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Seid nicht einverstanden! Seid nett zueinander!

Die Grindcore-Institution Napalm Death gab im Kreuzberger SO36 ein klassisches Grindcore-Konzert.

Es ist der Abend des schwarzen ausgeblichenen T-Shirts, eines Kleidungsstücks, auf das sich die mehreren Hundert Leute, die sich am Samstagabend im Kreuzberger SO36 eingefunden haben, gewiss einigen können. Denn Schwarz ist nicht nur die Farbe der Apokalypse und der Endzeit, in der wir leben bzw. stumpf zu vegetieren genötigt sind, sondern auch die der Anarchie. Viele stellen auf ihrer Kleidung Totenkopfmotive zur Schau, denn das Leben ist kurz und will richtig (frei) gelebt werden und nicht falsch (unfrei).

Die auftretende Gruppe, Napalm Death, kann im Grunde als ein Relikt aus den 90er Jahren gelten. Die Band aus dem britischen Birmingham, das ja nicht gerade als ein Erholungsgebiet bekannt ist, spielt seit über 25 Jahren einen Stil namens Grindcore. Grindcore ist ein Genre moderner Rockmusik, das seine Wurzeln im politisch-sozialkritischen Hardcore-Punk und Polit-Metal der 80er Jahre hat. E-Gitarre, E-Bass, Schlagzeug. Etwas anderes braucht kein Mensch. Laut muss man eben sein und hart und schnell. Und dagegen. Dagegensein ist das Wichtigste.

Es handelt sich um einen Musikstil, der zwar insgesamt aufgrund der Tatsache, dass er nicht von allen rückstandslos konsumierbar ist, eine wohl eher überschaubare Zahl von Anhängern hat, nichtsdestotrotz aber von sich behaupten kann, eine Art Markstein in der Entwicklung sich als politisch linksradikal verstehender Populärmusik zu sein. Der Sänger von Napalm Death, Barney Greenway, 46 Jahre alt, marschiert an diesem Abend unruhig auf der Bühne hin und her, schüttelt unentwegt den Kopf, zuckt und zappelt ungelenk und schreit und röhrt in sein Mikrofon. Doch wichtig ist weniger, auf welche Weise er sich zu den erklingenden Sägewerkgitarrenattacken bewegt, als was er da singt oder schreit. Er schreit an gegen den Faschismus, den Kapitalismus, das allgegenwärtige Schweinesystem, die Heuchelei und Doppelmoral, gegen die totale Konditionierung des Individuums zum Konsum- und Arbeitstrottel, gegen die Knechtung, Ausbeutung und Verblödung des Menschen, gegen seine Vereinzelung, gegen die Institutionen und Religionen, die aus denkenden Menschen brav funktionierende Sklaven machen. Die Stücke heißen »Multinational Corporations«, »Social Sterility«, »Dead« oder »You suffer« (ein Track, bei dem es sich im Grunde um einen dreisekündigen Wutausbruch handelt). An einer Stelle des Konzerts ruft Greenway ins Publikum, man solle sich seine Sexualität nicht nehmen oder vorschreiben lassen. Jede und jeder bestimme bitteschön gefälligst selbst und allein über sich und seinen Körper. Die brummdummen Religionen und ihre Büttel (»morons«) hätten in dieser Angelegenheit überhaupt nichts zu melden. Shane Embury, der Bassist, wie alle anderen Bandmitglieder auch im schwarzen T-Shirt, steht dabei neben dem Sänger und sieht ein wenig so aus wie einer von den Zwergen aus den »Hobbit«-Filmen: Waldschratbart und üppige Lockenmähne, untersetzt, Bierwampe. Seinen Bass spielt er so hingebungsvoll, als gäb’s kein Morgen.

Napalm Death haben eine Botschaft: Macht nicht mit, seid nicht einverstanden, lasst euch nicht zu Humankapital deformieren, denkt nach, werdet kein Bestandteil, seid Sand im Getriebe der verwalteten Welt. Aber auch: Seid nett zueinander, helft euch gegenseitig, seid selbstbestimmte Personen! Und doch ist die Band, hauptsächlich aus Endvierzigern bestehend, wie sie da auf der Bühne steht und routiniert ihre rasend schnell gespielten Gitarrenriffs herunterpoltert und -brettert, nichts anderes als ein fahrender Musikzirkus, der den guten alten und praktisch heute nicht mehr allzu relevanten Grindcore der 90er Jahre wiederaufleben lässt, wiederbelebt, künstlich am Leben erhält, ohne diesem seither Nennenswertes hinzugefügt zu haben. Unversöhnlichkeit als Marke sozusagen. Dazu passt auch die immer wieder, auch dieses Mal, vorgetragene obligatorische Coverversion des alten Dead-Kennedys-Klassikers »Nazi Punks, fuck off«, den Napalm Death seit Jahren bei jedem Auftritt in einer schwer zerknitterten Version spielen. »Sie sind die Legende, die es versäumt hat abzutreten, und die sich deswegen praktischerweise ein Revival erspart. Ihre Epigonen tingeln heute noch durch die letzten autonomen Jugendzentren«, schreibt das linke Leipziger Kulturzentrum Conne Island treffend.

Übrigens: Der Grindcore hat das nicht zu unterschätzende Verdienst, dass er - vermutlich auch, um des Herzeigens der eigenen widerständigen Attitüde willen - Ende der 80er Jahre mitunter die schönsten Bandnamen hervorgebracht hat (Agoraphobic Nosebleed, Anal Cunt, Filthy Christians). Die Hervorbringungen seiner musikalischen Repräsentanten erschienen auf einem Label, das »Earache Records« hieß, also: Ohrenschmerzschallplatten. Auch das wohl Teil des Glaubensbekenntnisses: Befreiung muss wehtun, sie ist nicht leicht zu haben. Man muss Grenzen überschreiten, Gewohntes hinter sich lassen, schneller, härter, lauter, unberechenbarer werden, um gehört zu werden, darf nicht nachgeben, keinen Frieden machen mit den Systemknechten und der Arschlochgesellschaft, die uns zu gleichgeschalteten Dummbeuteln modellieren will. Und deshalb muss unsere Musik klingen, als wolle sie alles Althergebrachte schreddern. Napalm Death sind die, wenn man so will, akustische Bekundung eines fundamentalen Nichteinverstandenseins. Das ist ehrenwert. Aber auch eben irgendwann Teil des Betriebs, wie alles andere auch. Da muss man sich nichts vormachen.

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