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Der Furz der Kinder

Poesiealbum Les Murray

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Wir Leser sind eine begnadete Innung: Wir sind kostenlos, anstrengungslos, opferlos und gewaltlos genau das, worum sich weltweit Leute bekriegen, verausgaben, verkaufen, vergeuden, verraten: Wir sind - Teilhaber. Dürfen es sein, einfach so. Sind in der Beziehung zur Poesie also das, was im Geschäft von Politik und Ökonomie und sonstigem Machtgebaren nur furchtbare Hackordnungen verfestigt.

Leserschaft, ach: großartigste Instanz - die sich ja sogar einbilden darf, recht eigentlich den Poeten zu schaffen; denn was wäre er ohne uns, die wir die Bücher aufschlagen, die wir das Geschriebene aufnehmen, wie man Nahrung aufnimmt, Witterung, Tuchfühlung. Jedes Buch, zu dem wir greifen, ist Aufhilfe für die vorzüglichste Emanzipation: Du machst lesend Dichter, verwandelst Konsum in Genesis.

Auferstehung? Kein Problem. Jeder Buchstabe - Teil eines toten Textes - wird beim Lesen gleichsam ein Grabfliehender, jeder gute Satz eine Gelegenheit zu heiligem Geist, jedes vortreffliche Buch ein Erlöser. Les Murray porträtiert in einem Gedicht die Poesie, als sei sie Jesus: Schreiben, um »sich nicht hochzuarbeiten und dabei/ die Armen zu verraten. Für einen Ruhm, der dich nicht auffrißt«.

Der Australier, 1938 geboren, ein massiger, doch kindlicher Kerl, schon mehrfach als Favorit für den Nobelpreis benannt, schreibt vertrackte Gedichte, in Grausamkeit noch wunderlich, in Absurdität so wahrhaftig. Ein von Tieffliegern beschossener Lastkraftwagen, brennend, »fährt zur Welt hinaus/ mit seinen Jüngern«. Großartig, was ein alter Apfel so vermag: »Ein Veteran kann sich in einem Schmetterherbst/ großteils fallenlassen, um aus einem Stiefel neu zu wachsen.«

Aufgemerkt eben? Beim sonderbaren Wort vom Schmetterherbst? Schön, wenn man Worte noch nie gehört hat (Margitt Lehbert schreibt wohl das beste Murray-Übertragungsdeutsch!).

Der Dichter versetzt sich in einen Zugvogel, in einen Hahnendornbusch, in Kühe am Schlachttag. Er bedichtet elegisch Hunde, Farmterrassen, überhaupt: Pflanzen und Tiere, Arbeit im harten Boden, das Erleben von Wetter und Wirtschaften in freier Natur - es ist, als wehre sich Murray mit nahezu wortorgiastischer Würde, Wut und Wildheit gegen alles blöd Rationale und das so bieder wie brutal Anmaßende menschlicher Überhebung. Ein Augenzwinkern in Richtung Tod. »Die Mutigen sterben nur einmal? Ich schaffe es hundert Mal die Woche,/ klammerte mich an meinen Puls, die Schneide der Welt gleich da«.

Ein Poet der Butterblume, der Sommerkoppel und so merkwürdiger Dinge wie dem »splittrigen Horizont voller Nullperlen«. Herrlichster Bilderwildwuchs. Dreckfingerzeige ins Unausgeschilderte. Lieblichste Derbheit. Als seien Gitarrensaiten Stromleitungen. »A wie Adrenalin, die ursprüngliche A-Bombe, Treibstoff/ und Strafe des Strebens«. Schreiben als Wegweisung aus aller Ordnung. Wer liest Gedichte? »Nicht die armen Schulkinder,/ die heimlich furzen, während sie dagegen geimpft werden.«

Poesiealbum 318: Les Murray. Hrsg. von Richard Pietraß. Übertragung. Margitt Lehbert. Grafik: Hans Landsaat. Märkischer Verlag Wilhelmshorst. 32 S., br., 5 Euro.

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