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Das scheinbare Nichts

Die Ausstellung »Blank Canvas« zeigt die Möglichkeiten unbearbeiteten Materials

  • Von Celestine Hassenfratz
  • Lesedauer: 4 Min.

Auf der kahlen Betonmauer wirft eine Frau lasziv ihren Schatten an die Wand. Die Hüften ein wenig ausgestellt, den Hintern mit einem Tuch bedeckt, es lässt den Blick auf die perfekt geformten Proportionen frei. Die Frau ist real und doch nur eine Illusion, denn sie ist aus Maschendraht und steht als Skulptur in einem schlauchförmigen Keller der Fellini Gallery.

Mit der Ausstellung »Blank Canvas« hat Yuri Lee, die Managerin der Galerie, Arbeiten von sechs Künstlern aus der ganzen Welt zusammengetragen, die sich in unterschiedlicher Weise mit der Thematik des unbearbeiteten Materials beschäftigen. Neben den Maschendrahtfiguren des mexikanischen Künstlers Jose Gonzalo Medellin Herrera, dessen scheinbar tänzelnde Schattenfrauen im Akt und auf der Wand selbst erst zum Akt werden, lassen sich Bilder japanischer, deutscher, spanischer, italienischer und südkoreanischer Künstler betrachten.

Yuri Lee hat die Künstler thematisch ausgewählt, so unterscheiden sich die Arbeiten in Stil und Form zwar grundlegend, finden jedoch ihren Nenner in der Anzahl an Möglichkeiten, die unbearbeitetes Material, mal in Papier oder Skulptur, mal in Pastell oder Surrealismus eröffnet. Da finden sich im Ausstellungskeller etwa Werke von Mark Ashton, die in bestechend leuchtenden Farben, auffallend oft blau, tanzende Bäume zeigen. Der schottische Künstler lebt in Nizza und sagt über sich selbst, dass Bäume ein Teil von ihm sind. In seinen Werken: Verholzte Pflanzen mit Krone, die sich surreal wabernd durch fantastische Mondlandschaften bewegen. Ashton, der in den 70ern als Rockmusiker in Frankreich größere Erfolge feiern konnte, sieben Alben aufnahm und als internationaler Komponist und Musiker tätig war, bezeichnet seine Kunst als »Musicalism«. »Mein musikalischer Erfolg ist die Vergangenheit, aber die Musik ist immer noch lebendig in meinen Bildern.«

Farbseen wie gierige Monster

Surreal muten auch die Bilder der Berliner Künstlerin Lena Kami an, die mit Öl auf Materialien wie Papier, Glas oder Bronze experimentiert. Die dabei entstehenden zerrissenen Farbseen füllen die Leinwand tentakelhaft aus und fressen sich wie gierige Monster durch den Untergrund auf der Suche nach Sinn. Kami untersucht dabei die Struktur und Körperlichkeit von Farben und bindet das Material selbst in die Darstellung ein. So scheinen Holzmaserung und Canvas-Struktur durch das Farbengemenge hindurch und fügen sich ein in ein Gesamtbild, das die Fantasie auf Reisen in eine sonderbare Welt schickt, die aus nichts und dennoch viel zu bestehen scheint. Eine Welt, in der Farbe nicht nur leuchten, sondern auch sprechen kann.

Zwei Monate lang haben Lee und Patrick Fuhrmann, der als Kurator in der Galerie tätig ist, die Ausstellung vorbereitet, jetzt hängt die Kunst in Kreuzberg zum Abholen an den Wänden. Käufer für die Werke, erzählt Fuhrmann, finden sich nicht nur unter Investoren, die ihr Geld in der nach wie vor vermeintlich stabilen Währung Kunst anlegen wollen, sondern auch unter privaten Kunstliebhabern, die sich eine Welt auf der Leinwand nach Hause holen möchten.

Kunst ist Kapital

Die Kunst, die in der Fellini Gallery ausgestellt wird, ist vergleichsweise erschwinglich, nicht billig, jedoch bezahlbar. Größere Werke, wie etwa die der spanischen Kunstlehrerin Desi Civera, die sich in ihrer Arbeit auf Porträts fokussiert hat, sind für um die 1500 Euro erhältlich. Kleinere Zeichnungen, wie die des japanischen Künstlers Shingo Ishida, der mit Hilfe einer Vierfarbgestaltung präzisen Zeichnungen Abstraktion und Geheimnis einhaucht, bereits für 35 Euro.

Kunst ist Kapital, zumindest für die, die sie erwerben können. Kapital ist Macht, in der Geld die Bedeutung von Kunst verschieben und versuchen zu vereinnahmen kann. Auch wenn die Aussage des Kunstwerkes selbst nie käuflich sein wird, kann der Markt an den Ecken der Bedeutung kratzen.

Wer sich die Bilder aus der Fellini Gallery nach Hause holen, jedoch den Geldbeutel nicht zu weit öffnen möchte, für den haben Fuhrmann und Lee ein ganz besonderes Angebot: Kunst mieten. Nur etwa vier bis zehn Prozent des Kaufpreises fallen bei der Miete an und so können die Bilder, frei von Besitz, auf Reise gehen, um ihre Geschichten von immer neuen Wänden herab zu erzählen.

»Blank Canvas«, Fellini Gallery, Mittenwalder Str. 6, 10961 Kreuzberg.

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