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Zocken für den Weltfrieden

Beim »Civil Powker« lernen Schüler, dass es keine Panzer braucht, um internationale Konflikte zu lösen

  • Von Hendrik Lasch, Osterwieck
  • Lesedauer: 8 Min.
Bei internationalen Krisen wird oft nach dem Militär gerufen. Der Friedenskreis Halle zeigt Schülern in einem Strategiespiel, dass es auch ohne militärische Gewalt geht.

Kurz nach der Mittagspause geht die Wirtschaft getrennte Wege. Rudi F., der einen vom Vater ererbten kleinen Handwerksbetrieb führt, hat den großen Rüstungsmagnaten Wolfgang D. ausgestochen und sich das gesamte Kapital unter den Nagel gerissen. Mit einer Handvoll gelber Chips aus Plastik stürmt er an den Tisch, an dem die Vertreter der Zivilgesellschaft ihre Strategie beraten, und bietet ein Geschäft an: Fünf ihrer grünen Spielmarken sollen der Gewerkschafter, der Pfarrer und die friedensbewegte Schülerin beisteuern, damit Rudi F. Krankenhäuser im Krisenland bauen kann. Und im Gegenzug? Würde er einen Exportstopp für Waffen unterstützen, sagt der Mann von der Wirtschaft grinsend: »Rudi regelt das!«

Fallstein-Gymnasium Osterwieck; es ist die letzte Woche vor den Ferien. Elftklässler machen sich mit GPS-Geräten auf den Weg zu einer Schnitzeljagd durch die malerische Kleinstadt am Nordrand des Harzes. Ein anderer Teil der Klasse sitzt derweil in einem Raum im zweiten Stock, vor dessen Fenstern die Linden in schönster Blüte stehen. Selbst wenn sie aber eine Ader dafür hätten: Die jungen Leute sollen sich von dem süßen Duft der Bäume so wenig ablenken lassen wie vom heißen Badewetter. Sieben Unterrichtsstunden lang haben sie Wichtigeres zu tun: Sie sollen in die Rolle von Politikern, Unternehmern und Friedensbewegten schlüpfen und eine internationale Krise lösen. Bilder von Aufruhr in den Straßen eines ungenannten Landes waren in fiktiven Nachrichten zu sehen. Von immerhin noch friedlichen Demonstrationen ist die Rede, aber auch von einer Regierung, die mit Härte droht; vom Zugang zu Rohstoffquellen, der gefährdet ist, und von einer Zivilbevölkerung, der das Wasser bis zum Halse steht. Nun sind die Schüler an der Reihe. »Ihr seid die Akteure«, sagt Maria Wagner vom Friedenskreis Halle: »Was immer ihr tut oder nicht - es hat Auswirkungen auf die Welt!«

Wagner hat an diesem Tag die Krise ins Fallstein-Gymnasium gebracht - als strategisches Plan- und Rollenspiel namens »Civil Powker«. Der Titel ist ein Kunstwort, in dem Pokern ebenso steckt wie »civil power«, die kollektive Macht von Menschen. Man sollte anfügen: von nicht bewaffneten Menschen, denn in diesem Spiel geht es nicht darum, Zwist mit Waffengewalt zu lösen, mit genauem Zielen und rechtzeitigem Abdrücken, wie es in vielen Ballerspielen gefordert ist, die Krieg und Kampf, »War« und »Combat«, bereits im Titel tragen. Bei »Civil Powker« dagegen gewinnt, wer am überzeugendsten argumentiert, wer geschickt Allianzen schmiedet - und dabei, im Spiel ist schließlich alles möglich, auch mal als kleiner Handwerker den Chef eines Rüstungskonzerns austrickst.

Das Spiel wurde entwickelt, weil die Nachrichten voll sind von Berichten über Krisen, Kriege und Konflikte - aus Syrien und der Ukraine, Libyen und Somalia, wie es auf der unvollständige Liste der Schüler vom Fallstein-Gymnasium heißt. Die Hörer der Nachrichten indes fühlen sich oft hilflos angesichts der Meldungen - und schieben den Auftrag zum Handeln an andere weiter: die Politik, die UNO, die Amerikaner - und die Armee. Die könne mit Kampfbombern und Panzern intervenieren und wieder für Ruhe sorgen, heißt es schnell. Wie sagt ein Schüler angesichts des Fotos eines »Leopard«-Panzers, als zu Beginn des Spiels verschiedene Bilder den Sphären von Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zugeordnet werden sollen? Die Bundeswehr sei »ein Unternehmen im Dienst des Staates«. Ihr Auftrag? »Sie soll international den Frieden sichern.«

Es ist ein Bild, das Teile der deutschen Politik gern zeichnen: das vom Friedenshelfer in Uniform, der in Somalia Brunnen gräbt oder in Afghanistan Versorgungswege sichert. Es ist ein Bild, das auch die Bundeswehr selbst häufig transportiert - zum Beispiel in Form eines Strategiespiels namens »POL&IS« (Politik und Internationale Sicherheit), das Jugendoffiziere auch mit Schülern spielen. Im Werbetext ist die Rede von einem »komplexen Arbeitsseminar«, bei dem Teilnehmer Entscheidungen träfen, die »den Verlauf der Weltpolitik bestimmen«. Dahinter stehe ein »Modell, das die Vereinten Nationen und Internationale Beziehungen abbildet«, heißt es auf der Internetseite des »Fördervereins Jugendoffiziere«. Von militärischer Konfliktlösung ist dort vordergründig nicht die Rede. Dennoch gibt es von Friedensgruppen Kritik. Militärinterventionen seien als »selbstverständlicher und manchmal notwendiger Bestandteil« der Spielwelt dargestellt, schrieb Markus Pflüger von der AG Friedensforschung vor Jahren im »nd«, nachdem er und andere Friedensaktivisten drei Tage lang »POL&IS« gespielt hatten. Militärische Einsätze für wirtschaftliche Interessen würden »normalisiert«. Pflüger sprach auch von »geschickter Militarisierung des Zivilen«.

»Civil Powker« ist eine Art Gegenentwurf. Entwickelt wurde das Spiel vom Friedenskreis Halle, der vor 25 Jahren als Zusammenschluss pazifistischer Gruppen gegründet wurde und heute nicht zuletzt Bildungsarbeit betreibt, gemeinsam mit dem Konfliktberater Karl-Heinz Bittl aus Nürnberg und dessen Kolleginnen Elli Mack und Sandra Bauske. Ziel des Spiels, das erst seit kurzem in der voll ausgereiften Version angeboten wird, sei es, den »Blick auf das breit gefächerte Handlungsrepertoire gesellschaftlicher Akteure« zu öffnen - und zwar in Deutschland: Durchgespielt werden ausschließlich Optionen, mit denen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft von der Bundesrepublik aus auf internationale Konflikte einwirken können. Dabei würden »zivile Mittel der Krisenreaktion« in den Mittelpunkt gestellt, schreibt der Friedenskreis in einem Informationstext für interessierte Lehrer.

Einer von diesen Lehrern ist Christian Herzfeld, der im Fallstein-Gymnasium das Fach Sozialkunde unterrichtet - und der »Civil Powker« aus Überzeugung anbietet. Herzfeld hat sich Anfang der 1980er Jahre in der DDR entschieden, den Dienst an der Waffe nicht anzutreten, und ist statt dessen Bausoldat geworden. Es war eine Entscheidung, die Stehvermögen verlangte in einer Zeit, in der das Wilhelm-Busch-Gedicht vom Igel als »bewaffnetem Friedensheld« gern zitiert wurde und in der an Schulen die vormilitärische Ausbildung ebenso in den Alltag gehörte wie ein oft sehr nachdrückliches Werben für den Offiziersberuf. Herzfeld studierte erst, als es die DDR nicht mehr gab. Bei einem Kongress ehemaliger Bausoldaten in Wittenberg wurde er auf den Friedenskreis Halle und auf dessen Bildungsangebote aufmerksam. Nun hat er »Civil Powker« erstmals an seine Schule geholt und es an einem ersten Tag auch selbst mitgespielt. Das Spiel sei »klug konzipiert«, sagt er; es zapfe geschickt Vorwissen der Schüler an, die sich so gefordert fühlten. Auch bewirke die »spielerische Form« starke »Motivation ohne Druck«.

Daran ändert sich auch nichts, als bereits vier Stunden vergangen sind - und sich der Konflikt noch einmal verschärft. Am Vormittag schien es noch genügt zu haben, Beobachter in das imaginäre Krisenland zu entsenden und Kontakt zur Opposition aufzunehmen; über Zeitungen war ein Aufruf an die deutsche Öffentlichkeit lanciert worden. Von der »Besetzung öffentlicher und wirtschaftlicher Einrichtungen« hatten die Vertreter der Zivilgesellschaft dagegen wieder Abstand genommen - auch wenn es Gewerkschaftssekretär Ahmed W. gehörig nervte, dass die deutsche Wirtschaft sich in demonstrativem Nichtstun erging: »Ihr sitzt alle nur da, und es wird nicht gehandelt«, wetterte der Gewerkschafter, der im richtigen Leben Philipp heißt: »Wir wollen aber die Situation in dem Land ändern!«

Dass es dafür freilich keine einfachen Rezepte gibt - auch das ist bei »Civil Powker« zu lernen. Haben die Aktivitäten der Opposition, die man unterstützte, die Regierung erst zum übertrieben harten Durchgreifen angestachelt? Und welches Ziel ist überhaupt erstrebenswerter: die Ruhe im Land wieder herzustellen, was zwar die Drangsal der Zivilbevölkerung lindert, aber die autoritäre Regierung an der Macht belässt? Oder im Interesse von Demokratie und Freiheitsrechten auf deren Sturz hinzuarbeiten, auch wenn das nur mittels gewaltsamer Aufstände gelingt, die womöglich mit Leid für die Bevölkerung verbunden sind - und keine Garantie dafür bieten, dass ein stabiles Land entsteht?

»Civil Powker« honoriert deutlich den letzteren Ansatz. Es sind freilich Fragen, die jenseits des Gedankenspiels im Umgang mit den Krisen dieser Welt nicht ganz eindeutig zu beantworten sind. Wie wertvoll ist der Sturz eines Diktators, wenn die Opposition danach in verfeindete Splittergruppen zerfällt und das Land faktisch unregierbar wird? Im Spiel wird die Frage, ob Taten den Konflikt befriedet haben oder ob sie ihn eskalieren ließen, dem Zufall überlassen - in Gestalt eines gelben Schaumstoffwürfels: Zeigt er eine 4, 5 oder 6, ist man der friedlichen Lösung des Konflikts ein Stück näher gekommen; fällt eine 1, 2 oder 3, hat die vorgeschlagene Aktion - ein Boykott, eine Großdemonstration, gar ein Hackerangriff auf die Server der Regierung - keinen Effekt gehabt.

In Osterwieck stellt sich an diesem Tag nicht nur der Würfel in den Dienst des Weltfriedens. Auch die Politiker und Wirtschaftsvertreter, zu denen die Elftklässlern des Fallstein-Gymnasiums zeitweilig geworden sind, scheinen kaum Interesse an hartem Durchgreifen zu haben: »Sie sind sehr peacig«, sagt Maria Wagner vom Friedenskreis, die auch andere Spieler erlebt hat: »Es kommt vor, dass erst einmal ein Militärschlag gefordert wird.« Viel hängt von jenen ab, die in den Klassen das Wort führen - von Basti etwa, der in der Rolle von Handwerker Rudi seinen Mitspielern ihre gelben Plastikchips abluchst, was für diese schon das Nachdenken über Waffenexporte überflüssig macht: Die Chips stellen Geld und Einfluss dar; bei wem sie knapp werden, der kann im Spiel nicht mehr pokern.

Geld braucht freilich auch, wer ein Spiel wie »Civil Powker« in der Schule einsetzen will. Ein Verein wie der Friedenskreis Halle kann derlei Veranstaltungen - anders als die Bundeswehr - nicht kostenlos anbieten; fällig wird in der Regel ein mittlerer dreistelliger Betrag. Zwar hält das Kultusministerium von Sachsen-Anhalt die Lehrer seit einiger Zeit an, bei Auftritten der Armee zeitnah auch die Friedensbewegung zu Wort kommen zu lassen. Dafür müssen Lehrer wie Christian Herzfeld aber irgendwo Geld locker machen. Das Militär bekommen ihre Kollegen dagegen für lau.

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