Die Nasa wehren sich friedlich

Indigenes Volk in Kolumbien kämpft basisdemokratisch um seine Rechte

Pazifistisch, basisdemokratisch und innovativ agieren die Nasa in Kolumbien. Das indigene Volk lebt im Süden und bereitet sich schon auf die Zeit nach dem Friedensschluss zwischen Regierung und FARC vor.

Das eckige, leicht verbeulte Blechschild mit der Aufschrift »Tóez Territorio Nasa« hängt an einem Metallständer gleich neben der langen Auffahrt. Die führt den Hügel hinauf, an dessen Ende eine gute Handvoll Häuser zu sehen sind. Nelson Lemus tritt auf die Bremse und stoppt den Pick-up vor einem der Wohnhäuser gleich gegenüber von einem aus Bambus, Palmwedeln, etwas Zement und Holzpfeilern gebauten Pavillon, wo schon ein paar Männer Stühle aufstellen. »Heute findet hier ein Seminar statt. Wir müssen uns fortbilden, vorbereiten auf die Zeit nach dem Frieden«, erklärt Lemus. Er ist einer der gewählten Vertreter der Nasa, der zweigrößten indigenen Ethnie Kolumbiens. Rund 210 000 Nasa leben allein im Verwaltungsbezirk Cauca, der sich südlich von Cali befindet, und das Reservat Tóez befindet sich nur rund zwanzig Kilometer von der Verwaltungsstadt Santander de Quilichao entfernt.

Gleich mehrere Militärposten muss man auf der gerade sechzig Kilometer langen Strecke von der Millionenstadt Cali bis in das kleine Tóez passieren. »Hier ist Kriegsgebiet und in den umliegenden Dörfern hat es in den vergangenen Wochen immer wieder Tote gegeben - Zivilisten, Guerilleros und auch Militärs«, weist Lemus auf die brisante Situation hin. Das könnte sich nun ändern. Mit dem seit dem 20. Juli geltenden einseitigen Waffenstillstand der Guerilla hofft Feliciano Valencia wieder auf friedlichere Zeiten in der umkämpften Region. »Wir zweifeln nicht daran, dass der Friedensprozess in Havanna erfolgreich sein wird und wir unterstützten ihn. Aber für uns wird er auch zu einer Herausforderung«, so der 48-jährige klein gewachsene Mann mit dem dünnen Schnurrbart.

Seit 30 Jahren engagiert sich Feliciano Valencia für die Rechte seines Volkes und versucht gemeinsam mit anderen Organisationen auf die Situation von Kleinbauern aufmerksam zu machen. Die geraten immer wieder in den Fokus von Investoren, die mit landwirtschaftlichen Großprojekten oder mit Bergwerken oft genau die Flächen im Blick haben, die von indigenen, afrokolumbianischen Gemeinden oder Kleinbauern genutzt werden. »Genau deshalb machen wir uns kundig, wie wir uns wehren können«, sagt Valencia und deutet auf die beiden Anwälte, die gerade ihre Unterlagen auf dem Podium sortieren und gleich mit ihrem Vortrag über die Risiken des Bergbaus beginnen werden. »Der Bergbau genießt in Kolumbien Vorfahrt. Er ist von der Regierung zur Lokomotive der Wirtschaft erklärt worden.« Das schafft in der Realität neue Konflikte und auch im Cauca werden Vorkommen vermutet. Darauf wollen sich die Nasa vorbereiten.

Beim Kampf um die Rechte der Nasa sind die Frauen besonders aktiv. Ihr Stellenwert hat in den Leitungsgremien stark zugenommen. Bestes Beispiel dafür ist, dass drei von sieben Mitgliedern im Rat des »Consejo Regional Indigena del Cauca« (CRIC) weiblichen Geschlechts sind. Valencia, der als Koordinator im Bereich Menschenrechte und Frieden für den indigenen Rat aktiv ist, begrüßt das: »Die Frauen bringen neue Perspektiven in unsere Arbeit, engagieren sich sei Jahren in unserem pazifistischen Widerstand gegen den Krieg und ohne sie wären wir längst nicht so bekannt in Kolumbien.«

Den Nasa ist es mit ihren Strukturen, der eigenen Polizei, ihrer eigenen Rechtsprechung und den gut organisierten Protesten, darunter auch die friedliche Räumung von Militärposten, gelungen, die Regierung mehrfach an den Verhandlungstisch zu zwingen. »Unsere Stärke ist unsere basisdemokratische Struktur. Die bietet allen die Chance, an den Prozessen mitzuarbeiten.

Mittlerweile sind mehr Frauen aktiv, aber auch mehr Jugendvertreter«, erklärt Ana Deida Secue. Die 44-Jährige ist eine Vertreterin des Reservats Huellas, welches sich nur ein Dutzend Kilometer entfernt befindet. Sie bescheinigt den Männern, dass sie den Frauen nicht im Wege stünden, wenn es um Ämter und Posten gehe. Das war nicht immer so. Aber anders als im Rest der Gesellschaft sind die patriarchalen Strukturen bei den Nasa auf dem Rückzug. Sie versuchen ihre eigene Zukunft zu gestalten und fordern von der Regierung Land ein, das ihnen schon lange zusteht. »Wir haben in den vergangenen dreißig Jahren mehrere Abkommen mit der Regierung unterzeichnet, die uns Ländereien zubilligen. Doch kaum einer dieser Verträge würde erfüllt«, weist Ana Deida Secue auf ein grundsätzliches Dilemma hin: den fehlenden politischen Willen der Regierung, verbindliche Verträge auch einzuhalten.

Derzeit sind es 20 000 Hektar, die die Nasa mit Besetzungen und Protestmärschen für sich einfordern, um dort Landbau zu betreiben. »Mehr Land ist unabdingbar, um der Jugend Perspektiven aufzuzeigen«, erklärt die Ratsfrau Luz Marina Canas Trochez. Sie plädiert für ein kleinbäuerliches Agrarmodell in der Region und da hat der Bergbau keinen Platz. »Er gefährdet die Wasserqualität und schafft kaum Arbeit«, erklärt sie am Ende des Seminars im Reservat Tóez.

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