Spielzeug erinnert an »den Tag«

Kobane Libre: Fabian Köhler über das Attentat in Suruç und aufrichtiges Interesse an den Überlebenden. Teil 2 der Serie

Zwei Wochen ist jetzt her, als ein wahrscheinlich dem IS nahestehender Attentäter im türkischen Suruç 32 Menschen in den Tod riss: 31 Mitglieder der sozialistischen Jugendorganisation SGDF und sich selbst. Etwa so könnte dieser Text anfangen. Journalist reist nach Suruç, spricht mit den Überlebenden und fährt weiter. Auch ich werde das so tun und es gehört wahrscheinlich zu dem Job, dass einem dabei oft nicht richtig wohl ist. Im Optimalfall zumindest.

Also: Zwei Wochen ist es her und jetzt könnte die Stelle kommen, an der ich erwähne, dass die Spuren des Anschlages längst beseitigt sind, das Leben in Suruç seinen gewohnten Gang nimmt. Ist aber nicht so. Und damit meine ich nicht nur die zerbrochenen Fensterscheiben des Amara-Kulturzentrums und die Bauarbeiter, die auf der Grundstücksmauer die Löcher für einen zusätzlichen Zaun bohren.

Alles erinnert hier an »diesen Tag«, allein schon der Umstand, dass er so heißt. Am großen Eisentor durchsucht ein Freiwilliger höflich und mit merklichem Unbehagen meinen Rucksack. Es tue ihm sehr leid, versichert er immer wieder, aber: »Du weißt, warum.« An den beiden Ende der Straße stehen zwei Wasserwerfer und gepanzerte Wagen der türkischen Polizei.

Wo vor zwei Wochen die linken Aktivisten ihre Pressekonferenz abhielten, als die Bombe explodierte, hängt jetzt ein Transparenz mit Namen und Gesichtern am verkohlten Baumstamm: die 19-jährige Ece Dincder, die gerade die Aufnahmeprüfung an der Uni Istanbul bestanden hatte. Der 65-jährige Ismet Şeker, der seinen Sohn in Kobane verloren hatte. Die 23-jährige Publizistikstudentin Büsra Mete, deren Freund Cagdas Kücükbattal ungewollte nationale Berühmtheit erlangte, als die Polizei ihm während der Gezi-Proteste ein Auge ausschoss und der schwer verletzt überlebte. Am Boden starrt ein Plüschpapagei. Lego Steine, bunte Tröten. Es ist das Spielzeug, das eigentlich den Kindern in Kobane eine Freude machen sollte. Nun ist es eine Gedenkstätte.

Adnan hat den Anschlag überlebt. Noch so ein Satz, der in so einen Text gehört. Er sitzt auf einer Couch im leeren Eingangsraum des Kulturzentrums und wartet, einmal mehr damit konfrontiert zu werden, was auch zum Alltag des Kulturzenrums nach dem Anschlag gehört: Journalisten wie mich. CNN, BBC, »eigentlich alle«, seien schon hier gewesen, sagt er. Auch zwei Wochen nach dem Anschlag ist das einzige Hotel der Stadt immer noch voll belegt. Ein Taxifahrer erzählt mir später, von welchem Punkt der Grenzanlagen man am besten das zerstörte Kobane fotografieren könnte. Ein bisschen erinnert mich das an den Hügel nahe der israelischen Stadt Sderot, zu dem Journalisten zum Gazakrieg-Sightseeing pilgerten.

»Fünf Minuten«, sagt Adnan immer wieder. Hätte Adnan nicht fünf Minuten vor der Explosion das Kulturzentrum verlassen, wäre er vielleicht das 33. Todesopfer gewesen. Stattdessen ging er nach Hause, um etwas zu trinken zu holen und kam zurück auf einen Platz voller Leichen. Die Bilder, die Adnan dann sah, haben die ganze Türkei verändert, liest man jetzt oft: Zehntausende demonstrierten gegen die Politik ihrer Regierung, die mit ihrer laschen Haltung gegenüber dem IS den Anschlag nicht verhindert habe. So die zurückhaltende Variante.

»Was glaubst du denn, wer die IS-Leute hier rein lässt. Die Kurden ganz bestimmt nicht«, sagt Adnan, der Ähnliches schon in Kobane erlebt hat. Eine Autobombe der al-Nusra-Front riss vor zwei Jahren 20 Freunde und Bekannte von ihm in den Tod. »Wie geht’s dir«, frage ich irgendwann zum Ende des Gesprächs etwas unbeholfen, nachdem ich meine, alles gefragt zu haben, was sich in einem Interview gut machen könnte. Es hätte vielleicht besser die erste Frage sein sollen. Adnan antwortet, wie es zu einem erfahrenen Interview-Partner passt: Er erzählt vom Kampf der Kurden, der weitergehen müsse. Davon, dass seine Eltern zu alt seien, um den Aufbau einer besseren Zukunft zu übernehmen. Und dass es deshalb seine Pflicht sei weiterzumachen. »Nein, ich meine: Wie geht’s dir wirklich?« frage ich ihn nochmal und schalte demonstrativ das Diktiergerät aus. Am Ende seiner Antwort werden seine Augen nass. Und meine auch.

Den ganzen Tag über kommen Menschen in das Kulturzentrum, erzählen sich Geschichten von »dem Tag«, knippsen Selfies, weinen. Viele aus Suruc, andere von weit weg. Ein 23-jähriger Student ist 20 Stunden mit dem Bus gefahren, »einfach um da zu sein«. Als ich mich abends auf einem Teppich zum Schlafen lege, tanzt Wachmann Ibrahim zu Synthipop aus seinem Handy und zeigt mir die kleinen Einschlaglöchern, die die Explosion an der Wand hinter meinem Bett hinterlassen hat. Wie er »den Tag« erlebt hat, erzählt er mir von sich aus. Und ich lasse das Diktiergerät gleich ausgeschaltet.

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