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Volksfeind Parmesan

Anastassia Dolgopolowa und die Brandrodung in Russlands Landwirtschaft

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.
Illegal importierte Lebensmittel sollen in Russland vernichtet werden, doch Klein- und Mittelbauern werden verdrängt.

Russlands neuer Hauptfeind heißt laut Radio »Echo Moskwy« Parmesan. Er ist nicht nur besonders hart, sondern auch trickreich. Immer wieder finden er und Konsorten über Belarus, Kasachstan und sogar die Ukraine den Weg zu Magen und Herz russischer Verbraucher.

Pünktlich zum ersten Jahrestag des Einfuhrstopps für EU-Lebensmittel, den Moskau am 6. August 2014 als Retourkutsche gegen den Westen verfügte, ist Schluss mit lustig. Landwirtschaftsminister Alexander Tkatschow holte sich bei seiner jüngsten Audienz im Kreml von Wladimir Putin das offizielle »Da« für die Vernichtung »illegal importierter Lebensmittel«.

Die Steilvorlage dazu, glauben Beobachter, habe der Agrar-Industrielle Komplex (AIK) geliefert. Für dessen Interessen hatte sich Tkatschow schon als Gouverneur der Region Krasnodar ins Zeug gelegt. Klein- und Mittelbauern wurden von den Großagrariern nicht nur mit Effizienz, sondern notfalls auch mit Brachialgewalt vom Markt gefegt. Dass die Preise trotzdem sozialverträglich blieben, hatte mit dem knallharten Verdrängungswettbewerb europäischer Unternehmen zu tun. Das Embargo verschaffte dem AIK ein Quasi-Monopol. Sogar für Grundnahrungsmittel ist inzwischen fast das Doppelte zu berappen. Und es könnte noch teurer werden, wenn erst landesweit die Scheiterhaufen mit Parmesan brennen.

Marktbereinigung durch Brandrodung steht auch im Gebiet Kursk auf dem Programm. Brennen soll dort allerdings die eigene Ernte. Es ist der letzte Akt in einem Drama, das ganz Russland aufregt, seit die Protagonistin ihre Videobotschaft an Russlands Präsidenten Wladimir Putin bei YouTube postete.

Als Anastassia Dolgopolowa im August 2014 von den Sanktionen hörte, schmiss sie das Studium der Agrarwissenschaften. Die 20-jährige beschloss Farmerin zu werden, um ihrem Land zu helfen. Sie verschaffte sich eine Audienz beim Gouverneur von Kursk. Der wies den Landrat in Chomutowka an, Dolgopolowa 100 Hektar Land und eine Lagerhalle zu überlassen. Die brannte drei Tage später ab. Als tatverdächtig gilt ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, der die noch intakten Träger aus Metall in rekordverdächtigem Tempo demontierte.

Banken, darunter auch staatsnahe, verweigerten Kredite. Dass die Jungfarmerin sich auf ein von Putin selbst auf den Weg gebrachtes Förderprogramm für Start-ups in Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie zwecks Importablösung berief, beeindruckte die Banker nicht. Ein Filialleiter, so erzählt sie es in dem Video, habe ihr gesagt: »Der Präsident ist weit, hier entscheide ich.«

Auch bei einem Wettbewerb für Agrarnachwuchs fand ihr Projekt keine Gnade. Begründung: keine eigene Technik und zu wenig Land. Beteiligen könnten sich nur Besitzer von 1000 Hektar und mehr. »Welches Start-up«, fragt sie eher rhetorisch den Präsidenten und sich selbst, »kann das vorweisen«. Und wenn doch, »braucht es keine Fördergelder von maximal 440 000 Rubel«. Das sind rund 6.470 Euro.

Mit angemieteten Maschinen und auf Pump gekauftem Saatgut gelang es ihr dennoch, 60 Hektar mit Roggen zu bestellen. Er reicht ihr bereits bis zu den Hüften, die Ähren sind prall und versprechen eine gute Ernte. Doch die Frau hat keine Technik, um sie einzubringen, und kein Lager. Die »Früchte knochenharter Arbeit Aufkäufern für ein Butterbrot zu überlassen«, kommt für sie nicht in Frage. Von ihrem letzten Geld habe sie daher Diesel gekauft, sagt sie mit nicht sehr fester Stimme. Für das Feuer Ende August. Die Lokalpresse ist eingeladen. Bisher habe jedoch niemand reagiert.

Immerhin meldete sich Kremlsprecher Dmitri Peskow zu Wort. Dolgopolowa, sagte er »Interfax«, sei »astronomisch verschuldet« und daher nicht mehr kreditwürdig.

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