinen heutzutage die besten Interessenvertreter von Behinderten zu sein …
Das muss ich vehement zurückweisen! Das Thema wird von christlichen Fundamentalisten instrumentalisiert, die ein totales Abtreibungsverbot fordern und vorgeben, sie würden damit etwas für Behinderte tun. Religiös-fundamentalistische Kreise sind keine potenziellen Bündnispartner, weil sie zugleich die Rechte von Frauen und übrigens auch von behinderten Frauen mit Füßen treten. Es muss ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch geben, zugleich muss man diese Entwicklung kritisch sehen, wie das feministische, säkulare aufgeklärte Kreise auch tun.

Viele Debatten sind von Ängsten geprägt und der Vorstellung, dass Behinderte ein unvollkommenes, unglückliches Leben haben. Verstehen Sie solche Unsicherheiten?
Die Parade will im Grunde genau dieser Vorstellung entgegenwirken. Wir feiern uns in gewisser Weise selbst. Wir feiern, dass wir leben und zeigen damit, dass das Leben mit Behinderung nicht schlecht sein muss, wenn die entsprechenden gesellschaftlichen Umstände gegeben sind. Auf diese Demonstration kommen Leute, die man sonst nicht unbedingt auf Demonstrationen sieht, beispielsweise aus Behinderteneinrichtungen. Die demonstrieren hier anders als üblich eben nicht gleichzeitig mit dem Wohlfahrtsverband, der sie versorgt. Und das ist, glaube ich, etwas Besonderes.

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