Ich will selbst Erfolge einfahren

John Degenkolb verpasst beim Erfolg Tony Martins seinen ersten Tour-Etappensieg

Für die 4. Etappe der Tour, hatte John Degenkolb sich viel vorgenommen. Hinter Tony Martin wurde er letztlich Zweiter. Er sprach mit Tom Mustroph über Ambitionen, Druck und einen Teamkollegen, der fehlt.

Die 4. Etappe am Dienstag verlief über einige Pflastersteinabschnitte von Paris-Roubaix. Sie haben dieses Rennen in diesem Jahr gewonnen und als Siegestrophäe auch einen Originalpflasterstein mit nach Hause nehmen dürfen. Haben sie den vor der Abfahrt zur Tour noch einmal in die Hand genommen und sich verabschiedet?
Nein, ich habe da jetzt nicht »Tschüss« gesagt. Aber natürlich habe ich mich speziell auf diese Etappe gefreut. Da galt es einige Finessen zu zeigen, und meine Form war auch ganz passabel. Es hat leider nicht geklappt. Ich bin total enttäuscht.

John Degenkolb, das ist mittlerweile Ihre dritte Tour de France. Gehen Sie mittlerweile gelassener an die Rundfahrt ran?
Ja klar, man wird mit der Zeit erfahrener und macht sich nicht mehr so eine große Platte. Aber als ich beim Prolog auf die Strecke gegangen bin und all die Zuschauer sah, da war das ein Gefühl, als wenn ich in ein Haifischbecken geworfen worden wäre. Da bleiben selbst die Erfahrensten nicht cool. Das ist schon eine Grenzerfahrung. Und man muss mit dem emotionalen Druck umgehen können.

Wer sind die Haie, wer das Futter?
Bitte nicht falsch verstehen. Es ist einfach eine megageile Sache, wie viele Leute hier bei der Tour an der Strecke stehen. Aber man lässt sich dann doch schnell beeinflussen und konzentriert sich vielleicht nicht mehr auf das Wesentliche, dass da zum Beisspiel wäre, wie schnell man durch eine Kurve gehen kann.

Viele Leute meinten, diese Etappe geht ohnehin an Degenkolb. Haben solche Aussagen den Druck für Sie noch verstärkt?
Ich habe nie geglaubt, dass man diese Etappe so einfach mit Paris-Roubaix vergleichen konnte. Sie war etwas anderes, eine andere Situation, andere Fahrerfelder. Deshalb musste ich mir gar keinen Druck machen. Aber es haben natürlich viele Leute danach gefragt. Da musste ich antworten und locker bleiben.

Bei der Tour sind Sie ohne Marcel Kittel unterwegs. Bedauern Sie das, weil ein Kumpel nicht dabei ist und Sie gesehen haben, wie hart eine Entscheidung im Team ausfallen kann? Oder sind Sie sogar froh, weil jetzt bei Sprints für Sie gefahren wird und sogar das Grüne Trikot als Ziel am Horizont erscheint?
Es herrschen geteilte Gefühle in mir. Ich bin nach meinen Siegen bei den Frühjahrsklassikern mittlerweile in einer Position, in der ich selbst Erfolge einfahren möchte. Daraus brauche ich gar kein Hehl zu machen. Da spielt mir in die Karten, wie es gekommen ist. Ich bin aber auch traurig für Marcel, dass er die Enttäuschung hinnehmen musste, hier nicht dabei zu sein. Ich sehe es hier nun als eine große Chance für mich selbst und hoffe, dass ich diese Chance nutzen kann. Ich denke, im nächsten Jahr wird Marcel wieder dabei sein und seinen ganzen Frust in die Sprintankünfte stecken.

Werden Sie da noch Teamkollegen sein?
Ich gehe mal davon aus. Wir stehen ja beide bis Ende des nächsten Jahres unter Vertrag. Und ich gehe nicht davon aus, dass die Probleme bezüglich seiner Nichtnominierung so groß sind, dass sie nicht lösbar wären.

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