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Der Ostkreuz-Schmerz

Von Peter Kratz

Eine chaotische Dauerbaustelle. Wenn ein Zug der S-Bahn-Linie S3 aus Erkner in Ostkreuz endet, quillt der Bahnsteig über vor Menschen. Sie hasten vorbei, rempeln einander an. Keiner hat Zeit, alle wollen auf einen benachbarten Bahnsteig, um ihren Zug in die Innenstadt zu kriegen. Doch: Sie müssen dafür 'ne steile Treppe zur Ringbahn erklimmen. »Diesen Mord- und Totschlag erlebe ich jeden Morgen«, sagt eine Frau genervt zu ihrer begleitenden Freundin.

Vieles ist in Preußen geregelt, denke ich. Doch warum zum Teufel haben es die S-Bahn-Gewaltigen am Ostkreuz ganz unpreußisch versäumt, oben auf dem Betonboden große rote Richtungspfeile aufmalen zu lassen? Denn dort stoßen sich zwei entgegengesetzte Ströme von Bahnsteig-Umsteigern beim Kampf um eine schnelle Passage kräftig Taschen und Beutel in den Bauch. Mehr noch: Von rechts und links, wo neue Kioske stehen, attackieren den S3-Umsteiger Personen, die bewaffnet mit Fast-Food in den Händen ihren Platz im Tag erst noch zu suchen scheinen. Wie wahr, so denke ich, ist das bekannte Erich-Kästner-Epigramm »Verhängnis«: »Zwischen Empfängnis und Leichenbegängnis nichts als Bedrängnis«. Kästner kannte sich aus. Lebte er doch eine ganze Zeit in Berlin.

Manchmal, wenn ich es besonders eilig habe, fährt mich ein Taxifahrer mit Namen Amrit nach einem kurzen Anruf von Köpenick nach Mitte. Schmächtig, kluge braune Augen. Seit zehn Jahren lebt er in Berlin und erzählt mir während unserer gemeinsamen Fahrten mitteilsam in einem fast akzentfreien Deutsch interessante Details vom Leben im fernen Bangladesch. Übrigens: Was wissen wir Deutsche schon über dieses Land? Ein Land, in dem es kaum möglich sein dürfte, als Tourist morgens herrschaftliches Denken zu demonstrieren und per Handtuch einen Platz am Pool eines Vier-Sterne-Hotels zu reservieren? Länder aus Neckermann-Katalogen - da kennen sich die Deutschen aus. Länder ohne ADAC-geprüfte Infrastruktur sind suspekt oder unheimlich.

Doch zurück zu Amrit, der mich auf der letzten gemeinsamen Fahrt mit leuchtenden Augen fragte: »Wissen sie, wie viele Leute an einem gewöhnlichen Freitagnachmittag auf dem Hermannplatz in Neukölln herumstehen? Vier mal so viele Menschen gibt's auf den Plätzen und in den Parks in Bangladesch.« Ich staunte und fragte: »Wirklich so viele?« Der Taxifahrer Amrit zog seine schmalen, pechschwarzen Augenbrauen in die Höhe und erklärte mit bestimmter Stimme: »Egal ob mittags oder abends, egal ob in der Stadt oder auf einem Dorf: Bei uns ist man nie allein.« Alle würden dabei miteinander auskommen. Irgendwie. Schlägereien oder etwa feindliche verbale Auseinandersetzungen gebe es unter den Menschen in seinem Land selten. Und Amrit lächelte unergründlich.

Immer dann, wenn ich wieder einmal die Ost-Kreuz-Bedrängnis erleide, muss ich an Amrits Worte denken.

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