Von Hans-Arthur Marsiske

Kosmische Etikette

Was tun bei der Begegnung mit Marsbewohnern? Bislang gibt es für den Umgang mit außerirdischem Leben noch keine verbindlichen Richtlinien.

Auf Kepler-138b ist es wohl zu heiß. Mit der ungefähren Masse und Größe des Mars wäre der kürzlich entdeckte Planet, der einen 200 Lichtjahre entfernten roten Zwergstern im Sternbild Leier umkreist, zwar als Heimat für Lebewesen geeignet. Doch dieser »Exo-Mars« bewege sich auf einem so engen Orbit um den Zentralstern, sagt Jason Rowe vom kalifornischen SETI Institute, dass an seiner Oberfläche mindestens Temperaturen wie im Backofen herrschen dürften. »Hinzu kommt«, so Rowe, »dass diese Welt aufgrund von Gezeitenkräften wahrscheinlich stets mit der gleichen Seite zum Stern gerichtet ist, was die Temperaturen weiter in die Höhe treibt.«

Da sind die Aussichten, auf dem eisigen, kargen Mars in unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft auf Leben zu stoßen, deutlich besser. Nachdem sich in den letzten Jahren die Hinweise verdichtet haben, dass dort auch in geologisch jüngerer Vergangenheit flüssiges Wasser existiert haben könnte, soll die »ExoMars« genannte westeuropäisch-russische Weltraummission jetzt gezielt nach Hinweisen auf Lebewesen suchen. Dafür schaut sie nicht 200 Lichtjahre in die Ferne, sondern zwei Meter unter die Oberfläche. Ein gut 200 Kilogramm schwerer Roboter soll im Januar 2019 auf dem Mars landen und erstmals Bodenproben aus der Tiefe entnehmen und analysieren. Geschützt vor kosmischen Partikeln und der UV-Strahlung der Sonne, so die Hoffnung vieler Wissenschaftler, könnten sich hier unten Lebensformen oder Spuren früheren Lebens erhalten haben.

Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Instrument MOMA (Mars Organic Molecule Analyzer), das nach Aminosäuren und Zuckermolekülen suchen und deren spiegelbildliche Ausrichtung bestimmen soll. Ein deutlicher Überschuss links- oder rechtshändiger Aminosäuren würde als Hinweis auf biologische Aktivität gedeutet werden: Da die Wirksamkeit komplexer Biomoleküle entscheidend von deren dreidimensionaler Form abhängt, können nach heutigem Kenntnisstand nur biologische Prozesse eine solche Auswahl bewirken. So nutzen irdische Lebewesen ausschließlich linkshändige Aminosäuren und rechtshändige Zucker. Bei der künstlichen Synthese im Labor entstehen dagegen immer gleich viel links- und rechtshändige Moleküle.

Die Analyse erfolgt mit dem an der University of California in Berkeley entwickelten Urey Mars Organic and Oxidant Detector. Zwanzig kleine Öfen stehen zur Verfügung, die jeweils einmal zur Erhitzung von Bodenproben genutzt werden können. Moleküle, die sich dabei verflüchtigen, werden kondensiert und mithilfe einer Kombination aus Gaschromatografie und Massenspektrometrie analysiert. Finden sich dabei Aminosäuren, können sie mithilfe eines »microfabricated capillary electrophoresis (µCE) instrument« bestimmt und auf ihre Ausrichtung hin untersucht werden.

Vielleicht dauert es auch keine vier Jahre mehr, bis die ersten außerirdischen Organismen identifiziert sind. Das Landegerät »Philae«, das im vergangenen Jahr auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko abgesetzt wurde, hat mit COSAC (Cometary Sampling and Composition) ein ähnliches Instrument an Bord. Wenn »Philae« mit seinen Solarmodulen genug Energie einfangen kann, um die Analysen durchzuführen, könnte der erste Nachweis außerirdischen Lebens womöglich schon bald gelingen, vermutete Max Wallis von der University of Cardiff Anfang Juli bei der Jahrestagung der britischen Royal Astronomical Society in Llandudno, Wales. Die Mission, so Wallis, habe bereits gezeigt, »dass der Komet nicht als tiefgefrorener, inaktiver Körper betrachtet werden darf, sondern geologische Prozesse und für mikroskopische Lebensformen günstigere Bedingungen aufweisen könnte als unsere arktischen und antarktischen Regionen«.

Der Kleinplanet Ceres, der seit März von der Raumsonde »Dawn« umkreist wird, könnte ebenfalls für einige Überraschungen gut sein. Joop M. Houtkooper (Universität Gießen) vertritt jedenfalls die Idee der Glaciopanspermie, wonach einfache Lebensformen im Eis dieses Himmelskörpers entstanden und durch Meteoriteneinschläge im Sonnensystem verteilt worden sein könnten. Tatsächlich hat »Dawn« einige weiße Flecken auf Ceres beobachtet, deren Natur bislang noch ein Rätsel ist.

Viel Raffinesse und materieller Aufwand fließen in die Suche nach Leben außerhalb der Erde. Dagegen wird bislang eher wenig darüber nachgedacht, wie es weitergehen sollte, wenn in den nächsten Jahren tatsächlich der zweifelsfreie Nachweis außerirdischer Lebensformen gelingt. Das hätte nicht nur weitreichende philosophische Konsequenzen, sondern würde auch sehr praktische Fragen aufwerfen: Könnte die Erkundung des Sonnensystems wie bisher weitergeführt werden oder müssten besondere Maßnahmen zum Schutz des Lebens auf anderen Himmelskörpern getroffen werden? Das gilt insbesondere für den Mars. Denn der rote Planet lockt nicht nur als mögliche Heimat von Aliens, sondern auch als zukünftige Heimat menschlicher Siedler.

Derzeit sieht es nicht so aus, als wollten sich die Erdlinge durch Mikroorganismen davon abhalten lassen, sich auf unserem Nachbarplaneten niederzulassen. Initiativen wie »Mars One« des niederländischen Unternehmers Bas Lansdorp, der bereits ab 2027 Siedler ohne Rückkehrmöglichkeit zum Mars schicken will, sprechen eine andere Sprache. Die europäische Tradition der gewaltsamen Landnahme scheint ungebrochen und erfolgt ohne Rücksicht auf eventuelle Ureinwohner, wie einst auf dem amerikanischen und dem australischen Kontinent. Auch die gleiche Rechtfertigung wie damals liegt nahe: Es handelt sich ja nur um »primitives« Leben, auf das weniger Rücksicht genommen werden muss.

Der britische Mikrobiologe Charles Cockell (University of Edinburgh) forderte dagegen bereits 2006 in seinem Buch »Space on Earth«, jegliches außerirdische Leben bis zum zweifelsfreien Beweis des Gegenteils als intelligent zu betrachten und mit dem entsprechenden Respekt zu behandeln. Bei einer von ihm geleiteten Tagung vor zwei Jahren in London über die »Bedeutung von Freiheit jenseits der Erde« wurde dieser Aspekt von anderen Forschern weiter vertieft. So betonen die spanischen Wissenschaftler F. Javier Martín-Torres und María-Paz Zorzano im jetzt erschienenen Konferenzband (»The Meaning of Liberty beyond Earth«, Hrsg. Charles S. Cockell, Springer 2015) die Notwendigkeit von Protokollen zum planetaren Umweltschutz, insbesondere nach der Entdeckung von Lebensformen. Der Betrieb einer Raumsonde müsste in so einer Situation neu geregelt, alle Instrumente vorrangig auf die Untersuchung dieser Lebensform ausgerichtet werden. Außerdem müsste der Einsatz von Instrumenten beschränkt werden, um die Lebensform zu schützen. Ein starker Laser etwa dürfte nicht auf den Fundort gerichtet werden. Es müsste auch darauf geachtet werden, ob die Lebensform durch eine Aktivität des Raumfahrzeugs aus einem geschützten Bereich freigesetzt wird, etwa durch Bewegungen der Räder, und infolgedessen stirbt. Dieser Aspekt ist gerade auf dem Mars von Bedeutung, wo zukünftige Weltraummissionen dicht unter der Oberfläche nach Leben suchen sollen.

Bislang gebe es keine international verbindlichen Protokolle, konstatieren die Autoren. Ein 1989 von der International Academy of Astronautics (IAA) akzeptiertes »SETI post-detection protocol«, das in der Folge auch von anderen Wissenschaftsinstitutionen angenommen wurde, sei rechtlich nicht einklagbar. Das sei nicht nur für die Erdbewohner ein Problem, sondern auch für die »entdeckten« Lebewesen. Mehrere Fragen müssten vorab geklärt werden, etwa die, ob die Leitung einer Mission nach der Entdeckung von Leben an eine andere Institution übergeben werden müsste, und wie mit Lebensformen umgegangen werden soll, die eine Bedrohung für irdisches Leben darstellen. Verfahrensweisen für den Umgang mit außerirdischem Leben, so Martín-Torres und Zorzano, könnten sich an den Maßnahmen für potenziell gefährliche Asteroiden orientieren.

Wer auf dem Mars nach Leben sucht, muss darauf gefasst sein, dass dieser Planet den Menschen als Siedlungsraum versagt bleibt. Das wäre bitter, weil die dort vorhandenen natürlichen Ressourcen den Bau und die Erhaltung menschlicher Siedlungen erleichtern würden. Die Besiedelung des Sonnensystems müsste ein solcher Respekt vor fremden Lebensformen jedoch nicht grundsätzlich verhindern. Schließlich bieten sich dafür noch etliche andere Himmelskörper an, auch ließen sich große Raumstationen im freien Weltraum errichten, etwa kilometergroße rotierende Zylinder, wie sie der Physiker Gerard O’Neill in den 1970er-Jahren vorgeschlagen hat. Die Expansion der Menschheit ins Weltall wäre mühsamer und würde zunächst langsamer erfolgen als von manchen erhofft.

Doch die Anstrengung könnte sich lohnen, wenn es gelingt, rechtzeitig politische Strukturen zu schaffen, die ein friedliches Miteinander gewährleisten. Ian A. Crawford vom Londoner Birkbeck College, der für menschliche Siedlungen im Sonnensystem eine föderale Verfassung favorisiert, zitierte bei der Londoner Tagung dazu den britischen Schriftsteller Olaf Stapledon. Der hatte 1948, ein knappes Jahrzehnt bevor der erste Satellit die Erde umkreiste, in einem Vortrag für die British Interplanetary Society eine Vision kosmischer Vielfalt entworfen, die irdischem wie außerirdischem Leben gleichermaßen Platz bietet: »Die Zielsetzung für das Sonnensystem sollte darin bestehen, eine interplanetare Gemeinschaft sehr verschiedener Welten zu schaffen, jede bewohnt von der zu ihr passenden Spezies intelligenter Wesen, ihrer charakteristischen ›Menschheit‹. (...) Durch die Bündelung dieses Reichtums an Erfahrung, durch diese ›Gemeinschaft der Welten‹ wären neue Stufen der geistigen und spirituellen Entwicklung möglich, die gegenwärtig für die Menschheit unerreichbar sind.«

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