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In musikalischen Stahlgewittern

Rechtsextreme rekrutieren zunehmend neue Kameraden über Hip-Hop und Rap

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sie inszenieren sich als harmlose Patrioten, verbreiten jedoch rassistische Botschaften: Extrem rechte Musiker werden in Berlin immer aktiver - und instrumentalisieren auch emanzipatorische Stilformen.

Erst sind es nur Stelen. Als das Duo die Liedzeile »Oh du mein Vaterland« anstimmt, werden die Protagonisten darauf sitzend und stehend gezeigt. Spätestens, nachdem sie sich in den nächsten Minuten über »EU-Zionisten« echauffiert haben, gegen die sie »vereint in den Krieg« ziehen wollen und fortan immer wieder länger hölzern tanzend auf besagten Stelen zu sehen sind, lässt sich der Ort identifizieren: Es ist das Holocaust-Mahnmal in Berlin. »Villain051« fantasiert von einer »Hetzjagd auf Deutsche«, derweil »Dee Ex« sich als »Gerechte« sieht, die »den Mythos des kollektiv bösen Deutschen zerstören« möchte. Der Titel ihres Liedes kommt harmlos daher: »Europa sagt nein zur EU«.

»Dee Ex« bezeichnet ihren Stil auf ihrem Facebook-Profil als »Sangspruchdichtung zu neuzeitlichen Klangstücken«. Sie verwendet dort auch den Begriff, der ihre Richtung treffender beschreibt. Denn Mia Herm, wie sie wirklich heißt, macht nichts anderes als Rap; jenen Sprechgesang also, der in der afroamerikanischen Kultur entstand. Dass sich zunehmend Rechte diese Musik aneignen, erscheint paradox. Fabian Wichmann von der Berliner »Exit«-Initiative, die Aussteiger aus der Naziszene unterstützt, sieht darin eine Strategie: »Es entspricht für sie nicht der deutschen Kultur, aber sofern es der Rekrutierung dient und Jugendliche damit erreicht werden können, nutzen sie es.«

Mitte der Woche war die Beantwortung einer Schriftlichen Anfrage der Grünen-Abgeordneten Clara Herrmann an die Senats-Innenverwaltung bekannt geworden, nach der dort in den vergangenen zwei Monaten mindestens zwei rechtsextreme Musikveranstaltungen stattfanden (»nd« berichtete). Wie die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) am Freitag dem »nd« mitteilte, ist für den kommenden Samstag ein weiterer rechter »Liederabend« mitten in Berlin geplant, bei dem die in der Szene einschlägig bekannten »Lunikoff« und »Diggi & Klampfe« auftreten werden.

Ein Sprecher des Berliner Verfassungsschutzes bestätigte im nd-Gespräch, dass sich die rechte Musikszene in Berlin im Aufwind befindet. Auch Rapper etablieren sich demnach neben Rechtsrockern und Liedermachern immer mehr. »Villain051«, der unter seinem richtigen Namen Patrick Killat seit Jahren im Umfeld der Berliner NPD aktiv ist, brachte es als besonders brachialer Vertreter 2014 durch seine rassistische Hetze gegen Geflüchtete in Hellersdorf zu zweifelhafter Berühmtheit.

Vor einer Flüchtlingsunterkunft posierte er mit Kameraden der von ihm gegründeten Hip-Hop-Band »A3stus« und Deutschland-Flaggen, zu denen er antisemitische Zeilen wie diese rappte: »Brüder dieser Welt, vereinigt euch und Zion fällt / Ihm geht’s nicht mehr um Religion oder Volk / Nein, er kommt über Nacht und er will nur euer Gold.« Ein anderer Song heißt »Rap-Holocaust«, in dem er »Mein Kampf, Teil zwei« ausruft.

Für Anna Groß zeigt dies, wie gefährlich NS-Rap ist. Die Mitgründerin des Berliner Hip-Hop-Labels »Springstoff« war beteiligt an der kürzlich erschienenen Broschüre »Deutschrap den Deutschen? Deutscher Nationalismus im Rap - ein Zwischenstand«. Sie konstatiert einen Aufschwung des rechten Rap: »Seit der Fußball-WM 2006 gibt es problematische Anzeichen von akzeptiertem Nationalismus. Das spiegelt sich auch in Rap-Texten wieder, etwa von ›Pedaz feat. Blut & Kasse‹ mit dem Song ›Ich bin deutsch‹ oder auch ›Das alles ist Deutschland‹ von ›Fler & Bushido‹.«

Unfreiwillig schlage dieser Rap eine Brücke zum NS-Rap, der sich als explizit politisch verstehe. In Verboten sieht Anna Groß jedoch keine Lösung: »Internetblocks lassen sich leicht umgehen, die Videos sind schnell wieder hochgeladen.« Aufklärungskampagnen seien da besser. Außerdem müsse jener Rap gefördert werden, der sich gegen Nationalismus wende und die Ursprünge dieser Musikform wieder in den Vordergrund rücke.

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