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Der Osten als Männer-WG

Seit 1990 haben die neuen Länder 2,3 Millionen Menschen verloren - mit ernsten Folgen

Die Folgen von Abwanderung und Kindermangel sind im Osten 25 Jahre nach der deutschen Einheit nicht zu übersehen. In manchen Regionen haben es junge Männer schwer auf dem »Heiratsmarkt«.

Sie skypen, mailen und telefonieren mit ihren Töchtern und Söhnen, die jetzt in Berlin, Frankfurt am Main, München, Hamburg oder Wien leben. In Ostdeutschland, so scheint es, pflegt eine Elterngeneration intensive Fernbeziehungen zu ihren Kindern. In Scharen haben vor allem die Jungen in den 1990er Jahren und in einer zweiten Welle um die Jahrtausendwende die fünf neuen Länder verlassen - auf der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, nach Zukunft und einem guten Einkommen. Weil in den Wendewirren ohnehin wenige Kinder geboren wurden, sprechen Bevölkerungsforscher nun von der halbierten Generation. Und sie verweisen auf ein Phänomen: den Männerüberschuss.

»Die ländlichen Räume Ostdeutschlands weisen ein großes Defizit an jungen Frauen auf, das selbst auf europäischer Ebene beispiellos ist«, heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (Wiesbaden) zu Ursachen und Folgen der Abwanderung aus den fünf neuen Bundesländern. »Not am Mann« überschrieb das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung eine Untersuchung, die vor einigen Jahren erstmals auf das Problem und die schlechten Karten gering qualifizierter junger Männer auf dem ländlichen »Heiratsmarkt« aufmerksam machte.

»Das ist immer noch so. Das ist eine Folge der Wanderungsbewegungen - erst zwischen Ost und West und jetzt zwischen Land und Stadt«, sagt Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Auch in ländlichen Regionen im Westen gebe es weniger Frauen. »Aber längst nicht in diesem Ausmaß.«

Im Gegensatz zur Not der Dörfer und Kleinstädte entwickeln sich einige Städte inzwischen wieder zu »Wachstumsinseln« inmitten der »Schrumpfregion« Ost, die seit der Wiedervereinigung 2,3 Millionen Menschen verloren hat. Zu den Inseln zählen die Hochschulstädte Jena, Greifswald oder Weimar, aber auch das Umland von Berlin sowie die Großstädte Leipzig, Dresden, Erfurt und neuerdings auch Magdeburg. Greifswald, das in einer eher strukturschwachen Region Mecklenburg-Vorpommerns liegt, habe heute den höchsten Frauenanteil an der Bevölkerung der 18- bis 24-Jährigen, hat das Bundesinstitut errechnet.

Der Männerüberschuss ist zurückzuführen auf die besondere Mobilität ostdeutscher Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren. Und auf ihre im Vergleich zu Jungen tendenziell besseren Schulabschlüssen - darin sind sich alle Wissenschaftler einig. Die jungen Frauen packten vor allem in den Regionen die Koffer, die abseits der größeren Städte und der Pendlerregionen entlang der Landesgrenzen zu Bayern, Hessen oder Niedersachsen liegen.

Bei der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gebe es viele Kreise mit bis zu 25 Prozent mehr Männern als Frauen, konstatiert das Bundesinstitut in Wiesbaden. »Das gilt vor allem für strukturschwache Regionen.« Die Herausforderungen dort durch die den Rückgang der Bevölkerung und deren Überalterung sind groß: für den Arbeitsmarkt wegen des Fachkräftemangels, für die Sozialsysteme und die Infrastruktur, für die öffentlichen Kassen. Auch die rechtsextremen Tendenzen in von Männern geprägten Regionen damit zu tun.

Der Gegensatz zwischen Frauendefiziten in ländlichen Räumen und Frauenüberschüssen in Städten nehme noch zu. »Eine Trendwende ist nicht zu erkennen«, sagen die Bevölkerungsforscher. Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Reint E. Gropp, rät dazu, aus der Not eine Tugend zu machen: »Man muss sich auf die Städte konzentrieren, gerade in Ostdeutschland. Sie müssen attraktiver werden für die Zielgruppe der gut ausgebildeten, möglichst kinderreichen jungen Familien.«

Als Gegenden mit Frauenmangel in der Altersgruppe bis 39 Jahre gelten beispielsweise die Region Parchim in Mecklenburg-Vorpommern, das Jerichower Land in Sachsen-Anhalt, die brandenburgische Prignitz, Mittelsachsen oder der Kreis Schmalkalden-Meiningen im Süden Thüringens.

»Es fehlen die Jungen«, sagen Kommunalpolitiker wie der Bürgermeister der ostthüringischen Kleinstadt Schkölen, Matthias Darnstädt. Dass es vor allem die jungen Frauen sind, sei vielen im Alltag gar nicht so bewusst. »Wer eine Frau sucht, findet sie auch. Wir haben nicht mehr Junggesellen als in anderen Zeiten auch.« dpa/nd

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