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Goldener Bulle für Leipzig

Folge 70 der nd-Serie »Ostkurve«: RasenBallsport tritt großzügig in der Messestadt auf - und fordernd

  • Von Ullrich Kroemer, Leipzig
  • Lesedauer: 6 Min.

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Viele Fußballfans sehen die Rasenballer kritisch. In Leipzig und im Umland steht der Klub aber hoch im Kurs. Doch was bringt RB Stadt und Region tatsächlich? Und was denken Nachbarn über den Marketingklub?

Seit einigen Tagen prangt ein riesiger, roter Stier an der silbern glänzenden Fassade des neuen Trainingszentrums von RasenBallsport Leipzig. Auf 13 500 Quadratmetern baut der Klub des österreichischen Getränkeherstellers Red Bull am Cottaweg im Leipziger Westen für 35 Millionen Euro einen gigantischen Gebäudekomplex, der von Internat bis Kältekammer alles bietet, was es im modernen Fußball braucht. Wenn die Macher von RB Leipzig ihre ehrgeizigen Pläne von 1. Bundesliga, Champions League und Deutscher Meisterschaft verwirklichen, wird der Cottaweg eines Tages ähnlich prominent sein wie die Säbener Straße, wo der FC Bayern München sein Trainingsgelände hat.

Ob die Schausteller dann hier am Cottaweg noch ihre Fahrgeschäfte, Fressbuden und Wohnwagen aufbauen werden? Direkt neben dem knapp 88 000 Quadratmeter großen Gelände von RB Leipzig hat die sogenannte Kleinmesse ihren Sitz, ein Jahrmarkt mit 108-jähriger Tradition. Als sie vor acht Jahren den 100. Geburtstag feierte und an der Pleiße von hochklassigem Fußball nur geträumt wurde, hatte Oberbürgermeister Burkhard Jung den Standort am Cottaweg fest zugesagt. Darauf pocht nun Jürgen Seiferth, der Chef des Schaustellervereins. Aktuell diskutiert er als Eigentümer von »Break-Dance«, Karussell und Schießstand mit dem reichen Nachbarn und der Stadt über einen weiteren Trainingsplatz, den die stetig expandierenden Rasenballer gern auf dem Gelände der Kleinmesse anlegen würde. Zwar poltert Seiferth gern mal gegen den Fußballklub. »Aber irgendwie«, sächselt Seiferth, »werden wir uns schon mit RB einigen.«

Auf der anderen Seite des riesigen RB-Reichs haben die beiden kleinen Sportvereine BSV Schönau und TC Grün-Weiß ihre Anlagen. Andreas Kluge, Vorsitzender des BSV Schönau, einigte sich 2010 mit RB, einen Großteil des gepachteten Vereinsgeländes an den neuen Fußballgiganten abzutreten. Im Gegenzug spendierte RBL dem Nachbarn zwei neue Fußballplätze und einen Kleinfeldplatz, übernahm die Finanzierung des Rasentraktors und stellte den Platzwart an. Insgesamt berappte RB für den Umbau auf dem Gelände der BSV 900 000 Euro. Aktuell trainieren auch zwei Jugendteams von RB auf den Anlagen. Es gibt einen gemeinsamen Trainingsplan. Das Verhältnis ist nachbarschaftlich - obwohl der Klub 2026 seine Heimat verlieren wird. Dann endet der Pachtvertrag mit der Stadt, das Grundstück ist RB bereits zugesagt, der BSV braucht einen neuen Platz. Doch Kluge sagt: »Ich bin ganz entspannt, wir werden ein neues Gelände bekommen.«

Die Situation der Nachbarn rund um die Heimstätte der »Roten Bullen« illustriert treffend, wie sich RB Leipzig seit seiner Gründung 2009 in die Stadt eingefügt hat - fordernd und fördernd zugleich, dominant, aber großzügig. Die Rechnung geht dabei ungefähr so: Für jährlich 27 950 Euro Erbbaupachtzins verpachtet die Stadt das Trainingsgelände über eine Laufzeit von 50 Jahren an den Klub und investierte einmalig 350 000 Euro in das Gelände. Im Gegenzug errichtet RB für das Hundertfache eines der modernsten Trainingszentren hierzulande - komplett mit Eigenkapital.

»RB Leipzig hat sich sehr bedacht und erfolgreich in die Stadtgesellschaft eingebunden. Auch über seine erste Mannschaft in der 2. Liga hinaus engagiert sich RB etwa bei anderen Leipziger Vereinen, dem 1000-jährigen Jubiläum der Stadt in diesem Jahr oder wohltätigen Veranstaltungen«, sagt Sportbürgermeister Heiko Rosenthal von der LINKEN. »Der Klub hat ein gutes Gespür dafür entwickelt, was man als Verein mit diesen finanziellen Möglichkeiten in Leipzig leisten sollte. Da macht der Verein sehr viel richtig. Auch gegenüber konkurrierenden Klubs im Fußball stellt sich RB nicht über andere Vereine, sondern weiß deren engagierte Arbeit zu schätzen«, bewertet Sportdezernent Rosenthal. Der 1. FC Lok will sich zwar auf Anfrage nicht über RB Leipzig äußern. Doch intern ist die Kooperation zwischen Traditions- und Retortenklub gut.

Zwar zieht RB die talentiertesten Fußballer regelmäßig von Probstheida an den Cottaweg ab. Doch einige kehren später gut ausgebildet zurück. Zwölf Kicker gingen in den vergangenen zwei Jahren von RBL zum 1. FC Lok retour. Insgesamt 20 Akteure gab RB nach eigenen Angaben vor dieser Saison an Klubs aus der Region wie Lok und BSG Chemie, aber auch Dynamo Dresden oder 1. FC Magdeburg wieder ab. »In der Vergangenheit haben die Bundesligisten die Leipziger Vereine ausbluten lassen. Nun bindet RB Talente insbesondere aus dem Raum Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt an den Standort Leipzig«, sagt Rosenthal.

Kritische Stimmen über den Marketingklub zu finden, fällt innerhalb Leipzigs Sportszene nicht leicht. Bei einer von »nd« und dem Abgeordnetenverbund »linxxnet« veranstalteten Diskussionsrunde gab es aber auch viele kritische Wortmeldungen einiger Zuhörer. RB überstrahle einstige Höhepunkte wie das Leipziger Hallenturnier, hieß es. Auch Kritik am undemokratischen Vereinsleben wurde laut. Doch viele Leipziger stehen dem Projekt euphorisch gegenüber. Über 25 000 Zuschauer kamen in der vergangenen Saison im Schnitt zu den Ligaspielen.

»RB Leipzig ist hier voll angekommen«, sagt Rosenthal. Er kann erklären, wie der Klub Stadt und Region konkret nützt und welche Effekte das Engagement des neuen Fußballriesen hat. Denn die lokale Euphorie gegenüber dem neuen Fußballklub hängt nicht nur mit der jahrelangen Fastenzeit von hochklassigem Fußball in der Messestadt zusammen. Viele Leipziger profitieren bereits jetzt direkt und indirekt vom RB-Boom. 4000 bis 6000 Arbeitsplätze würden durch RBL entstehen, hatte Oberbürgermeister Burkhard Jung vor Jahren geschätzt. »Wir bleiben dabei, dass diese Zahlen realistisch und repräsentativ sind«, bekräftigt Rosenthal.

RB Leipzig teilte mit, dass bereits jetzt in der 2. Liga an Spieltagen 1400 Beschäftigte in und um das Stadion tätig seien. In der Bundesliga würde die Zahl noch einmal steigen. Dazu kommen noch Hunderte Arbeitsplätze in den von Rosenthal benannten Branchen, aber auch in Bau- und Textilgewerbe oder Medienbetrieb. Wo es möglich ist, achte RB bereits jetzt darauf, auf regionale Partner zu setzen, zum Beispiel beim Bau des bald fertiggestellten, 35 Millionen Euro teuren Trainingszentrums am Cottaweg.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey und der Deutschen Fußball Liga (DFL) werden aus jedem Euro, den ein Bundesligist umsetzt, 2,40 Euro für die Region generiert - konservativ geschätzt. Bereits in der vergangenen Saison wurden schätzungsweise 50 Millionen Euro für Leipzig und Umland erzeugt. Im Falle eines Bundesligaaufstieges könne die Region auf 200 Millionen Euro Mehreinnahmen hoffen, glaubt Wolfgang Topf, Präsident der Leipziger Industrie- und Handelskammer.

»Wirtschaftlich hat das Engagement von Red Bull in Leipzig Auswirkungen auf den lokalen und regionalen Markt«, sagt Heiko Rosenthal. Noch wichtiger jedoch sind Effekte für Tourismus und Marketing durch den Bundesligastandort. »Für den Sportstandort Leipzig etablieren wir mit RB Leipzig eine ganz wesentliche Marke, mit der wir uns bundesweit gut positionieren«, sagt er, »RB ist zukünftig ein wesentlicher Baustein, um Leipzig wirtschaftlich zu repräsentieren.«

Der rote Stier wird künftig noch stärker mit der Stadt verbunden sein als jetzt. Und was bedeutet das für die Schausteller an der Kleinmesse oder den BSV Schönau? Die Stadt verspricht Fairness und Gleichbehandlung, trotz »Prominenz und Einmaligkeit des Projekts RasenBallsport«.

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