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»Die Herbertstraße in Hamburg ist mir auch zu viel«

Jaqueline S. über helle und dunkle Seiten der Sexbranche, nette Kunden, Arschlöcher und einen dritten Weg für Prostitution, jenseits von Verbot und totaler Liberalisierung

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Sie verdienen Ihr Geld regelmäßig mit Sex, warum?
Nach dem Studium wusste ich nicht genau, was ich machen sollte. Und ich hatte Schulden. In einem Berliner Stadtmagazin bin ich auf einen erotischen Massagesalon gestoßen, der gut klang. Da habe ich mich gemeldet.

Einfach so, mussten Sie sich gar nicht überwinden?
Doch, es hat mich auch Überwindung gekostet. Aber ich komme aus einem in diesem Punkt relativ freizügigen Elternhaus und musste daher nicht mit zu rigiden Moralvorstellungen kämpfen. Das ist einfach meine dunkle Seite, die ich hier auslebe. Ich habe auch andere Jobs gemacht, zum Beispiel im Wellnessbereich, ich war Zeitungsbotin und Betreuungskraft für Alte und Kinder.

Warum sind Sie nicht bei einem dieser »normalen« Jobs geblieben?
So blöd das auch klingen mag: Es war für mich erst mal nicht leicht, ins Arbeiten zu kommen. Ich habe diese Jobs irgendwie nicht durchgehalten. Von »9 bis 5« über Jahre hinweg ganz normalen Tätigkeiten nachzugehen - das bewundere ich bei anderen - kriege es aber selbst nicht hin. In der Sexbranche gibt es sicher einige Scheiße, keine Frage, aber es gibt eben auch Bereiche, die Spaß machen können, wo ich Spielarten von Sex erproben kann, die ich in meinem Privatleben so nicht lebe. Sicher hat das Ganze auch mit Narzissmus und Bestätigung zu tun, das gebe ich gern zu.

Wissen Ihre Freunde davon?
Mein engeres Umfeld weiß, was ich mache. Diese Doppelt- und Dreifach-Identitäten, die manche Frauen führen, sind mir zu anstrengend. Ich war eine ganze Weile mit einem Politveteranen mit anderem kulturellen Hintergrund zusammen, der sollte und wollte davon nichts wissen. In letzter Zeit wiederum wohnte bei mir jemand, der auch schon mal Kunde war. Er hat mir eine Weile gut getan, dann haben sich unsere Wege getrennt.

Und Ihre Kinder?
Denen werde ich es irgendwann sagen. Noch sind sie zu jung.

Was wollen Sie ihnen sagen? Dass Sexarbeit ein Job wie jeder andere ist?
Nein, wie jeder andere ist der Job nicht. Aber alles, was ich bisher gearbeitet habe, war jeweils auf seine Weise gut und doof. Jede Lohnarbeit hat etwas von Prostitution. Man muss seine Arbeitskraft verkaufen, ob nun seinen Geist, seine Muskelkraft oder seinen Körper - so groß ist der Unterschied nicht. Die Feministin in mir sagt aber schon, so wie die Arbeit oft ist, ist sie für die meisten Menschen auf die Dauer nicht erstrebenswert. In diesem Punkt würde ich der »Emma« zumindest teilweise recht geben.

Wie bitte? Alice Schwarzer ist doch vollständig gegen Prostitution, sieht alle nur als Opfer …
Wir sind nicht alle Opfer, ich habe auch schon gegen Alice Schwarzer demonstriert. Aber ich verstehe, dass es Vorbehalte gibt. Ich würde auch nicht wollen, dass mein Freund regelmäßig meine werten Kolleginnen aufsucht.

Warum nicht?
Das macht etwas mit den Mädels und mit den Männern. Die Branche vermittelt zumindest in Teilen ein Frauenbild, das ich beschissen finde. Frauen lernen auf subtile Weise, ihre Grenzen zu überschreiten - was ja auch nicht nur schlecht sein muss. Ein nicht unerheblicher Teil der Prostituierten hat Missbrauch erfahren. Auf der anderen Seite unterstelle ich dem »Otto-Regelmäßig-Freier« wiederum, in seiner Kindheit zu wenig Wertschätzung erfahren zu haben. Wir alle in diesem Gewerbe haben uns für diesen Job irgendwann in unserem Leben qualifiziert. Die einen reagieren ihre Wut und Gleichgültigkeit ab, lassen das angeblich ewige Tier im Mann heraus, bei einer Kaste wie uns. Wieder andere schmieren Honig um den Mund, lassen sich demütigen, befehlen, den Arsch vollhauen oder liebevoll bemuttern. Klar, du lernst auch, ulkig werdende Typen vor die Tür zu setzen. Aber ganz so selbstbestimmt wie manche Prostituierte behaupten, ist Sexarbeit nicht, gerade nicht im Bordell.

Bietet das nicht mehr oder weniger Schutz und Sicherheit?
Im Bordell musst du dich im Namen des Hausrechts auf spezifische Weise kleiden und reden. Eine Anfängerin oder ein sensibler Mensch wie ich fühlt sich dabei alles andere als wohl. Viele Kunden benehmen sich in Bordellen wie blöde Arschlöcher, so richtig klischeemäßig blöd, zuweilen stinkend, darauf bedacht, für wenig Einsatz möglichst viel zu kriegen. Wenn du etwas ablehnst, wird gesagt, du sollst dich nicht so anstellen, eben auch von den Chefs. Manche Kunden legen es regelrecht darauf an, wenn du arm bist, in Bedrängnis oder unerfahren, dich zusätzlich in die Bredouille zu bringen. Denen gefällt dieses Machtgefühl. Und die Strukturen fördern das.

Sie klingen jetzt wie eine Kronzeugin der Union.
Ich bin keine Kronzeugin! Die Union will sich nur profilieren. Wer so besorgt um Zwangs- oder Elendsprostituierte ist, soll doch auch mal eine betroffene Frau bei sich aufnehmen oder sich persönlich für ihre Eingliederung in der Gesellschaft einsetzen. Ich bin für einen dritten Weg, der die verschiedenen Bedürfnisse berücksichtigt: Den Prostituierten geht es um ihre Arbeitsplätze. Deshalb müssen die Arbeitsbedingungen in der Branche verbessert werden. Aber es gibt nicht nur die SexarbeiterInnen und ihre männlichen Fans, es geht auch um den Schutz von ehemaligen SexarbeiterInnen und von normalen Frauen, Männern und Kindern, die sich schlicht und einfach durch eine bestimmte Sichtbarkeit und aggressive Anmache im öffentlichen Raum belästigt fühlen. Und das ist legitim. Was in der Herbertstraße in Hamburg abgeht, das ist mir auch zu viel. Mir schwebt eine andere Art erotischer Arbeit vor, jenseits von Abolition und totaler Liberalisierung.

Wie sieht dieser dritte Weg aus?
Die Arbeit muss weg von »Rotlichtmilieu« und »Szene«, hin zu echt tantrischer Massage, High Quality Bondage oder Gogotanz. Jeder soll das lernen können, kostenfrei oder zumindest preiswert. Es gäbe einen mehrjährigen Ausbildungsberuf »erotische Arbeit«, eine vernünftige Einstiegs- und Ausstiegsberatung. Ich habe auch nichts gegen Polizei, wenn sie statt auf Repression gegen die Frauen auf ihren Schutz hin arbeitet. SexarbeiterInnen müssen ohne Angst Anzeige erstatten können, wenn sie um Geld geprellt wurden oder wenn sie Diebstahl von Bildmaterial erlebt haben. Im Fall von wirklichem Menschenhandel muss gegen die Täter vorgegangen werden. Dazu gehört auch, den »Illegalen« in dem Bereich Straffreiheit zu gewähren und die Möglichkeit zur Legalisierung.

All das ist gerade nicht in der Debatte. Dafür soll auf Druck der Union ein Hurenregister eingeführt werden.
Dieser Vorschlag macht allen frei und selbstständig arbeitenden Prostituierten das Leben zusätzlich schwer. Ich bin gegen jede behördliche Registrierung, die die Identität einer Person verrät. Denn wir sind noch lange nicht an dem Punkt, an dem die Menschenrechte von SexarbeiterInnen anerkannt sind. Man muss sich klar machen: Wir reden hier nicht über Arbeitsverträge oder die normale Registrierung beim Gewerbeamt, sondern über eine Sondererfassung, wie ich sie als Putzfrau nicht erleben würde.

Sie sind keine Freundin von Bordellen. Sollten diese stärker reglementiert werden, wie jetzt geplant?
Wir Angestellte sitzen mit den Bordellbesitzern nicht in einem Boot. Wir haben nicht dasselbe Interesse. Insofern sollten sie durchaus Auflagen bekommen, aber solche, die die Arbeitsbedingungen verbessern: nicht zu viele Beschäftigte auf einen Raum bzw. einen Laden, Verbot von Wuchermieten, von Sexfabriken und Eroscentern. Erst als ich in meiner eigenen Wohnung angeschafft habe, konnte ich mich wirklich sicher und »sexy« fühlen und mir zum Beispiel eine enge Jeans anziehen oder mir nur leicht die Lippen schminken.

Würden Sie hier von Selbstbestimmung sprechen?
Ich versuche zumindest, so selbstbestimmt zu arbeiten wie möglich. Ich schaue nicht immer so genau auf die Uhr, vereinbare einen mehr oder weniger individuellen Festpreis. Ich möchte dem Menschen noch als Menschen begegnen.

Geht das?
Ich hatte zuletzt so um die fünf Stammgäste. Und die haben bei mir liebevolle Seiten enthüllt, zum Beispiel gutes Naschwerk oder einen edlen trockenen Wein für hinterher mitgebracht, mich außerhalb der Session zum Essen oder in die Sauna eingeladen. Es kam auch schon vor, dass der eine anrief und mir von seiner Familie erzählte oder dass ich einen Kunden spontan im Krankenhaus besuchte. Mag sein, das gilt als nicht professionell, aber für mich gehört dies zu meinem Konzept von »alternativer erotischer Arbeit«. Ein Stammgast war übrigens CDU-Mitglied.

Die alte Doppelmoral…
Ja, sicher ist da auch Doppelmoral dabei. Es ist eben seine dunklere Seite, die keinen Bezug hat zu seinem wirklichen Leben im Moment der Session. Prostitution ist ein Ventil für Abgründe, Aggressionen, Träume. Ich habe sogar Verständnis für solche Widersprüche.

Sollten bestimmte Sexpraktiken wie Gangbang verboten werden, weil das eine Form der Gruppenvergewaltigung ist?
Verbieten ist großer Quatsch. Ich habe schon mehrere solcher Gruppensexveranstaltungen organisiert, auf relativ gleichberechtigter Ebene. Ich sehe Gangbangs als Inszenierung, als Spiel. Aber ich kann verstehen, dass es daran Kritik gibt. Irgendwo hat es auch dieses Gewaltelement. Also Thematisierung und Hinterfragen ja, Totalverbot nein, Einschränkung der Werbung o.k. Ich teile auch die Forderung, extrem sexistische diskriminierende Werbung zu verbieten, nicht nur in Bezug auf Sexarbeit.

Sie lehnen also repressives Vorgehen nicht generell ab.
Nein. Warum müssen wir alles dulden, weil wir nicht repressiv sein wollen? Die Frage ist immer, gegen wen und warum. Es ist richtig, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, um die größtmögliche Selbstbestimmung zu ermöglichen und vor allem denjenigen zu helfen, die im Elend stecken. Von mir aus dürfen Freierforen im Internet wie die »Verkehrsberichte« geschlossen oder durch neutralere Formen der Kommunikation ersetzt werden. Warum muss erotische Arbeit »schmuddelig« bedeuten? In einer herrschaftsfreieren Welt kann ich mir selbstverwaltete Bordelle mit qualifizierter erotischer Arbeit vorstellen.

Auch wenn es dabei ums Geld geht?
Sex und Geld - das ist kein Problem.

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