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Farbenspiele

Eva Baronsky schrieb ein modernes Märchen

  • Von Friedemann Kluge
  • Lesedauer: 3 Min.

Reduziert man die Story dieses Romans (unzulässigerweise) auf ihren nackten Kern, so haben wir es mit dem uralten Märchenmotiv »Königssohn liebt Aschenputtel« zu tun. Aber Baronskys Geschichte geht natürlich ganz anders. Die Personage besteht aus einem erfolgreichen und geldschweren, gefühlsresistenten Finanzanwalt mit erheblichen Schwarzgeldproblemen und seiner nach einem Leitersturz unter Gedächtnisverlust leidenden Putzfrau, und sie endet auch überraschend - oder doch vielleicht letztendlich nicht mehr ganz so überraschend.

Doch darauf kommt es bei diesem Roman, der eh’ im Absurden, Grotesken oder eben Märchenhaften angesiedelt ist, auch gar nicht an.

Was den Leser hinreißt, fasziniert, sprachlos macht, ist die poetische Prosa, in die die Autorin das Werk gegossen hat. Da finden sich Sätze wie »Ganz allmählich fressen die Geräusche des herannahenden Tages Löcher in die Abge-schiedenheit ...« oder »Sie schluckt ihr Lächeln runter, weil es sich anfühlt, als würden gleich Tränen draus« oder »... quellen Wolken aus Wortgemurmel, manche haben runde, andere eckige oder spitze Kerne, die meisten zerstauben an den Rändern«. Das ist Sprache auf höchstem Niveau, das ist einfach nur schön! Wären nicht die recht zahlreichen Denglisch-Einsprengsel (»Board Room«, »Calls«, »Flight« usw.), mit der die Autorin der internationalen Hochfinanz ein linguistisches Gesicht zu geben versucht, die sich aber zusammen mit den Flughafenkürzeln (»WAW« für Warszawa/Warsaw) recht störend, gar albern ausnehmen, wär's perfekt!

Wunderbar dargestellt sind auch die Farbassoziationen die die Protagonistin im Zusammenhang mit Geräuschen befallen. (»Eine Uhr tickt hellgrün«; »... sitz ich am Klavier und mal die Farbe in die Tasten rein, das Blaurauschen links und das Sonnenstrahlen rechts ...«; »Und die Vögel. Sie machen ein goldgelbes, spitzes Geräusch, es passt zu den länglichen Schwanzfedern, die sie haben«.

Man ist versucht, an die Synästhesie Skrjabins zu denken, jenes russischen Komponisten, der bestimmte Töne mit Farbwahrnehmungen verband und daraus sogar ein Lehrgebäude errichtete.

Erst etwa 50 Seiten vor dem Ende schwächelt die Geschichte ein ganz klein wenig, um sich aber anschließend wieder zu erholen. Das Lektorat hat ebendort solidarisch ein bisschen mitgeschwächelt, insofern die Wiederholungen einiger Absätze stehen geblieben sind.

Wenn das Diktum Schopenhauers auch heute noch gilt (und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln), wonach, vereinfacht gesagt, gute Literatur meist nur wenige Leser erreicht, weniger gute und schlechte dagegen ein breites Publikum (das »Pack«, wie Schopenhauer es nennt), dann muss einem um die Auflagenhöhe dieses Romans etwas bange werden. Denn: Dieses Buch ist ungeachtet der etwas schrägen Geschichte cum grano salis ein sprachliches Kunstwerk!

Eva Baronsky: Manchmal rot. Roman. Aufbau Verlag. 348 S., geb., 19,95 €.

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