Literatur ist »immer nur Ersatz«

Autobiographische Prosa: Peter Stamms Bamberger Poetikvorlesungen

Im Mittelpunkt des Buches stehen vier Vorlesungen, die der Schweizer Schriftsteller im Rahmen der Bamberger Poetikdozentur im Sommersemester 2014 gehalten hat. Hinzu kommen eine Reihe weiterer Texte, die Stamm in Zeitungen, Zeitschriften oder Sammelbänden veröffentlichte. Immer geht es dabei um den Autor selbst. Man könnte sogar von autobiographischer Prosa sprechen, denn in seinen Poetikvorlesungen erzählt Stamm davon, wie er zum Schriftsteller geworden ist - vom Paradies seiner Kindheit und Jugend, den ersten tastend-zögerlichen Versuchen als junger Mann, Gelegenheitsarbeiten für die Presse, von vielen verworfenen Ansätzen. Schließlich, 1998, der Durchbruch als Erzähler mit dem Roman »Agnes«. Seither legt er kontinuierlich Erzählungen und Romane vor, die es bis auf die Bestsellerlisten schaffen.

Entscheidend seien, so der Anfang seiner Überlegungen, die Orte, weil sie den Ausgangs- und Bezugspunkt von Geschichten bilden. In einem anderen Text heißt es, dass die Orte des Schreibens »Momente intensiver Wahrnehmung« darstellen. Literatur insgesamt versteht Stamm als Medium der Erkenntnis, sowohl von sich wie auch von der ganzen umgebenden Welt.

Im Blick auf den Autor formuliert er, dass die Literatur der Selbsterkundung dient. Beständig bedeute das Schreiben ein »Ringen um Worte«, weshalb es »ein gewisses Maß an Leid« beinhalte, »aber auch die Freude des Gelingens«. Dennoch ist ihm klar, dass Literatur, wie er unter Verweis auf den italienischen Schriftsteller Cesare Pavese, eines seiner großen Vorbilder neben Hemingway oder Dürrenmatt, deutlich macht, niemals an die Wirklichkeit heranreichen, dass sie Realität nie abbilden kann, wie dies die großen Realisten und Naturalisten des 19. Jahrhunderts fälschlicherweise angenommen haben. Literatur ist »immer nur Ersatz« - allerdings ein ebenso schöner wie notwendiger. Für den Autor selbst, aber auch für die Leser. Stamms Selbstauskünfte in seinen Poetikvorlesungen wie journalistischen Arbeiten, die von der Reisereportage über Künstlerporträts bis zu Reflexionen über die Schweiz als Heimatland reichen, sind nicht nur für die »Stamm-Leserschaft« interessant sondern für alle, die aktuelle Autorenpoetiken kennenlernen möchten. Und in diesem Buch dabei durchaus auch bestens unterhalten werden.

Peter Stamm: Die Vertreibung aus dem Paradies. Bamberger Vorlesungen und verstreute Texte. S. Fischer Verlag. 352 S., geb., 21,99 €.

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