Von Florian Brand

Wo »bitte« und »danke« selbstverständlich sind

Ein Besuch bei Berliner Bürgerinitiativen, die Geflüchteten Hoffnung geben

Ehrenamtliche Helfer leisten Großartiges und werden von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, geschweige denn entlohnt.

Buntes Gewusel herrscht an der Rezeption der Erstaufnahmeeinrichtung am Kaiserdamm 3 in Charlottenburg. Die Ehrenamtlichen von der Initiative »Charlottenburg hilft« werden herzlich begrüßt. Und grüßen mindestens genauso herzlich zurück. Es gibt viele Umarmungen, nette Worte, Küsschen auf die Wange, strahlende Gesichter. Besonders die Kinder freuen sich. In dem ehemaligen Jugendhotel sind auf sechs Etagen verteilt rund 100 Menschen untergebracht. Jeden Samstag zur Mittagszeit treffen sich die Helfer und organisieren Aktivitäten. Fünf bis sechs Frauen umfasst der innere Kern. Sie sind jedes Wochenende hier. Darüber hinaus engagieren sich circa 20 weitere. Helfen bei Behördengängen, bringen Spenden oder sind einfach nur da. »Für mich ist das hier wichtig, weil ich das Gefühl habe, ich tue was Richtiges. Das pusht mich«, sagt Nicole Kahmann von der Initiative.

Keine zehn Minuten später sitzen eine Handvoll Kinder im Park und musizieren. Alain und Jacqui sind spontan mit ein paar Trommeln und einem Akkordeon vorbei gekommen. Selbst die ehrenamtlichen Helferinnen der Initiative sind überrascht: »Das hat Abbas organisiert, einer der Geflüchteten«, sagt Nicole. Abbas steht grinsend abseits und schaut zufrieden den Kindern beim trommeln zu. Alain hat seine Quatschkommode umgeschnallt und dirigiert die Kinder. Aus einem wilden Durcheinander wird in Windeseile Musik, ohne viele Worte.

Im Bürgerhaus Buch gibt die Studentin Aneke zweimal in der Woche Deutschunterricht für Geflüchtete. Sie ist eine von zwölf Ehrenamtlichen. Circa 20 Männer und Frauen nehmen das Angebot wahr. Die Kurse sind unterteilt in unterschiedliche Fortschrittsstufen. Eine Gruppe Eritreer muss »alphabetisiert« werden.

Zwei Frauen sitzen heute im Raum. Sie sind sehr verschüchtert. Normalerweise sind es fünf bis sechs. Es wird viel gelacht. Aber der Stoff ist hart. Eine der beiden Frauen verzweifelt an der deutschen Sprachlogik.

»Das Problem ist die Nachhaltigkeit«, sagt Aneke. Viele haben neben behördlichen auch andere Probleme und schaffen es nicht regelmäßig in die Kurse. Auch die immer neu hinzu kommenden Menschen machen einen einheitlichen Unterricht schwierig. Für Aneke ist ihre Arbeit selbstverständlich, »Solidarität zeigen!«. Dafür nimmt sie auch zwei Stunden Fahrzeit auf sich.

Für Martina Schröder von der Initiative »Willkommen in Wilmersdorf« ist die Nachhaltigkeit genauso wichtig. Sie sagt, es reicht nicht, einfach nur Deutschkurse anzubieten. Man muss mit den Menschen in Kontakt treten und dafür sorgen, dass sie regelmäßig die Möglichkeit haben, Deutsch zu sprechen: »Den Geflüchteten fehlt vor allem die tägliche Sprachpraxis. Wenn sie in ihren Familien oder bei Freunden sind, wird die Muttersprache gesprochen«.

Circa 60 Unterstützer zählt die Initiative »Willkommen in Wilmersdorf«. 30 davon erscheinen regelmäßig zu den Treffen. Neben dem wöchentlich stattfindenden Deutschkurs, den ungefähr zehn Menschen besuchen, unterstützen die Helfer auch bei Hausaufgaben oder betreuen die Kinder. »Es ist unsere Pflicht aufgrund unserer Vergangenheit, dass wir uns der Verantwortung bewusst sind, die wir tragen, da wir durch unsere Außenpolitik dazu beitragen, dass es Krieg gibt«, sagt Schröder.

Ab diesem Montag koordiniert die Stiftung »Gute-Tat.de« die ehrenamtlichen Helfer in der Flüchtlingspolitik in ganz Berlin. Die Stiftung soll im Auftrag des Senats an einem Info-Telefon und im Internet alle Anfragen von Menschen entgegennehmen, die Flüchtlingen helfen wollen und ihren Einsatz steuern. Ebenfalls im Einsatz wird ab diesem Montag auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales ein Arzt der Johanniter sein, der täglich von 8 bis 20 Uhr die Menschen betreut. Mit dpa

www.Gute-Tat.de, Tel.: 39 08 82 22

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