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Albtraum für Patient im Wachkoma

Sebastian Plocinniak aus Cottbus-Dissenchen droht die Abschiebung ins Pflegeheim

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 5 Min.

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Seit 2006 liegt Sebastian Plocinniak im Wachkoma und wird in seinem Elternhaus versorgt. Weil sich die Johanniter und die Barmer GEK nicht über die Kosten einigen, muss er jetzt vielleicht ins Heim.

Der Landesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel bekommt viele Briefe von Bürgern, aber so einen Fall hatte er noch nicht. Wegen der Kosten gibt es Probleme, einen neuen Pflegedienst für den Wachkomapatienten Sebastian Plocinniak zu finden. Fast neun Jahre lang wurde der mittlerweile 25-jährige rund um die Uhr im Haus seiner Eltern im Cottbuser Vorort Dissenchen versorgt. Findet sich nicht bis zum 1. August eine Lösung, und danach sieht es leider nicht aus, müsste Sebastian ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim. Das dürfte nicht sein, findet der Behindertenbeauftragte Dusel. Sebastians Mutter Birgit hat sich jetzt einen Rechtsanwalt genommen. »Ich glaube, das ist der richtige Weg«, sagt Dusel. »Ein Wachkomapatient benötigt natürlich eine Intensivpflege. Da kann man nicht warten.«

In die Kippe des Braunkohletagebaus Cottbus-Nord hatte Sebastian als 15-Jähriger mit drei Freunden einen Tunnel gegraben. Am 18. Juli 2006 gab das Erdreich nach. Die Freunde bemerkten dies noch rechtzeitig und schafften es hinaus. Aber Sebastian wurde verschüttet. Bis ihn die Feuerwehr befreite, blieb sein Gehirn 20 Minuten lang ohne Sauerstoff. Vier Wochen lag der Junge auf einer Intensivstation des Carl-Thiem-Klinikums, sieben Monate verbrachte er in einer Rehaklinik. Seitdem wird er im Eigenheim seiner Eltern betreut.

Sebastian kann sich kaum bewegen, höchstens mal ein Bein anstellen. Er kann nicht sprechen und nicht essen, muss über eine Magensonde künstlich ernährt werden. Er hat aber einen Weg gefunden, sich verständlich zu machen. Einmal zwinkern heißt ja, zweimal nein. Das haben seine Eltern und seine Pfleger herausgefunden. Sebastian werde gleich gewaschen, sagt eine der Frauen, die sich um ihn kümmern. »Er hat ja gesagt«, bemerkt sie freudig. Natürlich kam kein Wort über Sebastians Lippen. Aber er hat gezwinkert.

Sein Bett steht heute in einem Anbau, der sich an sein altes Kinderzimmer anschließt. Ein spezielles Bad ist eingerichtet, eine extra Rampe umgeht die Treppe. »Wir haben das gesamte Grundstück behindertengerecht umgebaut«, erzählt Mutter Birgit. Schließlich soll ihr einziges Kind nicht immer nur liegen. Mit dem Rollstuhl wird er in den Garten gebracht. »Wir gehen auch mit ihm ins Kino und fahren gemeinsam in den Urlaub.« Ab und an besucht Sebastian mit seinem Vater und einer Pflegerin Heimspiele des FC Energie Cottbus. Im Stadion der Freundschaft gefalle es ihm, sagt der Vater. In Sebastians Zimmer hängen ein Foto von einem solchen Erlebnis, ein Ticket der Begegnung Cottbus gegen Dynamo Dresden und ein Bild der Fußballmannschaft. Fast alle Spieler haben es signiert. Bereits vor seinem Unfall begeisterte sich Sebastian für den FC Energie.

Die Eltern freuen sich über jeden kleinen Fortschritt, den ihr Junge macht, wissen aber, dass er immer intensive Pflege benötigen wird. Zu schwer ist sein Gehirn geschädigt. Mindestens fünf Arbeitskräfte seien notwendig, um die gesetzlich garantierte Betreuung im heimischen Umfeld abzusichern, rechnet die Mutter. Das sei nicht billig, koste jeden Monat 25 000 bis 30 000 Euro. Vier Mal habe die Familie im Laufe der Jahre den Pflegedienst wechseln müssen, sagt die Ingenieurin für Textiltechnologie. Zuletzt habe der aktuelle Pflegedienst wieder unter Hinweis auf Personalnot gekündigt. »Vielleicht sind wir auch zu unbequem«, überlegt die 52-Jährige. Sie verlangt, was jede Mutter in ihrer Lage fordern würde: Fachkräfte. Die seien offenbar nicht leicht zu finden und lassen sich heute nicht mehr mit Niedriglöhnen abspeisen. Einen Stundensatz von 35 Euro müsse die Krankenkasse schon zahlen, denkt Birgit Plocinniak. »Vielleicht genügen auch 34 Euro, aber billiger geht es nun einmal nicht.«

40 Euro zuzüglich 30 Cent Fahrtkosten je Kilometer möchte die Johanniter-Unfall-Hilfe berechnen. Der Patient benötige »hervorragend ausgebildetes und ständig weitergebildetes Personal«, schrieb Regionalvorstand Matthias Rudolf an Plocinniaks Krankenkasse Barmer GEK. Sebastian leide an Epilepsie, bedürfe einer genauen Beobachtung und gezielten Eingreifens im Notfall. Zu all dem gehöre das Verabreichen von Medikamenten, die Kontrolle der Lebenszeichen, »Absaugung nasal, oral und tracheal« und die Vermeidung von Komplikationen. Denn Sebastian sei »sehr sensibel« und reagiere bei Stress mit Entgleisung des Elektrolythaushalts. Die Johanniter-Unfall-Hilfe könne die Intensivpflege Sebastians übernehmen, sicherte Rudolf zu. Unter Verweis auf Tariflohn und Nachtzuschläge bat er die Krankenkasse um eine Kostenzusage.

An dieser Stelle beginnt der Konflikt - mit Aussagen, die sich widersprechen. »Die Versorgung von Sebastian Plocinniak könnte zeitnah auch für die Zukunft sichergestellt werden«, beteuert Axel Wunsch, Pressesprecher der Barmer GEK. »Hierfür haben wir der Mutter bereits drei Pflegedienste vermittelt, die über das notwendige Personal verfügen.« Nach jetzigem Stand wäre die Betreuung durch einen der drei Dienste möglich, erklärt Wunsch. Das Angebot der Johanniter komme derzeit nicht in Frage, da keine plausible Kostenkalkulation dafür vorliege. Der geforderte Stundensatz liege 30 Prozent über dem anderer Pflegedienste. Für die Barmer GEK gebe es zwar grundsätzlich keine finanzielle Obergrenze für solche Leistungen. Sie sei jedoch gesetzlich verpflichtet, »wirtschaftlich« mit den Geldern der Krankenversicherten umzugehen. Wunsch merkt an, es werde suggeriert, dass eine angemessene Versorgung nur möglich sei, wenn der Stundensatz höher als 30 Euro liege. Dem widerspricht Wunsch. »In Brandenburg bieten über 70 Pflegedienste diese Leistung an.« Die mit den Krankenkassen vereinbarten Preise liegen laut Barmer GEK »in der Regel« bei bis zu 30 Euro die Stunde.

Sollte sich Familie Plocinniak »weiterhin weigern«, einen der vorgeschlagenen Pflegedienste anzunehmen, wären die Alternativen Krankenhaus beziehungsweise Pflegeheim zu prüfen, bestätigt Wunsch. Das klingt bedrohlich, auch wenn er nachschiebt, die Barmer GEK glaube nach wie vor, dies sei vermeidbar.

Indessen berichtet Birgit Plocinniak, sie habe selbstverständlich die drei vorgeschlagenen Pflegedienste angerufen. Keiner der drei habe sich ihr gegenüber aber in der Lage gesehen, Sebastians Betreuung schon ab dem 1. September zu übernehmen. Der erste habe betont, weniger als 35 Euro könne er bestimmt auch nicht verlangen. Der zweite habe von 28,50 Euro gesprochen und der dritte habe über den Stundensatz nichts sagen wollen. Die Johanniter könnten ab Mitte August kommen, so die letzte schriftliche Nachricht. Aber auch sie benötigen einige Wochen Vorlauf und deswegen eine baldige Zusage, wenn es klappen soll.

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