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Nazi-Marsch weiter auf Schrumpfkurs

Aufzug der Rechtsradikalen im niedersächsischen Bad Nenndorf wird immer kleiner – Rabiater Polizeieinsatz gegen Antifaschisten

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Die Zahl der seit 2006 jährlich Anfang August durchs niedersächsische Bad Nenndorf marschierenden Nazis schrumpft weiter, die des antifaschistischen Widerstandes dort wächst. Nur 174 Rechtsextremisten hatte die Polizei am Samstag gezählt, 21 weniger als in vergangenen Jahr. Ihnen begegneten über 1000 Gegendemonstranten. Einige von ihnen verzögerten den nunmehr zehnten »Trauermarsch« der rechten Rotte durch Blockade der Eisenbahnstrecke erheblich.

Die Kurstadt unweit von Hannover hatten sich die Nazis seinerzeit als Wallfahrtsort ausgesucht, weil dort nach dem zweiten Weltkrieg in einem zum Verhörzentrum umfunktionierten Therapiehaus, dem »Wincklerbad«, führende Kräfte des Hitlerregimes von der britischen Besatzungsmacht misshandelt worden waren. Alljährlich versuchen Rechtsradikale nun, mit kruden Sprüchen in Nenndorf Geschichtsrevisionismus zu betreiben und die Verbrechen des NS-Staates mit Blick auf die britischen Übergriffe zu relativieren. Die für die Misshandlungen Verantwortlichen waren seinerzeit von ihrer Justiz zur Verantwortung gezogen worden.

Anfangs waren noch um die 1000 Nazis in Bad Nenndorf aufgetaucht, um dort ihre »Trauer über Verbrechen an Deutschen« kundzutun: mit einem Marsch zu Landsknechtstrommeln, mit schwarzen und schwarz-weiß-roten Fahnen, mit Parolen der Ewiggestrigen. Der braune Haufen bröckelte von Jahr zu Jahr, wurde immer kleiner, doch er soll überhaupt nicht mehr kommen, wünschen sich die Bad Nenndorfer und viele Unterstützer.

Unter ihnen waren auch am Samstag wieder zahleiche Menschen von außerhalb, die sich um Ziel gesetzt hatten, schon die Anreise der ungeliebten »Gäste« zu verhindern. Das schien zunächst zu gelingen: Antifaschisten waren schon vor den Nazis mit einem Zug angekommen und hatten dessen Türen auf Bad Nenndorfs Bahnhof blockiert. Folge: Er konnte nicht abfahren, konnte nicht Platz machen für den erwarteten Zug der Rechtsextremen. Um ihnen und auch den anderen Fahrgästen den weg zur Kurstadt frei zu machen, trat die Polizei in Erscheinung. Mit teils schmerzhaften Griffen, mit »Zu-Boden-Bringen« und heftigem Schubsen brachten Uniformierte die Protestler aus den Waggons und vom Bahngelände.

Als »sehr Rabiat« habe sie das Vorgehen mehrere Beamten der Bundespolizei empfunden, erklärte die niedersächsische Landtagsabgeordnete Julia Hamburg (Grüne) gegenüber »nd«. Sie und einige Parlamentskollegen hatten den Einsatz beobachtet.

Die politische Ebene war bei der Gegendemonstration durch mehrere Abgeordnete aus Bundes- und Landtag vertreten. Von der niedersächsischen Landesregierung waren der stellvertretende Ministerpräsident Stefan Wenzel (Grüne) und Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) gekommen. Sie lobte das Engagement der Nenndorfer und deren phantasievollen Widerstand, der auch in diesem Jahr durch eine bunt geschmückte Stadt sichtbar wurde. Rundt mahnte mit Blick auf die Nazis, dass es rechtes Gedankengut ist, welches den Boden für Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte bereitet.

Zum ideenreichen Widerstand der Kurstädter zählen auch die Vorgarten-Partys entlang der Marschstrecke. Lautstark geht es dort zu! Ein Trillerpfeifenkonzert, Getute aus allerlei Tröten empfing die Nazis, und nicht zuletzt das in einer Endlosschleife laufende »Lied der Schlümpfe«, das die Kümmerlichkeit der kleinen Kolonne und wohl auch deren »geistige Potenz« zum Ausdruck bringen soll.

So laut war all dies, dass die Rechtsextremisten bis zum Nachmittag mit ihrer Kundgebung nicht durchdringen konnten. Verdrießlich, wahrhaft trauermäßig waren ihre Mienen, auch die des bekannten Rechtsradikalen Thomas Wulff. Er war am Samstag, im Gegensatz zu den Aufzügen vergangener Jahre, der einzige »Nazi-Promi«. in Nenndorf. Vielleicht ist auch das ein Zeichen dafür, dass die »Trauermärsche« weiter auf Schrumpfkurs sind.

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