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Klein, aber sexy

Das Dorf Berlin feiert seinen 800. Geburtstag - mit Kutschfahrten und Likör aus Haflinger-Stutenmilch

  • Von Dieter Hanisch, Berlin
  • Lesedauer: 3 Min.
Das schleswig-holsteinische Berlin liegt 357 Kilometer vom großen Berlin entfernt - im Landkreis Bad Segeberg. Schön grün und ruhig ist es dort. Und älter als die Spreestadt ist das kleine Berlin auch.

Was war das damals eine Aufregung, als das geteilte Berlin vor knapp 30 Jahren seine 750-Jahr-Feier beging. Dabei ist Berlin an der Spree noch nicht einmal die älteste Ansiedlung dieses Namens. Bereits 1215, also einige Jahre früher, wurde ein anderes Berlin erstmals urkundlich erwähnt: Berlin bei Bad Segeberg in Schleswig-Holstein, das am Wochenende seinen 800. Geburtstag feierte.

Anlässlich dessen herrschte am Wochenende zwei Tage lang Partystimmung in dem 550-Einwohner-Dorf mit dem Hauptstadtnamen. Zwei Höhepunkte dabei: Haflinger-Stutenmilch und eine Likörvariante des Getränks sowie einen Mann im Spidermankostüm.

Der beschauliche Mini-Ort gehört amtsverwaltungstechnisch zur Gemeinde Seedorf. Am Ortsmittelpunkt, der natürlich Potsdamer Platz heißt, steht es unmissverständlich auf einem riesigen Findling: Bis zur Hauptstadt sind es von hier aus 357 Kilometer. Ein Festumzug mit der Marchingband Black Drummall’s aus Lübeck und ihrem Tschinderassa-Bumm startet an dieser Stelle. Dann geht es Zickzack durchs geschmückte Dorf mit all den Straßennamen aus der Hauptstadt wie Unter den Linden oder Kurfürstendamm, die dank einer Schenkung des Berliner Senats unter Leitung von Willy Brandt aus dem Jahr 1962 sogar mit einigen Originalstraßenschildern der Metropole ausgestattet sind. Ziel des Umzugs, der auch an der Bushaltestelle namens Berlin-Mitte vorbei zieht und dem 500 Bewohner und Gäste folgen, ist das Olympiastadion, wie die Anlage des Reit- und Fahrvereins Schlamersdorf liebevoll genannt wird.

Berlins Regierender Michael Müller hatte sich entschuldigen lassen, aber einen Brief geschickt. Aber Späße über den Namensvetter gibt es auch so: Vizelandrat Claus Peter Dieck wandelt Klaus Wowereits Berlinbonmot in seiner Festrede in »Klein aber sexy« um. Und einen guten Rat hat er auch parat: Man solle doch lieber keinen Flughafen planen.

Rund 25 ehemalige Hauptstädter leben heute in oder bei dem Ort am Rande der Holsteinischen Schweiz. Dazu zählen seit 1993 auch Ulrike und Jürgen Kaldewey, die damals von der Großstadt die Nase voll hatten und auf Immobiliensuche im Norden an Bundesstraße 432 plötzlich auf das Hinweisschild »Berlin 6 km« stießen. Seit mehr als 20 Jahren leben sie nun schon in Blomnath, keine zwei Kilometer vom Potsdamer Platz.

Das ältere Berlin hat seinen ganz eigenen Charme: Statt KaDeWe gibt es am Potsdamer Platz an einem Selbstbedienungsstand mit Vertrauenskasse frische Eier, Marmelade und marinierten Spargel. In der Hauptstadt sind Musikgrößen wie Sido, Bushido oder Peter Fox »in«. Klein-Berlin hält mit Michael Koch dagegen. Der Medienproduzent hat zum Jubiläum eine eigene Hymne komponiert. Statt Berliner Weiße wird Stutenmilch ausgeschenkt. Und dann ist da noch das Dorforiginal Peter Spangenberg, der sein Faible für die Comicfigur auch optisch auslebt, in Form von Tätowierungen und einem Ganzkörperkostüm. Damit ist Spangenberg auch international auf Fantreffen als »German Spiderman« unterwegs.

Ansonsten geht es eher ruhig zu in der Seedorfer Gemeinde. Glücklich ist man über die neue Glasfaser-Breitbandversorgung. Traurig stimmt dagegen die Einstellung des Handball-Spielbetriebs beim Berliner SC wegen fehlender Mitglieder.

In der Reithalle schwofen derweil 1500 Besucher, draußen starten Kutschfahrten durchs Dorf. Ein Navigationsgerät ist nicht nötig. Man muss nur den Pferdeäpfeln folgen. Man wähnt sich im Segeberger Berlin in einem Idyll. Und einen libertären Traum der Großstadtanarchisten hat Klein-Berlin auch verwirklicht: Es gibt dort keinen Dorfpolizisten.

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