Von Ronny Blaschke

Gedenken und nach vorn schauen

Von der deutschen Wirtschaft zeigen sich die Organisatoren der Makkabi-Spiele in Berlin aber enttäuscht

nd: Mit welchen Erwartungen blicken Sie auf die ersten Makkabi-Spiele in Deutschland?
Gideon Osterer: Ich war erst nicht dafür, dass die Spiele in Deutschland stattfinden. Viele Juden aus anderen Ländern können nicht verstehen, dass Juden in Deutschland überhaupt leben, geschweige denn so eine fröhliche Veranstaltung planen. Es gibt Funktionäre aus anderen Delegationen, die nicht nach Deutschland reisen wollen. Was mich aber optimistisch stimmt, ist das Engagement der jungen jüdischen Generation.

Oren Osterer: Vor vier Jahren fanden die letzten Europäischen Makkabi-Spiele in Wien statt, zum ersten Mal auf dem Boden des ehemaligen Dritten Reichs. Die Reaktionen waren geteilt, entlang einer Generationen-Linie. Die Älteren fanden es wichtig, vor allem an die Opfer des Holocaust zu erinnern. Wir Jüngeren wollten auch gedenken, aber vor allem nach vorn schauen. Wir möchten in Berlin unsere jüdische Identität wieder selbstbewusst darstellen können.

Werden Sie dabei ausreichend von Politik und Wirtschaft unterstützt?
Oren Osterer: Wir haben mit allen großen deutschen Unternehmen gesprochen, aber wir haben fast immer eine Absage erhalten. Dass sich die deutsche Wirtschaft so aus der Verantwortung zieht, haben wir nie im Leben erwartet. Zum Glück unterstützt uns neben dem Bund und dem Zentralrat der Juden auch der Berliner Senat mit einer erheblichen Summe. Die 2300 Sportler, die aus mehr als 30 Ländern anreisen werden, stemmen ihre Veranstaltung aber letztlich selbst mit ihren Teilnahmegebühren.

Die Wurzeln von Makkabi gehen in Berlin auf den 1898 gegründeten Verein Bar Kochba zurück. Immer mehr Juden wurden aus bürgerlichen Vereinen gedrängt, so formten sie ihre eigenen Klubs – in Anlehnung an den jüdischen Freiheitskämpfer Judas Makkabäus aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus. Wie verlief der Neuanfang nach dem Holocaust?
Gideon Osterer: Mein Großvater war in Bukarest als Arzt für die Umgebung tätig gewesen, die Nazis haben unsere Familie in Ruhe gelassen. Ich kam dann für das Studium 1965 aus Israel nach Köln. Unsere jüdische Gemeinde war sehr klein. Wir wollten uns ein neues Leben aufbauen. Mit der Zeit haben sich die wenigen jungen Mitglieder entschlossen, Sport zu treiben. Ein- oder zweimal in der Woche, an einen Ligabetrieb war nicht zu denken. Richtig gewachsen sind wir Anfang der 1990er Jahre, als viele Juden aus Osteuropa nach Deutschland kamen.

Inzwischen zählt Makkabi in Deutschland fast vierzig Ortsvereine mit mehr als 4000 Mitgliedern. Die Klubs sind offen für alle Religionen.
Gideon Osterer: Makkabi hat eine große Rolle gespielt, die Menschen aus Osteuropa in Deutschland zu integrieren, auch in die jüdischen Gemeinden. Trotz der Sprachbarrieren am Anfang.

Alle vier Jahre findet in Israel die Makkabiade statt, es sind die jüdischen Weltspiele. Gab es Vorbehalte gegen ein deutsches Team?
Gideon Osterer: Persönlich haben wir uns wunderbar verstanden, aber als Ganzes wurde die Delegation aus Deutschland lange kritisch gesehen. Wir haben lange diskutiert, beim gemeinsamen Essen oder Feiern. So haben wir uns über die Jahre angenähert.

Oren Osterer: Jahrzehntelang trat die deutsche Mannschaft bei den Makkabi-Spielen in den Farben Blau und Weiß auf. In Wien vor vier Jahren lief unsere Delegation erstmals in Schwarz, Rot, Gold auf. Dieser Entscheidung waren heftige Diskussionen vorangegangen.

Siebzig Jahre nach Auschwitz: Welche Rolle wird das Gedenken in diesem Sommer einnehmen?
Oren Osterer: Es gibt keine Familie, die von der Schoah nicht betroffen ist. Meine Großmutter hat Auschwitz überlebt, sie hat mit uns nie darüber gesprochen. Auf der anderen Seite wollen wir in die Gegenwart und in die Zukunft schauen. Wir wollen den Menschen in und außerhalb Deutschlands zeigen, wie selbstverständlich jüdisches Leben geworden ist.

Ganz so selbstverständlich wirkte es im Sommer 2014 nicht, als auf mehreren Demonstrationen antisemitische Hetze zu hören war.
Oren Osterer: Auf dem Potsdamer Platz, nicht weit von unserem Büro entfernt, gab es Parolen wie »Hamas, Hamas – Juden ins Gas«. Das hat unser Grundvertrauen erschüttert. Ein großer Teil unseres Budgets wird für die Sicherheit gebraucht. Wir wünschen uns offene Spiele, aber an der Sicherheit werden wir keinen Cent sparen.

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