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Überall ist Wunderland

Warum Heinz Lange ein Dampfmaschinenmuseum betreibt. Von Thomas Bruhn

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Das bestgehütete Geheimnis der menschlichen Evolution ist das der Sammelleidenschaft. Was sammelt der Mensch und warum? Die erste Frage ist einfach zu beantworten. Es genügt, sich in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis umzusehen: Gesammelt wird alles, was sich in Kisten und Kästchen, Kellern und Garagen, Herzen und Alben unterbringen lässt. Zunächst aber unterscheiden wir nach Profis und Amateuren. Hobbysammler horten getreu dem Motto: Das kann man vielleicht noch mal brauchen. Von echter Sammelleidenschaft sind die so weit entfernt wie Direktoren der EZB und Finanzexperten des deutschen Kabinetts von dialektischem Denken.

Professionelle Sammler aber sammeln, um zu sammeln. Die Frage, ob die Dinge zu etwas nütze sind, verbietet sich von selbst. Es gibt Sammler, die sammeln alles, was ihnen in die Quere kommt, und es gibt solche, die wählerisch sind und sich für etwas Bestimmtes entschieden haben: Briefmarken oder Münzen, Streichholzschachteln oder Fahrradschläuche, Plastiktüten oder Schnürsenkel, Postkarten oder Vierzehner-Muttern, Manschettenknöpfe oder Nierensteine, verkrachte Beziehungen oder Fahrkarten, ein Doktor sammelte einst Schweigen und ein anderer Schmetterlinge; in Bibliotheken sammeln sich Bücher und Landkarten, in Museen Bilder und Gipsköpfe. Ich selbst sammle Bücher, dieser Tick ist nicht ansteckend und auch sonst harmlos.

Aber warum sammelt der Mensch? Die einfachste Erklärung wird sein, dass dieses Bedürfnis ein Überbleibsel aus der Zeit der Jäger und Sammler ist. Wer gut und fleißig gesammelt hatte, kam besser über den Winter.

Eines Tages fuhr ich über plattes brandenburgisches Land und las, bei Goyatz, staunend ein Schild mit der Aufschrift »Dampfmaschinenmuseum«. Da wird doch nicht etwa jemand ... ? Nein, das kann nicht sein. Aber andererseits: Überall ist Wunderland.

»Guten Tag, Sie sammeln Dampfmaschinen?«

»Kommse rein, nehmse Platz und fallnse nich gleich mit der Tür ins Haus.«

»Ich bin neugierig, weil ich in Schottland bei einem Dampfmaschinenfestival war. Einen Tag lang Originale und Modelle, ein Teil schöner als das andere. Blitzend, schnaufend und gehätschelt und gepflegt.«

»Kenn ich, hab ich mir in England angeguckt, die sind ganz groß in diesen Dingen, genauso wie die Niederländer. Sehen Sie, bei uns wurde nach dem Krieg ein umfassendes Stromnetz aufgebaut und die alten Dampfmaschinen in den Betrieben wurden überflüssig, dort sind sie in ländlichen Gebieten noch in Betrieb. Eine Tradition, die gepflegt wird, weil sie nützlich ist.«

Der mir das erzählt, heißt Heinz Lange und steht kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag. Handwerksmeister. Seit 1978 eigener Installationsbetrieb, der heute in den Händen des Sohns liegt. Als der Vater sich allmählich aus dem Betrieb und aus den Geschäften zurückzog, holte ihn eine alte Liebe ein. Ein Museum für Maschinen, die ihre Schuldigkeit getan hatten, sollte es sein. Quicklebendig und hellwach freut er sich über jeden Besucher.

Warum verfällt man Dampfmaschinen?

»Der Spleen ist von meiner Berufsausbildung übrig geblieben. Ich stamme aus Spremberg, damals eine Textilstadt, und hatte Elektromaschinenbauer gelernt. Die Firma, in der ich nach dem Krieg arbeitete, setzte Industrieanlagen instand. Damals trieb man per Dampfmaschine und Transmissionsriemen andere Maschinen an, und außerdem hing an der Dampfmaschine ein kleiner Generator für die eigene Stromversorgung. Es muss zu der Zeit gewesen sein, dass ich an Dampfmaschinen einen Narren gefressen habe.«

Auf der Gartenbank vorm Häuschen sitzend, fällt der Blick auf so ein Schmuckstück:

»Das ist die drittälteste Dampfmaschine Deutschlands, wurde 1898 in der Lokomobilfabrik R. Wolf in Magdeburg-Buckau konstruiert und trägt die Fabriknummer 6313. Sie stand in Merschwitz bei Riesa in einem Sägewerk, das böhmisches Floßholz zerkleinerte. Otto Schulze verkaufte seine Hölzer vor Ort, verschiffte sie aber auch auf der Elbe bis nach Hamburg. Nach einem Feuer 1952 wurde der Betrieb der Anlage 1958 eingestellt. 1985 barg die TU Dresden die Maschine und wollte sie auf dem Campus als technisches Denkmal aufstellen, konnte sich dann aber doch nicht dazu entschließen, da nicht geklärt werden konnte, wie Kinder vom Klettern abgehalten werden könnten. Die Leitern und Arbeitsbühnen verführten zum Toben, die Unfallgefahr schien zu groß. Ein Privatmann kaufte die Maschine, schrieb aber bald: Macht damit, was ihr wollt, ich kann sie nicht abholen. Entweder hat er keinen Transport gekriegt, oder die Frau hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Meiner Frau gefielen die Kesselniete, und ich durfte die Maschine 1998, hundert Jahre nach ihrer Indienststellung, kaufen und hier aufstellen. Der Jammer ist, dass sie lange Zeit nur so herumstand, und jeder, der Geld brauchte, hat sich was abgeschraubt und in den Schrott gebracht. Darum sind viele Originalteile verloren.«

Die Maschine ist vier Meter hoch, wiegt knapp fünfundzwanzig Tonnen, rechts befindet sich ein Rad, auf dem der Transmissionsriemen lief, über zwanzig Meter lang und einen halben breit. Das Antriebsrad hat Lange nicht aufgestellt, es würde die Einfahrt zur Garage und zum Häuschen versperren. Außerdem ist es wohl die einzige Maschine in seiner Sammlung, die sich nicht bewegt. Er ist noch nicht dazu gekommen, ihr einen Schubs zu geben.

Riesa. Ich denke zurück, als ich die Ferien bei meinen Großeltern verbrachte und Großmutter mit mir an die Elbe radelte, um ein Schiff der Weißen Flotte zu besteigen. Wir fuhren nach Meißen oder Dresden, und die meiste Zeit der Schiffsreise habe ich damit verbracht, die Kolben zu bestaunen, die sich unermüdlich und kraftvoll zwischen den Lagern bewegten, wie später Klaus Köste oder Holger Berendt zwischen den Ringen. »Das geht mir heute noch so«, lacht Heinz Lange.

Wir betreten eine Werkhalle. Linkerhand ist die Kesselfront der Dampfmaschine aus der letzten Tuchfabrik in Peitz in die Wand eingelassen. Nach den technischen Erläuterungen öffnet der Museumsdirektor die Klappe eines Feuerlochs, und ein paar Holzscheite und eine dahinter platzierte rote Lampe tun so, als sei noch lange nicht Feierabend.

So ganz nebenbei lenkt Heinz Lange ein bisschen vom eigenen Spleen ab: »Es soll einen Verrückten geben, der sich die Vorderfront einer Lokomotive ins Wohnzimmer gebaut hat. Das würde mir nie einfallen.«

»Nichts ist unmöglich«, sage ich, weil mich das nicht so sehr überrascht, wie es das vielleicht sollte. Schließlich kenne ich den Film »Wolke 9« von Andreas Dresen, in dem sich Werner Schallplatten mit Arbeitsgeräuschen und Pfiffen von Lokomotiven anhört.

Wir kommen zu ein paar kleinen stationären Maschinen. Zu jeder gibt es eine Geschichte, zu jeder gibt es umfangreiche und fachgerechte Erläuterungen.

»Die Lehrer müssten Ihnen die Bude einrennen.«

»Das machen die auch. So drei-, viermal im Jahr kommen die im Physikunterricht hierher, und ich mache mit den Schülern einen Rundgang.«

Bevor wir zu den mobilen Maschinen kommen, zeigt er mir noch ein besonders hübsches Exemplar aus der Kategorie der stationären Dampfmaschinen: Es ist eine Maischepumpe aus einer Schnapsbrennerei. Maschinen, wenn man zeigen will, wie sie funktionieren, müssen sich bewegen. Standesgemäß werden die Maschinen in dieser Halle des Museums mit Druckluft angetrieben. Lange betätigt ein Ventil, und die Maischepumpe hechelt los, als hätte sie es eilig, an den Sprit zu kommen. Das gelingt ihr aber nie, weil stationär. Früher stand sie auf einem Gut in Polen. Ein Bayer hat sie entdeckt, gekauft und nach Hause geholt. Weil er aus Polen nicht nur die Maschine, sondern auch ein Techtelmechtel mitbrachte, ließ die Frau sich scheiden und setzte ihn samt Maschinen vor die Tür. So wusste er nicht mehr, wohin, und verkaufte das Kleinod in gute Hände, ans Museum Goyatz.

Von den stationären Maschinen kommen wir zu einer mobilen: Früher kannte man in der Landwirtschaft Dampfpflüge, auf Straßen fuhren Zugmaschinen, und es gab Dampfwalzen. Nicht zu vergessen die Dampfmaschinen der Schifffahrt. Die waren nun so konstruiert, dass sie umgesteuert werden konnten. Umgesteuert? Na ja, die konnten in beide Drehrichtungen arbeiten. Es gab aber kein Getriebe, die Maschine musste, so wie noch heute in der Seefahrt, angehalten und, wenn sie stillstand, in die andere Richtung in Bewegung gesetzt werden.

Ich lasse mir noch einen Fliehkraftregler erklären, für den interessiert man sich neuerdings höheren Ortes, im Parlament zu Brüssel, und dann geht es ein paar Stufen zu einer zweiten Halle empor. Und dort liegt nun, halb unter Flur wie eine Skulptur von Henry Moore, lässig und sich ihrer Einmaligkeit bewusst, eine Diva in Grau, eine Verbunddampfmaschine mit 2000 PS aus der Kaliindustrie bei Hannover. Vierzehn Meter im Quadrat, wer so ein Maschinchen hat, fühlt sich wohl.

1995 hat sich Lange die schenken lassen. Die Bedingungen waren, er solle sie selbst abbauen und abtransportieren und auf dem Werksgelände keinen Unfall verursachen. Er machte sich mit Angestellten und Kollegen auf den Weg, baute die Maschine ab, fuhr mit einem Tieflader und drei Lastkraftwagen nach Hause, baute die Halle und stellte die Maschine darin auf. Die Demontage und der Transport dauerten eine Woche. Bis die Maschine besichtigt werden konnte, vergingen fünf Jahre. Ich bin der festen Überzeugung, dass Langes großes Glück darin bestand, dass die neue Halle hinter der ersten errichtet wurde und seine Frau das Elend nicht mit ansehen musste.

Die nächsten Besucher fahren auf den Parkplatz. Während er sie begrüßt und wir uns verabschieden, fällt mein Blick auf ein kurioses Foto: Eine Lokomotive hat nicht rechtzeitig bremsen können, hat den Prellbock aus der Verankerung gerissen, ist durch die Giebelwand des Bahnhofs gebrochen und steht nun schräg in der Landschaft, mit dem Tender auf dem Bürgersteig und mit den vorderen Puffern im ersten Stock des Bahnhofs.

Lange sagt: »Paris 1896. Eine tragische Geschichte. Unter der Lok stand ein Zeitungskiosk. Der Mann ist kurz weggegangen, um neue Zeitungen zu holen. Seine Frau hat ihn vertreten. In dem Augenblick geschah das Unglück.« Der neue Besucher schüttelt den Kopf: »Das Zeitungsgeschäft ist voller Gefahren!« Ein Kollege? Ich frage besser nicht.

Dampfmaschinenmuseum Heinz Lange, Wiesengrund 1, 15913 Goyatz (Schwielochsee). Telefonische Anmeldung wird empfohlen: (035478) 120 53, dampfm.lange@t-online.de

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